Anwohner in Hanau: „Ich weiß nicht, wie ich das aus dem Kopf bekommen soll“

Anschlag in Hanau

Die Bluttat in Hanau erschüttert ganz Deutschland. Besonders betroffen sind jedoch die direkten Anwohner am Hanauer Heumarkt. Einige haben den Angriff aus nächster Nähe miterlebt.

Hanau

von Thorsten Fuchs

, 20.02.2020, 18:43 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ein Mann legt am Heumarkt in unmittelbarer Nähe eines Tatorts Blumen ab. Hier befindet sich eine der beiden Bars, auf die Schüsse abgegeben wurden.

Ein Mann legt am Heumarkt in unmittelbarer Nähe eines Tatorts Blumen ab. Hier befindet sich eine der beiden Bars, auf die Schüsse abgegeben wurden. © dpa

Es hätte auch ihn treffen können. Es war sehr knapp, und das ist Kadir Köse am Tag danach auch längst schmerzhaft bewusst. Türkischstämmig, Wirt am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt, das reichte ja schon, um in der abstrusen, rassistischen Gedankenwelt des Täters zum verhassten Ziel zu werden. Und so steht der 38-jährige Köse an diesem Donnerstag vor seiner Bar, dem „Blind Rabbit“, und weiß nicht recht, ob er eher froh sein soll, dass er unverletzt geblieben ist, oder entsetzt darüber, was diesen Mann getrieben hat, und dass der es geschafft, auch zwei von seinen Köses Bekannten, zu töten.

„Was haben die diesem Mann getan? Was haben die den Deutschen weggenommen?“, fragt er – und schweigt dann, um zu sagen, dass es darauf keine Antwort gibt außer: nichts, gar nichts.

In Köses Worten spiegeln sich der Zorn, die Trauer und die Wut eines Mannes, der dieses Verbrechen, das jetzt ganz Deutschland erschüttert, aus großer Nähe erlebt hat. Es war gegen 22 Uhr am Dienstagabend, Kadir Köse stand in seiner Bar, als er von draußen Schüsse hörte. Köse reagierte geistesgegenwärtig. „Ich sagte zu meinen Gästen: Bleibt von den Fenstern weg“, sagt er, „und habe mich selbst weggeduckt.“ Das war sein Glück. Als sich der Erste seiner Gäste hinaustraut, sieht er den Täter nur noch von hinten, wie er zu seinem Auto geht, um weiterzufahren und weiterzumorden.

„Das war Ausnahmezustand hier“

Erst allmählich wird den Menschen in der Bar nun klar, was geschehen ist: Dass der Täter, Tobias R., gerade schräg gegenüber, in der „Midnight Bar“, vier Menschen erschossen hatte. Dass er dann weitergezogen war, in seinen Heimatstadtteil Kesselstadt, zwei Kilometer Richtung Westen, um dort, in einem Kiosk namens „Arena Bar“, weitere fünf Menschen zu erschießen, dann seine Mutter und schließlich sich selbst.

Tobias R. hat damit, das wird an den Reaktionen an diesem Donnerstag klar, das ganze Land getroffen, erschüttert. Aber gezielt hat er natürlich auf Menschen in Hanau, dieser kleinen Großstadt östlich von Frankfurt, und die, die genauso gut hätten seine Opfer werden können, die fragen sich: Warum? Und was oder wer hat diesen Täter ermutigt, seinen rassistischen Wahn auszuleben?

Da ist zum Beispiel die Mitarbeitern des kleinen Hotels gegenüber der Midnight Bar, die am frühen Morgen ihre Kollegin abgelöst hatte, die die halbe Nacht lang die Mutter eines der Opfer betreut hatte, des türkischstämmigen Besitzers der Bar. „Das war Ausnahmezustand hier“, sagt sie.

Sie selbst stammt aus Bosnien, seit 1993 lebt sie in Deutschland, seit 2001 in Hanau, und sie versichert, dass Miteinander der Kulturen hier, auch am Heumarkt, mit den Reisebürobesitzern aus Bulgarien, dem italienischen Lokal, den türkischen Wirten, überhaupt die ganze Atmosphäre in Hanau sei ihr immer harmonisch erschienen. „Das war hier für mich eine Märchenstadt“, sagt sie. „Und jetzt ist es eine Albtraumstadt.“

Oder da ist Hassan, ein Marokkaner aus dem Eckhaus, der von seinem Fenster aus alles mit ansah und dann heruntereilte, aber als er unten war, konnte er bei einem Opfer nur noch den schwächer werdenden Puls fühlen.

Hassan ist ein gestandener Mann, um die 40, er kommt gerade von der Zeugenaussage bei der Polizei, aber noch immer wirkt er fahrig. „Bumm, bumm“, macht er, als er die Szene schildert, immer wieder dieses „Bumm, bumm“, und dann: „Ich habe Angst.“ Davor, dass es vielleicht doch noch einen Mittäter gibt.

„Die Rechten gehören verboten“

Aber dieser Täter, auch das wird ihnen hier an diesem Tag rasch klar, der kam eben gar nicht aus einer anderen Welt, er kam hier ganz aus dem Nähe, einen Stadtteil weiter nur. Aber gemerkt haben sie am Ende eben dennoch nichts, was es am Ende eben nur noch unheimlicher macht.

Auch Kadir Köse, der Wirt aus der „Rabbit Bar“, ist in Kesselstadt aufgewachsen, genauso wie der Täter, wie Tobias R.. Vielleicht sind sie sich begegnet, überlegt er, es ist sogar wahrscheinlich, und wahrscheinlich sind sich auch Schulfreund, der jetzt tot ist, erschossen in der „Arena Bar“, und dieser Tobias R. mal über den Weg gelaufen, es kann kaum anders sein.

Und wenn sich Köse nun fragt, wie es sein kann, dass da jemand seinem rassistischen Hass freien Lauf lässt, dann kommt er rasch auf jene, die in den letzten Jahren in Deutschland immer lauter wurden: „Die ganzen Rechten gehören verboten, die schüren doch den Hass“, sagt er. Es ist das, was unter den Menschen am Heumarkt an diesem Tag viele denken: Dass die Rechtsextremisten in der AfD und anderswo das Klima in Deutschland verändert haben. Und dass sie es sind, von denen sich Tobias R. ermutigt fühlte.

Hanau ist an diesem Tag eine Stadt im Ausnahmezustand, voller Polizisten und Journalisten, und auch die Menschen sind an diesem Tag im Ausnahmezustand, zum Beispiel kommen sie zusammen an der Polizeiabsperrung im Stadtteil Kesselstand, wo die Polizei mit Flatterband einen großen Ring gezogen hat um die Arena-Bar, jenen Kiosk, der „24/7“ geöffnet ist, wie das Schild verspricht, und in dem Tobias R. fünf Menschen tötete. Ein junger Mann mit dichten Locken, Sercan, 16 Jahre, Sohn eines türkischen Vaters und einer spanischen Mutter legt hier Blumen nieder.

„Ich weiß nicht, wie ich das aus dem Kopf bekommen soll“

Der Kiosk liegt im Erdgeschoss eines in die Jahre gekommenen Hochhauses, neben einem Lidl, und Sercan erzählt, er sei häufig hier gewesen, um Aufladekarten oder Süßes zu kaufen, „deshalb kannte ich auch den Besitzer und viele Gäste“, von denen klar war, dass es viele mit Migrationshintergrund waren. Als er am Abend die Schüsse hörte, sei er einfach runtergelaufen. „Und dann sah, wie sie da lagen, blutüberströmt.“ Er blieb, bis die Polizisten kamen und ihn wegschickten, aber geschlafen hat er in jener Nacht nicht mehr, bis jetzt nicht. „Wie ich das alles aus dem Kopf bekommen soll“, sagt er, „das weiß ich auch noch nicht.“

Vielleicht war auch Tobias R. früher hier, jedenfalls liegt das Haus seiner Eltern nur ein paar Schritte entfernt, das Haus, in dem er jetzt seine Mutter erschoss und dann sich. Es liegt in einer Reihenhaussiedlung, die gleich an die Wohnblocks anschließt, aber auch hier hat die Polizei alles abgesperrt.

Ein Mann, der vorbeigeht, sagt: „Wir kannten die Familie hier alle.“ Reden aber möchte er jetzt lieber nicht mehr. Das ist auch nicht mehr nötig. Die Nachrichten über Tobias R., über seinen Weg, gehen da längst um die Welt.