Antigone als Revoluzzerin

ESSEN Regisseur David Bösch ist für seine modern-aufgepeppten Inszenierungen bekannt. Jetzt hat er sich Sophokles? "Antigone" im Grillo Theater in Essen vorgenommen. In dem antiken Drama geht es um Verantwortung für ein Gemeinwohl, für die Familie, um Loyalität und Widerstand - und um das Vergeben. Es geht um Götterrecht contra Staatsgesetze. Ironisch hat Bösch nun den Widerstand gegen den Staat auf eine selbstgefällige Rockmusiker-Pose reduziert und die Inszenierung mit sattem, zuweilen ohrenbetäubenden, Gitarrensound (Karsten Riedel) unterlegt.

von Von Britta Helmbold

, 30.03.2008, 16:11 Uhr / Lesedauer: 1 min
Sarah Viktoria Frick trauert als Antigone um ihre zwei toten Brüder.

Sarah Viktoria Frick trauert als Antigone um ihre zwei toten Brüder.

Bildermächtig startet die Aufführung: "Ungeheures ist viel" prangt auf der bühnenwandfüllenden Video-Wand, die Gitarre setzt ein und über die Leinwand flackern in surreal anmutenden Traumsequenzen die vier Geschwister (Video: Bibi Abel). Die beiden Brüder, diesmal in der Rolle des Chors, denn auch das Personal hat Bösch drastisch reduziert, informieren über die "Story" - und das machen Lukas Graser und Nicola Mastroberardino ganz wunderbar im überaus gestenreichen Chorsprech. Die Sequenz, in der sich die Brüder erschlagen, wird schnell als Kampf mit riesigen Schwertern gespielt, bevor das Komiker-Duo weiter berichtet.

Dann betritt Kreon die Bühne, erläutert in Politiker-Manier seine Rechtsauffassung dem Publikum-Volk bis Antigone dazwischen brüllt. Schwester Ismene zieht sie aus der Versammlung. Sarah Viktoria Frick hat ein unglaubliches Organ, sie lässt ihre kompromisslose Antigone noch öfter hysterisch kreischen und hat einen grandiosen Auftritt als Punk-Sängerin, wenn sie ihr "Mich schreckt das Sterben nicht" ins Mikrophon röhrt. Barbara Hirt als zögerliche Ismene wirft ihrer Schwester vor, sich als Revoluzzer-Größe zu stilisieren. Doch am Ende will auch sie ins Totenreich, um mit den Geschwistern im Jenseits weiter Fangen zu spielen.

Holger Kunkels Kreon wandelt sich vom pflichtbewussten Herrscher zum Tyrann, was nicht nur an seiner Kleidung ablesbar ist (Kostüme: Sabine Ebner). Der berührendste Moment der Inszenierung ist der Vater-Sohn-Dialog. Doch Antigones Verlobter (Martin Vischer) schafft es nicht den Papa umzustimmen, erhält nur eine Ohrfeige. Erst der Seher, wiederum von Mastroberardino und Graser gespielt, bringt Kreon zur Vernunft. Seine Einsicht kommt zu spät - die Kinder sind tot. Zurück bleibt ein gebrochenen Mann. - Jubel für Böschs Ideen-Strudel.

 

Karten: Tel. (02 01) 8 12 22 00.

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