Angst vor Corona: Einheimische machen Jagd auf Autos mit fremden Kennzeichen

Coronavirus

In den deutschen Küstenregionen nimmt die Angst vor Corona bizarre Züge an. Anwohner mit auswärtigen Autokennzeichen werden beschimpft und bepöbelt - manche Wagen werden gar beschädigt.

Norden

21.04.2020, 16:17 Uhr / Lesedauer: 4 min
In Norden ist ein Fahrzeug mit auswärtigem Kennzeichen beschädigt und mit Farbe beschmiert worden. (Symbolbild)

In Norden ist ein Fahrzeug mit auswärtigem Kennzeichen beschädigt und mit Farbe beschmiert worden. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

In den niedersächsischen Küstenorten wären normalerweise zu dieser Jahreszeit unzählige Touristen unterwegs, die bei herrlichem Frühlingswetter die Strände entlang spazieren. In Zeiten der Corona-Einschränkungen ist genau das allerdings verboten: Touristische Aktivitäten sind ebenso untersagt wie etwa der Aufenthalt von Personen, die nur einen Zweitwohnsitz an der Nordsee haben.

Genau dieser Umstand sorgt in den Küstenorten nun allerdings für ein bizarres Phänomen: Es mehren sich Berichte von Anwohnern, die wegen ihres fremden Autokennzeichens von Einheimischen bepöbelt werden. Und das, obwohl sie selbst ihren festen Wohnsitz in der Region haben. In einigen Fällen wurden Fahrzeuge sogar beschädigt.

Auto mit Farbe übergossen und beschädigt

Ein extremer Fall dieser Art hat sich vor einigen Tagen im Landkreis Aurich abgespielt: Hier war das Auto eines Klinikmitarbeiter mit weißer und nicht abwaschbarer Farbe beschmiert worden, berichtete die Klinik in Norden am Montag. Der Sachschaden sei erheblich, es sei Anzeige erstattet worden.

Und es war nicht der erste Fall dieser Art: Bereits vor einigen Wochen habe das Auto eine große unerklärliche Beule aufgeweisen. Der Klinik-Mitarbeiter habe mittlerweile Angst, dass es zu weiteren Beschädigungen an sicherheitsrelevanten Teilen des Fahrzeugs kommen könne, heißt es weiter in der Mitteilung.

Für das Krankenhaus ist der Fall klar: Grund für die Attacken ist das auswärtige Kennzeichen des Wagens - dabei habe der Kollege seinen Hauptwohnsitz in Norden. „Selbst wenn es einen Verstoß gegeben hätte, dann darf nicht kriminelle Selbstjustiz das Handeln bestimmen“, so die Geschäftsführung der Klinik.

Beschimpfungen in Cuxhaven

Es ist nicht der einzige Fall dieser Art an der Nordseeküste. In der Touristen-Stadt Cuxhaven werden bereits seit Beginn der Corona-Maßnehmen Anwohner mit auswärtigen Kennzeichen bepöbelt und aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Auf einem Zettel, der bereits im März in einer Facebook-Gruppe geteilt wurde, ist zu lesen: „Haben Sie den Schuss nicht gehört? Ignoranten und Egoisten wie Sie tragen dazu bei, dass sich der Virus weiter verbreitet. (...) Wir wollen keinen Corona-Tourismus in Cuxhaven, erst recht nicht aus NRW. (...) Ihr Kennzeichen wurde fotografiert.“

Wie sich später herausstellte, gehörte das Kennzeichen aber gar keinem illegalen Touristen - sondern einem Anwohner mit Hauptwohnsitz in Cuxhaven, der schlichtweg sein altes Kennzeichen behalten hatte.

Fälle wie dieser führen dazu, dass Anwohner mit Fremd-Kennzeichen inzwischen zu Notlösungen greifen: Sie hängen sich Schilder ins Auto, auf denen beispielsweise der Satz steht: „Erster Wohnsitz Cuxhaven“. Darüber berichten die „Cuxhavener Nachrichten“. Ähnliche Fälle gibt es auch in Schleswig-Holstein, wie etwa shz.de berichtet.

Auch Cuxhavens Oberbürgermeister Uwe Santjer sah sich im März dazu veranlasst, einen Appell an seine Bewohner zu richten: „Bitte lasst es sein, solche Zettel zu schreiben.“ Santjer wies darauf hin, „dass einige Menschen mit auswärtigem Kennzeichen in Cuxhaven gemeldet sind oder zumindest hier arbeiten. Diese Mitbürger könnten vielleicht bei der Polizei arbeiten und Sie schützen, könnten in der Klinik arbeiten und Ihr Leben retten oder vieles andere mehr.“

Allmählich bessert sich die Lage

Zumindest in Cuxhaven scheint der Appell inzwischen gewirkt zu haben: Anke Rieken von der Polizeiinspektion Cuxhaven erklärt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass Fälle dieser Art inzwischen abnehmen. „Die Fälle haben zu Beginn der Einschränkungen eine große Dynamik über Facebook-Gruppen bekommen“, sagt Rieken. Beschädigte Autos, wie etwa im Kreis Aurich, habe man in der Region glücklicherweise nicht festgestellt. Auch würden nur selten Bürger bei der Polizei anrufen, um auswärtige Kennzeichen zu melden.

Im Wangerland, ebenfalls idyllisch gelegen an Niedersachsens Nordseeküste, ist die Gemeinde der Problematik zuvor gekommen. Sie gibt bereits seit Ende März sogenannte Nachweispapiere für Autofahrer heraus. Sie können hinter die Scheibe gelegt werden und bestätigen, dass der Anwohner seinen Hauptwohnsitz in der Gemeinde Wangerland hat.

Die Nachfrage nach diesen Schildern sei groß gewesen, berichtet die „Wilhelmshavener Zeitung“. Über 100 dieser Bescheinigungen seien ausgegeben worden. „Wir erleben es durchaus, dass Leute mit fremden Kennzeichen schief angeschaut werden“, wird der Leiter des Ordnungsamtes, Markus Gellert, zitiert.

Bürgermeister Björn Mühlena appellierte derweil an die Bürger: „Wir sind ein Wangerland. Wir dürfen eine Spaltung der Gesellschaft nicht zulassen.“ Nach dem Verteilen der Auto-Schilder habe sich der „der Meldestrom besorgter Bürger“ zunächst abgeflacht.

Denunziantentum auch in Mecklenburg-Vorpommern

Das Phänomen scheint sich aber nicht nur auf Deutschlands Küstenorte zu beschränken. Auch in anderen Urlaubsregionen berichten Lokalmedien über ähnliche Fälle. In der Nähe des Kummerower Sees in Mecklenburg-Vorpommern seien Autos mit auswärtigen Kennzeichen gar vom Ordnungsamt verfolgt werden, heißt es in einem Artikel des „Nordkuriers“.

Die Mitarbeiter des Malchiner Ordnungsamtes hätten sich an einem Samstag praktisch an an jedes Auto gehängt, das laut Nummernschild nicht aus Mecklenburg-Vorpommern stammt. „Die Jagd auf Urlauber im selbsternannten Tourismusland Nummer eins ist eröffnet“, analysiert das Blatt sarkastisch.

Einem zugezogenen Berliner sei derweil wegen seines fremden Autokennzeichens die Polizei auf den Hals gejagt worden, berichtet die Zeitung weiter. „Ich hätte nie gedacht, dass in diesen Zeiten, in denen wir doch alle solidarisch sein sollten, nur wegen eines fremden Kennzeichens mit dem Finger auf andere gezeigt wird“, wird der Mann zitiert. „Diese Denunziation erinnert einen an die Blockwarte oder an Horch und Guck.“

Polizei ermahnt Bürger: „Bitte habt euch lieb“

Die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern sieht sich inzwischen offenbar gezwungen, seine Bürger dringlich zu ermahnen. In den Dienststellen der Polizei stünden die Telefone wegen Meldungen vermeintlicher Corona-Verstöße nicht mehr still, heißt es dort.

Nicht jedes Auto mit Kennzeichen aus anderen Bundesländern deute auf Urlauber hin - in vielen Fällen handele es sich um Firmenwagen, so die Polizei. Außerdem gebe es seit 2015 die Möglichkeit, auch nach einem Umzug an einen neuen Wohnort, das alte Kfz-Kennzeichen behalten zu dürfen. Es gebe keinen Grund, diese Menschen im Streit zur Rede zu stellen.

„Bitte habt euch lieb“, appellierte beispielsweise auch die Polizei in Greifswald. Innenminister Lorenz Caffier sagte, das Meldeverhalten mache ihm Angst. Mecklenburg-Vorpommern sei ein offenes Land, oft werde da nicht mit der nötigen Sensibilität vorgegangen. Es gebe auch eine Zeit nach Corona.

RND

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