Afrodeutsche bei Rossmann rassistisch beleidigt – und von Polizist bedroht

Rassismus

In einer Rossmann-Filiale soll es zu einem rassistischen Übergriff gekommen sein. Eine schwarze Kundin wollte den Vorfall bei der Polizei anzeigen. Ein Beamter soll ihr gedroht haben.

12.06.2020, 08:03 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Vorfall soll sich in einer Filiale in der Nähe des Ku’damms in Berlin zugetragen haben.

Der Vorfall soll sich in einer Filiale in der Nähe des Ku’damms in Berlin zugetragen haben. © picture alliance / Peter Kneffel

Vanessa Henke aus Berlin richtet sich mit einem verstörenden Video an die Öffentlichkeit: Die junge Mutter gibt an, in einer Rossmann-Filiale in Berlin rassistisch beleidigt worden zu sein. Rossmann bestätigte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) einen Vorfall, nach dem es zu einer Anzeige seitens einer Kundin kam. Ein hinzugerufener Polizist soll die Frau bedroht haben – würde sie eine Anzeige erstatten, drohe ihr eine Haftstrafe wegen Falschaussage. Auch die Polizei untersucht den Vorfall nun intern.

Henke hatte ihren Einkauf in der Drogerie gerade bezahlt, als die Mitarbeiterin von ihr zum Gegenchecken den Ausweis sehen wollte – was laut Henkes Aussage bei den weißen Kunden vor ihr nicht der Fall gewesen sei. Auf der Suche nach ihrem Personalausweis rückte sie zunächst ihre Versichertenkarte heraus, auf der allerdings ihr erster Vorname Berênïcé steht, den sie normalerweise nicht nutzt. Obwohl Henke das dazu sagte und auch gleich den Ausweis nachreichte, wurde ihr daraufhin von der Kassiererin Kartenmissbrauch vorgeworfen.

Name auf der Versichertenkarte „zu deutsch“: Kassiererin wirft Kundin Kartenmissbrauch vor

„Sie hat ganz laut gesagt, dass ich nicht der Inhaber der Karte wäre und mich strafbar mache“, erzählt Henke in ihrem Video, das sie auf Facebook teilte. Doch die Kassiererin soll noch nachgelegt haben, vor den Augen des vierjährigen Sohnes von Henke. „Eine Schwarze wie ich könne so eine Karte nicht haben, der Name höre sich zu deutsch an“, so Henke in dem Video. Sie habe der Verkäuferin daraufhin vorgeworfen, rassistische Äußerungen zu tätigen.

Durch die laute Auseinandersetzung kam wohl die Filialleitung hinzu. „Auch sie sagte, dass das nicht meine Karte sei, erst als ich sagte, dass ich die Polizei rufen würde, wurde eingelenkt“, berichtet Henke, die in dem Video immer wieder mit den Tränen ringt. Ihr sei dann vorgeworfen worden, die Rassismuskarte zu spielen und zu lügen – obwohl die Filialleiterin nicht dabei gewesen war, würde sie ihre Hand für die Kollegin ins Feier legen. „Nur weil ein Rassismusgesetz geändert wurde, müssen Sie sich jetzt nicht rassistisch behandelt fühlen“, soll die Filialleiterin noch gesagt haben.


Polizist droht mit Haftstrafe wegen Falschaussage

Henke rief schließlich die Polizei und auch mehrere Zeugen, die den Vorfall mitbekommen hatten und Henke Unterstützung zusicherten, warteten auf die Beamten. „Eine Frau hat meinem Sohn sogar Tic Tac gekauft, weil sie sich so schuldig fühlte“, erzählt Henke. Unter den Zeugen befand sich auch der Berliner Linken-Politiker Hakan Tas, der den Vorfall ebenfalls auf seinen Social-Media-Kanälen publik machte.

Rund 20 Minuten später sei die Polizei mit zwei Kollegen gekommen. Während sich ein Beamter um den Sohn von Henke gekümmert habe, sei der andere in die Filiale gegangen, um mit den beiden Mitarbeiterinnen zu sprechen. „Der Polizist kam dann heraus und fragte, ohne sich meine Version angehört zu haben, ob ich mir sicher sei, nicht zu lügen“, berichtet Henke. Er hätte Videoaufnahmen gesehen und ja, sie sei doof behandelt worden, aber auch selbst Schuld, weil sie die Versichertenkarte gezeigt hatte. „Sie wissen schon, wenn Sie jetzt eine Anzeige machen, dann ist das eine Falschaussage, dann werden Sie festgenommen“, soll der Polizist gesagt haben.

„Selbst mein vierjähriger Sohn hat gefragt, ob seine Mama jetzt verhaftet wird“

Auch als sich mehrere Zeugen einmischten und die Version von Henke bestätigt haben sollen, sei der Polizist, der verweigerte, seinen Namen und seine Dienstnummer herauszugeben, nicht abgerückt. Er habe verlangt, dass Henke den Satz, der sie beleidigt haben soll, genau aufschreibe und dass sie diesen unterschreibe. Würde sie das nicht tun, drohe ihr eine Gefängnisstrafe. „Selbst mein Sohn hat gefragt, ob seine Mama jetzt verhaftet wird“, sagt Henke immer noch ungläubig.

In den sozialen Medien machte der Vorfall schnell die Runde. Die Polizei bestätigte dort auch, dass es zu einer Strafanzeige wegen Beleidigung mit rassistischer Tatmotivation gekommen sei. Von dem Fehlverhalten des Kollegen habe man aber erst durch Twitter erfahren. Während die Polizei zunächst darauf beharren wollte, dass Henke selbst eine Beschwerde einreiche – ohne Dienstnummer und Name aber etwas schwierig – lenkte die Polizei auf die massenhafte Kritik ein.

„Wir nehmen die geäußerte Sachverhaltsdarstellung ernst und erkennen sie als Mitteilung mit Beschwerdecharakter an und lassen die Ereignisse und das geschilderte Verhalten des eingesetzten Polizisten durch die zentrale Beschwerdestelle der Polizei Berlin prüfen“, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage des RedaktionsNetzwerkes Deutschland (RND) am Donnerstagabend. Zudem habe man das Opfer aber gebeten, eine Beschwerde einzureichen. In Bewertungsportalen äußerten sich inzwischen auch Zeugen des Vorfalls. „Die junge Dame wurde so gravierend radikal von der Kassiererin und später von der Polizei angegangen, dass mir die Worte fehlen“, schrieb eine Frau.

Rossmann will notwendige Konsequenzen aus dem Vorfall ziehen

Eine Sprecherin der Drogeriekette sagte gegenüber dem RND, man bedauere sehr, was die Kundin in der Berliner Filiale erlebt habe. „Aktuell arbeiten wir den Vorfall intern auf, um daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und suchen den Dialog mit allen Beteiligten.“ Man wolle die Mitarbeiter noch einmal stärker für das Thema Alltagsrassismus sensibilisieren, „denn dieser hat bei uns keinen Platz“.

Allerdings scheint aktuell noch wenig passiert zu sein. Dem RND berichtet Henke am Donnerstagabend, dass sich bisher niemand bei ihr gemeldet habe und sie auch nicht wisse, wie die Ermittlungen nun weitergehen würden.

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