Ärzte-Interview: „Covid-19 ist mindestens eine Zehner-Potenz tödlicher als die Grippe“

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Mit steigenden Infektionszahlen nimmt auch die Behandlung von Covid-19-Patienten im St.-Marien-Hospital in Borken wieder zu. Dr. Fabian Hottelet und Dr. Johannes Günther erklären, worauf es ankommt.

von Sven Kauffelt & Stephan Werschkull

Borken

, 31.10.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Mit den steigenden Infektionszahlen nimmt auch die Behandlung von Covid-19-Patienten im St.-Marien-Hospital in Borken wieder zu. Dr. Fabian Hottelet, Chefarzt auf der Intensivstation, und Dr. Johannes Günther, Leiter der Notaufnahme, erklären im Gespräch, worauf es jetzt ankommt.

Alles dreht sich um Corona und besonders um die Frage, ob das Gesundheitssystem überlastet wird oder nicht. Ist dieser extreme Fokus hilfreich oder lästig für Ihre Arbeit?

Hottelet:
Ich finde das sehr wichtig – und auch sehr richtig. In der Tat ist ja das Intensivbett die Ressource, auf die wir besonders schauen müssen. Wir haben in der ersten Phase, also im Frühjahr, gesehen, dass wir recht schnell an die Grenze der Handlungsfähigkeit kommen können. Und wir haben damals einen wesentlich stärkeren Lockdown erlebt, als wir ihn in den kommenden vier Wochen erleben werden.

Günther: Man muss ganz klar sagen, dass wir mit unseren Kapazitäten rasch an die Grenze kommen – nicht nur was die Intensivmedizin angeht, sondern auch was die normale Versorgung betrifft. Wir haben nach dem ersten Lockdown eine Phase gehabt, in der wir deutlich weniger Patienten hatten als sonst. Jetzt sind wir auf dem Niveau, dass die Betten bei andauernder Pandemiesituation fast alle belegt sind. Jeder Coronafall bewirkt zusätzliche Isolierungsbedingungen. Deshalb sinkt die Zahl der verfügbaren Betten sehr rasch, wenn die Zahl der Infizierten ansteigt.

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Was ist heute anders als im Frühjahr?

Hottelet
: Damals gab es eine klare Ansage der Landesregierung: Geplante Operationen durften nicht mehr stattfinden. Dadurch hatten wir Ressourcen, die Corona-Patienten zu versorgen. Jetzt läuft das aber weiter.

Günther: Wir haben in der Chefarzt-Konferenz besprochen, dass wir probieren, die planbaren Operationen weiterzuführen. Sollten die Infektionszahlen weiter steigen, müssten wir die Operationen verschieben. Das ist die Waage, die man im Moment versucht zu halten.

Arbeiten Sie noch einen Operations-Stau aus dem ersten Lockdown ab?

Hottelet: Zum Teil kann man das so sagen. Es sind viele Patienten nicht ins Krankenhaus gegangen, die es eigentlich gemusst hätten. Wir nehmen eine Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung wahr. Es gibt Patienten, die anrufen und von sich aus eine Operation verschieben wollen. Wahrscheinlich weil sie Angst haben. Aus unserer Sicht ist das relativ unbegründet, denn die Chance, sich in einem Krankenhaus anzustecken, ist sehr gering.



Wie hat sich das Patientenaufkommen in der Notaufnahme entwickelt?

Günther: Es hatte sich fast wieder normalisiert. Ich hatte schon die Sorge, als sich die zweite Welle ankündigte, dass wir mit dem Patienten-Niveau nicht lange durchhalten können. Doch das ist ein bisschen weniger geworden. Ich glaube, dass die Bagatellfälle deutlich abgenommen haben. Wichtig ist, dass die, die eine Behandlung brauchen, auch kommen.

Kommen auch Menschen zu ihnen, die sagen: Ich glaube, ich habe Corona?

Günther: Ja, aber die sollen eigentlich nicht kommen. Im Pfortenbereich wird jeder registriert und befragt. Ein Verdachtsfall würde von da direkt in den Isolierbereich gebracht werden, wo er untersucht werden kann.

Können Sie die Leute nicht einfach zum Hausarzt schicken?

Hottelet: Das kann die Pforte nicht machen. Es gehört ja schon eine fachliche Sichtung dazu.

Günther: Wenn jemand bei uns ist, dann sind wir mit im Boot. Deswegen wäre es besser, wenn die Leute das im ambulanten Bereich machen.

Pflegeheime und Krankenhäuser sollen mit Schnelltests versorgt werden. Sind die hier im Einsatz?

Hottelet: Wir haben uns dafür stark gemacht, dass wir das hier in Borken bekommen. In der nächsten oder übernächsten Woche werden wir die Tests wohl zur Verfügung haben. Der dient bei uns zur internen Verwendung, das heißt: Wir entscheiden sehr genau, wen wir damit testen. So können wir einfacher entscheiden.

Zum Beispiel?

Hottelet: Ein Patient kommt zu uns. Er hustet und hat ein Bein gebrochen. Mit Hilfe des Tests wird entschieden, ob ich ihn versorgen kann wie jeden Patienten oder besondere Maßnahmen ergreifen muss, damit wir keinen Ausbruch im Krankenhaus riskieren. Wir schützen uns natürlich anders, wenn wir wissen, dass es sich um einen infizierten Patienten handelt.

Günther: Wenn man vernünftig befragt und untersucht, dann ist das schon die halbe Miete. Der Test ist ein zusätzlicher Baustein.

Wie sehen sie die Beschränkungen, die jetzt angeordnet wurden?

Günther: Manchmal können die Politiker einem ja auch leid tun. Die müssen für 80 Millionen Menschen einfache, wirksame und nachvollziehbare Methoden entwickeln. Ich bin der Überzeugung, dass es diese Wellenbrecher braucht – in welcher Form auch immer. Unzufriedenheit lässt sich da nicht vermeiden.

Hottelet: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen und suchen Nähe. Was wir jetzt erfahren, kann auch Teile der Gesellschaft kaputt machen, etwa die Kultur. Aber aus der reinen Infektiologie-Sicht bin ich bei Dr. Günther. Da muss man einen Wellenbrecher schalten. Wir müssen aber aufpassen, denn es drohen Kollateralschäden, etwa bei Depressiven oder bei Menschen im Altenheim, die keinen Besuch mehr empfangen dürfen.

Wie steht es nach diesen Monaten um die Stimmung in der Belegschaft?

Hottelet: Wir wären alle froh, wenn es vorbei ist und schauen sorgenvoll in den Winter. Hoffentlich funktioniert der Wellenbrecher.

Können Sie die Zahlen von NRW-Gesundheitsminister Karl Josef Laumann bestätigen, dass sechs Prozent der positiv Getesteten ins Krankenhaus kommen, 2,5 Prozent auf der Intensivstation und 1,4 müssen beatmet werden?

Hottelet: Das kann man in etwa so grob sagen.

Wie ist der typische, schwere Verlauf?

Hottelet: Üblicherweise tritt nach einer kurzen Krankheitsphase eine Besserung ein, dann folgt etwa am sechsten Tag eine rapide Verschlechterung. Die führt schnell dazu, dass der Patient zusätzlich Sauerstoff braucht. Das kann auch zur künstlichen Beatmung führen und zieht Komplikationen nach sich. Das Virus löst einen Sturm von Zellgiften aus und stört die Blutgerinnung nachhaltig. Der Patient bekommt dann Embolien und Thrombosen.

Günther: Das ist ein Unterschied zur Grippe: Die Schäden an den Gefäßen. Es besteht eine große Gefahr, dass multiple Organversagen folgen. Daher kommt die hohe Sterblichkeit.

Hottelet: Wir haben etwa Lungenembolien gesehen, also die Verstopfung von Lungen-Gefäßen, ausgelöst durch das Virus.

Wie ist das, als Mediziner mit einem Virus konfrontiert zu sein, das man noch gar nicht kannte?

Günther: Wir waren wie die Laien von der Situation überrascht. Wir kannten uns damit nicht aus. Diese Wucht war eine andere Erfahrung.

Hottelet: Wir kennen zwar ähnliche Krankheiten, aber nicht in der Kombination und ausgelöst durch ein Virus. Wir waren vom Zusammenhang verwundert.

Günther: Auch die hohe Infektiösität hat uns überrascht. Ich bin 30 Jahre im Geschäft, kenne Grippe und Norovirus, aber etwas so Ansteckendes war für mich neu.

Also ist SARS-CoV 2 deutlich gefährlicher als Influenza?

Hottelet: Ja. Es ist mindestens eine Zehner-Potenz tödlicher als Grippeviren.

Kann man sagen, welche Patienten besonders gefährdet sind?

Hottelet: Man kann es nicht einfach am Alter festmachen. Es gab auch schon 45-jährige Triathleten, die beatmet werden mussten. Wir haben Zahlen, ab welcher Altersgruppe das Virus wie gefährlich ist. Bei einem jungen Menschen ist die Sterblichkeit bei Covid-19 nicht höher als im Straßenverkehr. Ein 85-Jähriger hat eine Überlebenschance von eins zu drei. Dazwischen ist es abgestuft. Außerdem sind Begleiterkrankungen wichtig. Bluthochdruck, Übergewicht und Mann-sein ist nicht gut, sagt die Statistik.

Sind Sie heute besser vorbereitet?

Günther: Definitiv. Wir haben uns über Wochen täglich getroffen, um die damalige Situation zu besprechen. Dabei haben wir Protokolle entwickelt, die wir jetzt nutzen können, falls es notwendig wird.

Hottelet: Wir haben komplette Eskalationsstufen ausgearbeitet, wenn ein großer Ansturm käme. Das Limitierende wird die Ressource Mensch sein. Wir haben im Frühjahr mit der Ausbildung von Kollegen begonnen, die intensivmedizinisch helfen können. Das kann dann zwar nie so gut wie das Kernteam sein, dass jeden Tag da arbeitet, ist aber eine Hilfe im Katastrophenfall.

Für die Pflegekräfte wurde im Frühjahr geklatscht. Deren Begeisterung hielt sich in Grenzen, weil man durch Beifall nicht mehr im Portemonnaie hat.

Günther: Ja, aber es ist nicht nur die Geldfrage. Es geht auch um Anerkennung. Früher wurde man als Pflegekraft oft abqualifiziert, heute eher bedauert. Beides wird diesem anspruchsvollen, für ein menschenwürdiges Leben unverzichtbaren Beruf nicht gerecht.

Hottelet: Der Schlüssel von Personal pro Intensivpatient ist kein Luxus. Im europäischen Vergleich haben wir sehr wenig Kräfte pro Patient. Unsere europäischen Nachbarn haben meist doppelt so viel.

Können wir Zustände wie im Frühjahr in Norditalien oder aktuell auch in Belgien hier vermeiden?

Günther: Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Wir wissen, was wir vermeiden sollten. Wenn wir das tun, dann können wir es schaffen. Man muss jetzt jede Situation überprüfen: Sollte ich dort jetzt hingehen oder nicht? Natürlich ist das schade, weil es die Unbefangenheit nimmt, es geht aber nicht anders. Wenn dass alle tun, lässt sich die Gefahr verringern.

Hottelet: Jeden Kontakt und jede Reise muss man überprüfen. Meine Mutter ist 85 Jahre alt. Es tut mir leid, aber ich habe sie in diesem Jahr erst zwei Mal gesehen.

Wenn Sie Patienten sehen, die beatmet werden müssen, während draußen Menschen die Gefahr herunterspielen, macht sie das wütend?

Hottelet: Nicht wütend, sondern fassungslos. Ich würde diese Leute theoretisch gerne einladen, dass sie mal einen Patienten sehen, der auf dem Bauch liegt und beatmet wird. Das kann ich nicht umsetzen, aber wer diese dramatischen Verläufe sieht, dem wird klar, dass das Virus eine Gefahr ist. Ich kann auch Ärzte nicht verstehen, die die Gefahr leugnen. Die müssten es besser wissen. Was die Leute nicht gesehen haben, das glauben sie halt nicht. Der leitende Oberarzt unserer Klinik, Dr, Fidorra hat in einem Interview gesagt, dass die Maske ein Akt der Nächstenliebe ist. Da hat er recht. Wir haben die Mittel – wir müssen uns nur daran halten.

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