5G und Corona: Woher kommt die Verschwörungstheorie?

Coronavirus

Kann Corona durch das neue 5G-Handynetz übertragen werden? Keineswegs – dennoch hält sich die Verschwörungstheorie hartnäckig, mit teilweise schwerwiegenden Folgen. Woher kommt sie?

Hannover

23.04.2020, 07:48 Uhr / Lesedauer: 4 min
Im Internet verbreitet sich seit Wochen eine krude Verschwörungstheorie, die behauptet, das neue Coronavirus werde durch Funkmasten übertragen – genauer gesagt: durch den neuen Funkstandard 5G.

Im Internet verbreitet sich seit Wochen eine krude Verschwörungstheorie, die behauptet, das neue Coronavirus werde durch Funkmasten übertragen – genauer gesagt: durch den neuen Funkstandard 5G. © picture alliance/dpa

Es ist kurz nach 9 Uhr am Ostermontag, als in der Feuerwehrleitstelle im niederländischen Almere der Notruf eingeht. An einem großen Mobilfunkmast im Ort schießen die Flammen in die Höhe. Die Feuerwehrleute rücken aus, um den Brand zu löschen. Es ist bereits der zweite Fall innerhalb weniger Stunden – und dabei soll es nicht bleiben.

In derselben Woche berichtet die Zeitung „De Telegraaf“ von weiteren Fällen in den Niederlanden. An Funktürmen in Liessel, Beesd, Rotterdam und Nuenen werden Antennenkabel beschädigt. Einige Tage später brennt es an einem Mobilfunkmast in Groningen.

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Und nicht nur die Niederlande kämpfen mit dem Phänomen: Auch in Großbritannien müssen Feuerwehrleute immer wieder brennende Mobilfunkmasten löschen. Innerhalb von nur 24 Stunden müssen die Einsatzkräfte zu gleich vier brennenden Masten des Unternehmens Vodafone ausrücken. Auch das britische Unternehmen EE beklagt beschädigte Masten. Insgesamt sind es bei allen Anbietern inzwischen 60. Fälle dieser Art gibt es auch in Irland und auf Zypern.

Woher kommt die 5G-Verschwörung?

Die Häufung der brennenden Mobilfunkmasten ist keineswegs Zufall: Im Netz verbreitet sich seit Wochen eine krude Verschwörungstheorie, die behauptet, das neue Coronavirus werde durch die Funkmasten übertragen – genauer gesagt: durch den neuen Funkstandard 5G. Sowohl in den Niederlanden als auch auf der Insel sind sich die Behörden sicher, dass die brennenden Masten damit in Zusammenhang stehen.

Doch woher kommt die Vermutung, 5G könnte Coronaviren übertragen und eine weltweite Pandemie auslösen?

Hanna Linderstal vom schwedischen Datenunternehmen Earhart Business Protection Agency hat genau das analysiert und ihre Erkenntnisse der „Financial Times“ mitgeteilt. Ihr Unternehmen verfolgt Desinformationen in den sozialen Netzwerken, wie etwa auch die mysteriöse 5G-Verschwörung.

Videos von toten Vögeln und Fischen

Laut Linderstal sei die Verschwörungstheorie das erste Mal im Januar in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Ein inzwischen gelöschtes Video in Form einer Vorlesung propagierte Zusammenhänge zwischen dem Coronavirus und der neuen Mobilfunktechnik 5G. „Das war wirklich schlimm anzusehen“, so Linderstal. „Man fing wirklich an, sich zu fragen: Soll ich besser aufs Land ziehen?“

Befeuert wurden die Theorien daraufhin durch viele weitere Videos, etwa von toten Fischen oder Vögeln in der Nähe von 5G-Masten. Parallel dazu verbreitete sich auf der Plattform Tiktok ein inzwischen gelöschtes Video. Darin beschimpft eine Frau einen Bauarbeiter in London mit den Worten, 5G wolle „alle töten“.

Linderstal und ihr Unternehmen haben insgesamt 35 Videos ausfindig gemacht, die eine Verbindung zwischen 5G und Covid-19 herstellen und innerhalb weniger Wochen zwölf Millionen Mal angesehen wurden. Doch bei den Videos blieb es nicht – innerhalb von nur wenigen Wochen schwappte die Verschwörungstheorie in die Offlinewelt.

Warum 5G kein Corona überträgt

Einen begründeten Anlass zur Sorge gibt es derweil gar nicht: Bereits vor einigen Wochen hatte die WHO darüber aufgeklärt, dass Viren und auch Covid-19 nicht über 5G-Mobilfunk verbreitet werden können. Bei der Mobilfunktechnik handelt es sich nämlich um Mikrowellen – Viren können darauf weder „mitreisen“ noch anderweitig darüber verbreitet werden. Vielmehr werde das Coronavirus durch Tröpfcheninfektionen verbreitet, etwa wenn eine infizierte Person huste, niese oder spreche. Eine weitere Erklärung hat die WHO dafür auch parat: Das Coronavirus verbreitet sich nämlich auch in Ländern, in denen es noch gar kein 5G gibt.

Warum glauben Menschen dann trotzdem an die Theorie? Eine Erklärung könnte sein, dass Mobilfunkstrahlung seit jeher ein beliebtes Ziel von Verschwörungstheorien ist. Die Wellen stehen immer wieder im Verdacht, schlimme Krankheiten auszulösen.

Tatsächlich hatte im Jahr 2011 die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Organisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Mobilfunkstrahlung als potenziell krebserregend eingestuft. Diese Einschätzung bedeutet aber nur: Diese Strahlungsart kann prinzipiell Krebs auslösen – ohne einzubeziehen, wie viel Strahlung tatsächlich im Alltag auftritt, analysiert das Wissenschaftsmagazin „Quarks“.

Kann 5G Krebs auslösen?

Aufschlussreicher ist daher eine andere Studie. Wissenschaftler der US-amerikanischen Behörde für Toxikologie hatten 3000 Mäuse und Ratten 5G-Handystrahlung ausgesetzt – zwei Jahre lang, über neun Stunden am Tag.

Das Ergebnis: Die US-Forscher fanden zwar einen Zusammenhang zwischen Strahlung und Krebs, aber: Die Forscher hatten den gesamten Körper der Tiere bestrahlt – mit einer höheren Strahlung, als sie in Deutschland gesetzlich erlaubt ist. Außerdem dauerte die Bestrahlung pro Tag rund neun Stunden. Für die meisten Menschen ist das fernab der Realität, analysiert das Magazin. Auch das vermeintliche Artensterben durch 5G-Strahlung sei aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar.

Dass sich Zweifel an der neuen Mobilfunktechnik 5G regen, bemerken die Mobilfunkanbieter allerdings schon lange. Das Unternehmen Vodafone hatte bereits einige Wochen vor der Corona-Pandemie einen Blogbeitrag veröffentlicht. Titel: „Schluss mit 5G-Verschwörungstheorien: Mobilfunk ist eine sichere Sache.“

Attacken stellen Behörden vor Probleme

Die meisten Frequenzen des neuen Mobilfunkstandards 5G, nämlich die zwischen 700 MHz und 6 GHz, seien auch schon zuvor im Einsatz gewesen – etwa bei den vorherigen Mobilfunkstandards wie auch bei Rundfunk, Fernsehen oder WLAN. Die neuen Frequenzen über 24 GHz seien nur beim Mobilfunk neu. Zuvor waren sie beispielsweise schon in Abstandsregelsystemen und Spurhalteassistenten von Autos im Einsatz, erklärt das Unternehmen. Vodafone hatte am Mittwoch angekündigt, 5G nun auch im ländlichen Raum auszubauen.

In den betroffenen Ländern stellen die Attacken gegen 5G und die Mobilfunkmasten die Infrastruktur inzwischen vor echte Probleme. Die zerstörten Masten betreffen nämlich nicht nur den neuen Mobilfunkstandard, sondern im schlimmsten Fall auch alle anderen Funkverbindungen. Brennt in einer Region ein Mobilfunkmast, haben die Anwohner kein Netz mehr – und sie können im Notfall niemanden erreichen.

In den Niederlanden werde das 5G-Netz bereits für Krankenhäuser und Pflegeheime eingesetzt, sagt Rob Bongelaar, Chef des Mobilfunkverbandes Monet, dem „Telegraaf“. Noch schlimmer sei, dass Zelltürme durch die Anschläge vorübergehend ausfielen und es im Umkreis von fünf Kilometern keine Mobilfunkabdeckung gebe. Das hätte besonders schwere Folgen, wenn etwa der Notruf 112 vorübergehend nicht erreichbar ist. Einer der betroffenen 5G-Masten war übrigens gar keiner: Er war einzig dafür da, die Verbindungen für den Notruf sicherzustellen.

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