100 Jahre Männergesangverein Harmonie: Am Anfang war Gesang eher zweitrangig

dzMGV Harmonie

Der Männergesangverein Harmonie feiert in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen. Der Blick in die Historie - und hier speziell in die Gründerjahre - offenbart Überraschendes.

Nordkirchen

, 04.02.2020, 08:58 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Männergesangverein (MGV) Harmonie ist ein Traditionsverein. 100 Jahre durchzuhalten, ist schon eine Leistung. Zumal es innerhalb dieser 100 Jahre Höhen, aber auch tiefe Tiefen gab. Nazizeit, Zweiter Weltkrieg: Der Chorgesang musste verstummen. Die Gründerväter hatten solch eine Entwicklung sicher nicht im Kalkül, als sie sich zusammenfanden, um den MGV ins Leben zu rufen.

100 Jahre Männergesangverein Harmonie: Am Anfang war Gesang eher zweitrangig

Der MGV Harmonie im Gründungsjahr 1920. © MGV

„Es hat 1920 angefangen“, berichtet Vorsitzender Lothar Heidenreich. „In einer Zeit, als es attraktiv war, solche Vereine zu gründen.“ In Niederschriften sei zu lesen, dass der Chor am 16. Juni 1920 im Gasthof Conrad (heute Domhof) gegründet wurde. „Damals war Nordkirchen sehr klein, die Häuser fachwerklich geprägt“, berichtet Heidenreich. Die Schloßstraße sei sehr eng gewesen: „Ein Fachwerkhaus an dem anderen.“ So war auch der Gasthof Conrad wohl eher ein Bauernhaus als eine Gaststätte, vermutet der MGV-Chef.

Gegründet, um Theater zu spielen

Conrad war der Gründungsort, an dem sich 16 Männer trafen, um sich zu verabreden, einen Verein zu gründen. Wer die Idee hatte? „Das ist nicht mehr nachzuvollziehen“, sagt Lothar Heidenreich. Was aber nachzuvollziehen sei, ist die Tatsache, „dass die damals eher Theater spielen wollten“. Eigentlich wollten die Männer nämlich einen Theaterverein gründen. Es habe aber Bedenken gegeben, wegen der Ressourcen und Kosten, die ein solchermaßen ausgerichteter Verein beanspruchen beziehungsweise verursachen würde. „Dann haben sie also einen Kompromiss geschlossen und einen Verein gegründet, der Theater spielt, aber auch singt.“

Bühnendekorationen und Kostüme in Eigenarbeit

Von Anfang an habe das Theaterspiel eine große Rolle gespielt, sagt Heidenreich. „Die haben im Jahresrhythmus Theaterstücke auf die Bühne gebracht.“ Es seien populäre Volksstücke gewesen, die man nicht selber geschrieben habe. „So ein bisschen vergleichbar mit dem Ohnesorg-Theater.“ Bühnendekoration und Kostüme seien in Eigenarbeit entstanden. „Man kann an den alten historischen Fotos noch sehen, mit welchem großen Engagement das entstanden ist.“

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Dass das Ganze bei den Leuten gut angekommen sei, müsse im Kontext der Zeit gesehen werden, sagt Lothar Heidenreich: „Es gab ja auch an Belustigungen nichts, kein Fernsehen, noch nicht einmal Radio.“

Verein wuchs sehr schnell

Was ebenfalls aus den Niederschriften der damaligen Zeit abzulesen sei: „Der Chor wuchs sehr schnell auf 39 Leute und Conrad wurde zu klein.“ Der Verein zog um, nur wenige Meter weiter auf die Schloßstraße zum Gasthof Lücke (Plettenberger Hof). „Dort gab es auch einen größeren Saal, so dass dort auch Aufführungen laufen konnten.“

Die Vereinsmitglieder haben sich „mit großer Disziplin einmal pro Woche getroffen“, erzählt Lothar Heidenreich. „Sie haben auch gesungen. Und man muss wissen, dass diese Theaterstücke häufig Gesangseinlagen enthielten.“ Es waren Männer in den mittleren Jahren (30er und 40er), die diese Kombination aus Theater und Gesang mit Freude betrieben, berichtet der MGV-Vorsitzende.

Das erste Stück - so hat es Lothar Heidenreich recherchiert - sei im April 1921 aufgeführt worden. Der Titel sei nicht bekannt. Anders als bei anderen Stücken: „Die Allerseelennacht“ (1925); „Die Bettelprinzessin“ (Schauspiel mit Gesang, 1927); „Ich hatte einen Kameraden“ (1928), „Die Sünden der Väter“ (1931); „Henkerssohn und Zigeunerin“ (1933).

Chorleben lag im Zweiten Weltkrieg still

Und dann kam der Bruch. Während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 lag das Chorleben still. „In der Zeit fanden keine Chorproben statt“, sagt Lothar Heidenreich. Es seien einige Chormitglieder einberufen worden. „Drei sind nicht aus dem Krieg zurückgekommen.“ Einige seien erst weit nach Ende des Krieges aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen. Erst allmählich konnte der Chorbetrieb wieder anlaufen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, so berichtet es Heidenreich, habe der Chor dann einen „Cut“ gemacht und ganz junge Leute rein gelassen. „Die Vorsitzenden waren damals in den 20ern.“ Diese damals jungen Leute seien noch bis vor kurzem aktiv im MGV gewesen“, so Lothar Heidenreich.

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1960 war es, als der MGV Harmonie 40-jähriges Bestehen feierte. © MGV

Nach dem Zweiten Weltkrieg, so berichtet es der Vorsitzende, habe die Theaterarbeit nach wie vor einen großen Stellenwert gehabt. Wieder brachte der Verein im Jahresrhythmus neue Stücke auf die Bühne. „Das ging dann bis in die 1960er Jahre hinein und war dann schlagartig vorbei.“

In den 1960ern kamen Karnevalsveranstaltungen auf

Eine Ursache vermutet Heidenreich im Aufkommen des Fernsehens in den 1960ern als neue Freizeitmöglichkeit. „Es gab eben mehr Angebote, unter denen die Leute wählen konnten.“ Was blieb, war der Gesang.

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Der MGV Harmonie Nordkirchen und die Kolpingsfamilie erfahren auf ihren Karnevalspartys jedes Jahr große Resonanz. © Jürgen Weitzel

„Interessant ist aber auch, dass quasi als Ersatz für die großen Theateraufführungen die Karnevalsveranstaltungen in den Fokus rückten“, erzählt Lothar Heidenreich. Die Räumlichkeiten dafür waren zum Beispiel durch die Mensa der Fachhochschule für Finanzen gegeben.

Und so hatten diese Veranstaltungen in Kooperation mit der Kolpingsfamilie in der Hochzeit mehr als 400 Besucher. „Das war dann die große Möglichkeit für den Verein, sich in der Gemeinde zu präsentieren“, berichtet der MGV-Chef. Der MGV war auch mit eigenen Beiträgen vertreten, „die sehr klamaukig waren“.

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Gesanglich war und ist der Chor bei Gemeindefesten, aber auch bei Konzerten des Chorkreises Lünen-Lüdinghausen vertreten. Auch bei überregionalen Sängerfesten sei der MGV präsent gewesen. Dass der MGV auch über den Tellerrand hinaus blickt, wurde Ende der 1980er Jahre manifest: „Als 1987 Brigitte Weiß Chorleiterin wurde, brachte sie Verbindungen zum Sängerbund Suhl mit“, erzählt Heidenreich. Es entstand ein reger Austausch mit den Sängern in der damaligen DDR: „Wir waren dort und die kamen zu uns.“ Inklusive gemeinsamen Konzerten.

Erst Mitgliederschwund, dann Trendwende

Die weitere Entwicklung des MGV Harmonie Nordkirchen ist unter anderem dadurch geprägt, „dass wir ab Mitte der 1990er Jahre einen Schwund bei den aktiven Mitgliedern hatten“, so Heidenreich. Einer der Gründe: „Die Gründungsmitglieder waren inzwischen ja gealtert und ausgeschieden.“

Die Mitgliederzahl bei den Aktiven sank unter 20. „Mittlerweile hat sich dieser Trend umgekehrt“, berichtet der MGV-Vorsitzende. Im Jahr des 100-jährigen Bestehens hat der MGV wieder rund 40 aktive Mitglieder. Erfreulich: Die Altersspanne reicht von rund 17 Jahren bis weit in die 80er.

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Der MGV Harmonie Nordkirchen - hier ein Foto aus 2019 - feiert in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen. © MGV

So gerüstet, geht der MGV Harmonie Nordkirchen in das Jubiläumsjahr an. Am 9. Mai (Samstag) ist der MGV Harmonie dabei, wenn das offene Singen vor dem Bürgerhaus läuft.

Feier in der Oranienburg

Der Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten des MGV ist auf den 22. August (Samstag) terminiert. Dann ist die eigentliche Feierveranstaltung in der Oranienburg. In einem festlichen Rahmen und mit Musikbeiträgen des Nordkirchener Jubiläumschores.

Eine Chorfahrt im September nach Hamburg und die Mitgestaltung einer Messe zum Ende des Jahres runden das Jubiläum des Chores MGV Harmonie Nordkirchen ab.

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