Günter Parras wollte sich mit dieser Immobilie an der Sporker Straße in Suderwick seinen Lebenstraum erfüllen. Vor 20 Jahren ist er verschwunden. Bis heute fehlt jede Spur von ihm. © Sven Betz
Vermisst

Vermisstenfall in Bocholt: Läuft seit 20 Jahren ein Mörder frei herum?

Ein Rohbau in Bocholt erinnert seit 20 Jahren an ein mögliches Verbrechen. Am 29. Mai 2001 verschwand der Bauherr Günter Parras spurlos. Der Staatsanwalt hofft immer noch auf Aufklärung.

Ein Zaun umzingelt den Rohbau an der Sporker Straße mitten in Suderwick, doch betreten haben Handwerker das halb fertige Haus schon lange nicht mehr. Seit 20 Jahren steht die Baustelle still, und seit 20 Jahren ranken sich Gerüchte um das Gebäude. War dies der Ausgangsort eines schaurigen Verbrechens? Einiges spricht für diese Annahme.

Bauherr Günter Parras wohnte damals gleich nebenan in einem Reihenhaus, wollte sich mit der Immobilie offenbar einen Traum erfüllen. Doch dieser platzte am 29. Mai 2001. An jenem Abend verschwand der 39-Jährige spurlos. Die mysteriösen Umstände lassen die Ermittler bis heute rätseln: Nichts belegte einen Selbstmord, nichts einen Unfall, nichts ein Untertauchen; einiges aber ließ ein Verbrechen vermuten.

Ermittlungsakte noch einmal geöffnet

Im Rahmen unserer Recherche öffnete Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt aus Münster jetzt die im November 2001 geschlossene Ermittlungsakte. Sie zeichnet die Stunden und Tage vor und nach der Vermisstenanzeige nach. Was war geschehen? Eine Chronologie der Ereignisse:

Günter Parras
Günter Parras © Privat © Privat

Der Speditionsmitarbeiter Günter Parras ließ sich an jenem Dienstagnachmittag, 29. Mai 2001, von einem Arbeitskollegen nach Hause fahren, versprach, ihm am Wochenende beim Umzug zu helfen. Zudem verabredete sich Parras telefonisch mit einem „guten Bekannten“, dem er am Mittwoch sein Auto borgen wollte. Am Abend telefonierte er noch mit seiner Schwester, kündigte seinen Besuch über die Pfingstfeiertage an. „Die Personen, die mit ihm am 29. Mai zuletzt Kontakt gehabt hatten, haben nichts Außergewöhnliches in seinem Verhalten bemerkt“, so Botzenhardt. Die letzte Spur: Beide Computer in der Wohnung benutzte Parras bis 21.30 und 21.39 Uhr, wie IT-Ermittler später auswerten konnten.

Unentschuldigt auf der Arbeit gefehlt

Nachdem der „gute Bekannte“ am Mittwoch vergeblich gewartet hatte, erfuhr dieser am Donnerstag, dass Parras zum zweiten Mal in Folge nicht zur Arbeit gekommen war – unentschuldigt. Aus Sorge um ihn steuerte er dessen Wohnung an, klingelte mehrfach, doch niemand reagierte.

Er rief die Polizei und erstattete Vermisstenanzeige. „Sofort wurde die Wohnung des Vermissten durch die Feuerwehr geöffnet“, berichtet der Oberstaatsanwalt. Polizisten durchkämmten die Räume und den angrenzenden Rohbau, sprachen erstmals mit Schwester und Bruder des Vermissten.

Günter Parras galt als sehr zuverlässig

Zwar deutete in der Wohnung nichts auf einen Kampf hin, erklärt Botzenhardt, jedoch galt Parras als „sehr zuverlässig“. Und auch das machte die Beamten stutzig: das Küchenlicht brannte, ein PC lief, Essensreste standen auf dem Tisch. „Die Gesamtsituation erschien nach Bewertung der vor Ort anwesenden Polizeibeamten so, als sei die Wohnung nur kurzfristig verlassen worden“, so Botzenhardt. Da war Parras allerdings schon seit zwei Tagen verschwunden.

Zudem fanden die Polizisten in den Räumen 1200 Euro und sein Handy, es war eingeschaltet. Auch das Auto stand in der Hauseinfahrt, ein Peugeot 306 mit BOR-Kennzeichen. „In dem Pkw konnten unter anderem die Geldbörse und seine Brille – eine Brille lag üblicherweise im Auto – sowie eine Jacke gefunden werden“, so Botzenhardt.

Mysteriöse Details

Mysteriös: „Zeugen haben bekundet, dass das Fahrzeug nicht so abgestellt gewesen sei wie sonst üblich“, berichtet der Staatsanwalt. Eine wichtige Rolle sollte später auch ein Paar Schuhe spielen, welches unter den vielen Kleidungsstücken in der Wohnung entdeckt worden war. Diese Schuhe soll Parras stets getragen haben, wenn er außer Haus war, erfuhren die Ermittler von dem „guten Bekannten“.

Die Polizei weitete die Fahndung aus, am Samstag, 2. Juni 2001, druckte das Bocholter-Borkener Volksblatt ein Fahndungsfoto ab, zeitweise kreiste ein Hubschrauber über Suderwick. Die Ermittler sicherten tagelang Spuren in der Wohnung; in akribischer Kleinarbeit nahmen sie Fingerabdrücke und umfangreiche DNA-Proben.

Leichenspürhund erschnupperte Blut- oder Leichengeruch

Ein Leichenspürhund rümpfte im Eingangsbereich der Wohnung die Nase. Das heißt: Er hatte menschliches Blut oder Leichengeruch gewittert. Das allein bewies laut Botzenhardt aber noch nichts: „Das Anzeigeverhalten deutet nur darauf hin, dass der Hund eine dieser beiden Geruchsarten wahrgenommen hat. Untersuchungen des Landeskriminalamtes zu möglichen Blutspuren des Vermissten blieben ohne Ergebnis.“

Die Beamten erkundigten sich in deutschen und niederländischen Krankenhäusern, forschten in Reisebüros und Taxiunternehmen. Sie besorgten sich Videos der Überwachungskameras von Tankstellen, vernahmen etliche Zeugen. Sie sprachen mit Parras‘ Hausarzt, mit seinem Rechtsanwalt und Mitarbeitern der Spedition, und sie überwachten die Telefone möglicher Verdächtiger.

Streit wegen finanzieller Angelegenheiten

Die Ermittler fanden heraus: Parras war in der Vergangenheit mit „Personen, insbesondere aus dem familiären Umfeld“ in Streit geraten – wegen „finanzieller Angelegenheiten“. „Diesen Hinweisen und damit eventuell in Verbindung stehenden möglichen Motiven ist die Mordkommission damals selbstverständlich nachgegangen“, so Botzenhardt. Parras sei aufgrund familiärer Schwierigkeiten „depressiv verstimmt“ gewesen. Die Polizei durchsuchte Häuser und Fahrzeuge von Angehörigen, setzte auch dort Spürhunde ein.

„Ein dringender Tatverdacht hat sich indes über die gesamte Zeit gegen keine Person ergeben. Die Staatsanwaltschaft hat zu keinem Zeitpunkt einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gestellt“, stellt Botzenhardt klar.

Mordkommission untersuchte den Fall fünf Monate lang

Keine Leiche, kein Täter: Die Mordkommission stellte nach rund fünf Monaten ihre Arbeit zunächst ein. Doch decken die Ermittler die fehlenden Puzzleteile im Fall Günter Parras noch auf? Das schließt Botzenhardt nicht aus. Gut möglich, dass jemand irgendwann sein Schweigen brechen werde, sollte Günter Parras tatsächlich getötet worden sein. Botzenhardt: „Vielleicht kommt der Zeitpunkt, an dem ein Täter oder Tatbeteiligter nicht länger mit der Schuld leben kann, einen Menschen getötet zu haben.“ Der Familie wünscht er, „endlich Gewissheit“ zu bekommen über das Schicksal ihres Angehörigen.

Hinweise in diesem Fall nehmen das Kriminalkommissariat der Polizei Münster unter 0251/2750, die Abteilung 30 der Staatsanwaltschaft Münster unter 0251/4940 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Was mit Parras‘ Rohbau geschieht – unklar. Doch solange er steht, erinnert er an jenen Mann, der vor 20 Jahren plötzlich verschwunden ist.

Fall weckt Interesse bei „Cold Case“-Profilern

  • Ermordet oder verschollen: Rund 1000 sogenannte Cold Cases, „kalte Fälle“, sammelt das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf seit 2018 in einer Datenbank; einige liegen bereits mehr als 40 Jahre zurück.
  • Auch die Akte Günter Parras haben die Profiler inzwischen digitalisiert. Die Hoffnung: dass zusammenhängende Taten entlarvt und einige alte Fälle doch noch gelöst werden können.
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