Landwirtschaft

„Team Kitzrettung“ muss früh raus – Drohne rettet vor Mähtod

Julian Gottheil hat die Fernbedienung in der Hand. Auf Knopfdruck bewegt sich das orangefarbene Flugobjekt inklusive Wärmebildkamera sirrend nach oben und dann Richtung Weide. Kitzrettung heißt die Aktion.
Pilot Julian Gottheil (l.) hat einen Drohnenführerschein und bringt das Fluggerät per Fernbedienung auf Kurs, um Jungtiere im Gras aufzuspüren. Auch Hegeringleiter Klemens Kersting (r.) und Stellvertreter Andre Sicking gehören zum „Team Kitzrettung“. © Jürgen Schroer

Während die Flugdrohne in luftiger Höhe ihre Bahn zieht, liefert die Kamera Bilder auf einen großen Fernsehmonitor. Hier ist alles zu erkennen, was Wärme abgibt. Zum Beispiel Rehkitze, die von der Ricke im Gras abgelegt werden.

Seit Anfang Mai setzt der Hegering Gescher seine Flugdrohne ein, um Grünlandflächen abzusuchen, die gemäht werden sollen. „Auf diese Weise haben wir bei sechs Einsätzen schon 24 Kitze gerettet“, freut sich Hegeringleiter Klemens Kersting. Auch das Gelege eines Fasans wurde so vor den tödlichen Schneidwerken beschützt. Landwirte sind aufgerufen, sich rechtzeitig zu melden, um Tiere mit dieser modernen Technik vor dem Mähtod zu bewahren.

Seit Jahren schon bemüht sich der Hegering in Zusammenarbeit mit den Landwirten, Jungwild und Bodenbrüter zu schützen. Vergrämungsmethoden wie das Aufhängen von Plastiktüten oder Piepser („Wildretter“) an Mähmaschinen sind üblich, helfen aber nur sehr begrenzt. Wenn die großen Mähwerke kommen, haben Wildtiere am Boden kaum eine Chance.

Kidsretter Andre Sicking: „So einen Tod hat kein Tier verdient“

Auch deshalb, weil Überlebensstrategien wie das regungslose Verharren von Rehkitz und Feldhase in dieser Situation kontraproduktiv sind. Die Folge: Nach wie vor sterben tausende Tiere den Mähtod. „So einen Tod hat kein Tier verdient“, sagt Andre Sicking, stellvertretender Hegeringleiter. Auf Wunsch haben Jagdpächter Wiesen und Weiden in der Vergangenheit vor der Mahd mit ausgebildeten Hunden abgesucht, um Rehkitze aufzuspüren.

Jetzt gibt es eine viel effektivere Methode. Der Hegering hat sich mit beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft beantragten Fördermitteln und Unterstützung von örtlichen Sponsoren eine Flugdrohne mit Wärmebildkamera im Gesamtwert von 7000 Euro angeschafft und setzt sie seit Anfang Mai erfolgreich ein. Elf Hegeringmitglieder gehören dem „Team Kitzrettung“ an: neben Kersting und Gottheil auch Hans-Joachim Auling, Daniel Brüning, Sebastian Ening, Norbert Große Frericks, Bene Hörbelt, Daniel Humpohl, Simon Icking, Vincent Meis und Bernhard Sandscheper.

Wenn ein Landwirt sich rechtzeitig gemeldet hat und das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, rücken Fünfer-Teams in aller Herrgottsfrühe zum Einsatz aus. Julian Gottheil besitzt einen Drohnenführerschein und startet das Fluggerät, ein zweiter Helfer beobachtet den Bildschirm. Wenn die Kamera aus 40 bis 50 Metern Metern Höhe eine Wärmequelle entdeckt, fährt die Drohne bis in Bodennähe runter – mit der Normalkamera lässt sich dann klären, ob nur ein noch Wärme ausstrahlender Maulwurfshügel oder ein Jungtier gesichtet worden ist.

„Gleich bei unserem ersten Einsatz Anfang Mai haben wir zwei Rehkitze aufgespürt“, berichtet Kersting, der den örtlichen Hegering seit zehn Jahren leitet. In diesem Fall wird ein Helfer per Funk zur Fundstelle geleitet.

Mit Einweghandschuhen und Gras nimmt er das Tier, das keinen menschlichen Geruch annehmen darf, und trägt es in einem Wäschekorb an den Rand der Wiese, außerhalb der Gefahrenzone. Dort findet die Ricke ihr Kleines später – nach der Mahd – unversehrt wieder.

„Das klappt prima“, sagt Kersting. Er hofft, dass in den nächsten Wochen noch viele Gescheraner Landwirte von dem für sie kostenlosen Angebot Gebrauch machen, ihr Grünland vor der Mahd überfliegen zu lassen.

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