Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist Vertretern zweier Selbsthilfegruppen aus Rhede und Münster jetzt "der Kragen geplatzt". Sie kündigen die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster auf. © picture alliance/dpa
Missbrauchsskandal

Missbrauchsopfer in Rhede und Münster kündigen der Kirche Mitarbeit auf

Selbsthilfegruppen von rund 60 Missbrauchsopfern in Rhede und Münster arbeiten nicht mehr mit dem Bistum Münster zusammen. Sie werfen dem Bistum vor, sich nicht an Vereinbarungen zu halten.

Zwei Selbsthilfegruppen für Opfer von sexuellen Missbrauchs durch Priester und andere Kirchenvertreter haben jetzt die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster aufgekündigt. Die Gruppen aus Rhede und Münster, die rund 60 Missbrauchsopfer vertreten, werfen dem Bistum vor, sich nicht an erst im Herbst 2020 getroffene Vereinbarungen zu halten.

Man stelle sich die Frage, ob das Bistum Münster überhaupt an einer „ernsthaften Beteiligung der Missbrauchsopfer auf Augenhöhe interessiert“ sei, so die Sprecher der beiden Gruppen, Martin Schmitz aus Rhede und Antonius Kock aus Münster.

Opfer in Rhede und Reken

Martin Schmitz war Anfang der 1970er-Jahre als Messdiener Opfer des in Rhede tätigen Kaplans Heinz Pottbäcker geworden, Kock in den 1960er-Jahren im Internat der Marianhiller in Reken Maria-Veen Opfer eines dort arbeitenden Paters. Beide gehören zu den vielen hundert Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester allein im Bistum Münster. Ein Zwischenbericht einer Studie, die vom Bistum bei der Uni Münster in Auftrag gegeben worden war, sprach 2018 von mindestens 200 Beschuldigten im Zeitraum 1945 bis 2018. Hier sitzt Schmitz im Beirat der Studie – und will das weiter tun.

Martin Schmitz aus Rhede ist Sprecher einer der Selbsthilfegruppen. Sie haben die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster aufgekündigt.
Martin Schmitz aus Rhede ist Sprecher einer der Selbsthilfegruppen. Sie haben die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster aufgekündigt. © Horst Andresen © Horst Andresen

„Ja, uns ist quasi der Kragen geplatzt“, sagte Schmitz am Mittwoch auf Anfrage und verweist auf Versprechen des Bistums aus dem Vorjahr. Damals hätten Schmitz und Kock auf der einen Seite sowie unter anderem Bischof Felix Genn und der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, auf der anderen Seite vereinbart, alle dem Bistum bekannten Missbrauchsopfer schriftlich zu einem ersten Treffen einzuladen.

„Bistum schließt einen Teil der Betroffenen aus“

Jetzt, so Kock und Schmitz, wolle das Bistum nur noch diejenigen Opfer einladen, die Interesse an einer Mitarbeit in Bistumsgremien hätten – und das auch nur über eine Einladung über die Presse. „Damit schließt das Bistum einen Teil der Betroffenen aus“, finden Schmitz und Kock, die die Kündigung der Zusammenarbeit mit dem Bistum per Videokonferenz mit ihren Gruppen-Mitgliedern abgesprochen haben.

Schließlich gebe es eine ganze Reihe von Opfern, „die durch die Missbrauchstaten so verletzt sind, dass sie den Kontakt zur Kirche meiden.“ Eine unabhängige Betroffenenvertretung werde so unmöglich gemacht, sagt Schmitz, der sich wie Kock und andere Opfer nicht „auf die Funktion eines Feigenblattes reduzieren“ lassen will. Wenn Betroffene das Bistum bei der Aufarbeitung der Verbrechen lediglich „begleiten sollten“ und nicht eigene Interessen vertreten dürften, dann sei das in „hohem Maße übergriffig“. Laut Schmitz habe das Bistum zudem weitere im Oktober getroffene Absprachen nachträglich ändern wollen und habe zudem „Zeitdruck“ bei der Abfassung eines Aufrufs aufgebaut.

Bistum bedauert Entscheidung der Selbsthilfegruppen

Das Bistum Münster bedauerte am Mittwoch in einer Stellungnahme die Entscheidung der Selbsthilfegruppen in Rhede und Münster. Darin betont der Interventionsbeauftragte Peter Frings, dass man „dankbar für das Engagement“ der Gruppen sei.

„Wir möchten eine breite, selbstorganisierte, vom Bistum unabhängige Betroffenenbeteiligung“, schreibt Frings, räumt aber ein, dass es „unterschiedliche Auffassungen“ über das Verfahren gebe, „wie das erreicht werden kann“. Dass man als Bistum nicht alle Missbrauchsopfer anschreibe, habe auch damit zu tun, dass es Betroffene gebe, „die keine Post vom Bistum wollen und jeden Kontakt mit der Kirche ablehnen“. Frings betont, dass das Bistum nie gesagt habe, man wolle bistumsseitig einen Betroffenenbeirat bilden. Man biete den Opfern, „wenn sie das möchten, organisatorische und finanzielle Unterstützung an“, heißt es. „Das alles ist aber nur ein Angebot.“

Drei Beispiele sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche aus dem Kreis Borken

  • Rhede: Der Fall von Kaplan Heinz Pottbäcker löste 2018 in der Kirchengemeinde Zur Heiligen Familie in Rhede breites Entsetzen aus. Pottbäcker war 1971 nach Rhede gekommen – aber 1968 bereits rechtmäßig verurteilt wegen „Unzuchts mit einem männlichen Kind“ zu neun Monaten Bewährungsstrafe. In den 1980er Jahren folgte eine zweite Verurteilung.
    Pottbäcker hatte 1964 die Priesterweihe erhalten. Er wurde an verschiedenen Orten als Aushilfe eingesetzt. 1973 wurde Pottbäcker plötzlich von Rhede nach Marl versetzt – offenbar hatte es weitere Missbrauchsvorwürfe gegeben, auch später aus Recklinghausen. Wegen eines „minderschweren Falls“ erhielt er 1983 einen Strafbefehl über 12.500 D-Mark. Pottbäcker starb 2007.
  • Bocholt-Barlo: Pfarrer Theo Wehren (Spitzname: „Kapi“) wirkte drei Jahrzehnte in der Gemeinde St. Helena in Barlo bei Bocholt. Selbst ein Spielplatz wurde nach ihm benannt. Im Juli 2019 wurden Vorwürfe gegen ihn laut. Wehren konnte mit Duldung des Bistums weiter wirken, obwohl er am 10. November 1976 (als 46-Jähriger) vom Bocholter Jugendschöffengericht verurteilt worden war – wegen „sexueller Handlungen an Kindern“ in 20 Fällen. Das Strafmaß: ein Jahr Freiheitsstrafe, zur Bewährung ausgesetzt, sowie eine Geldstrafe von 1000 DM. 18 Delikte rührten nach Medienberichten aus seiner Zeit davor in Selm (Kreis Unna) und Recklinghausen. Wehren ging 2006 in Ruhestand und starb 2011.
  • Bocholt-Lowick: Ein Priester des Erzbistums Köln war trotz einer Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Jahre 1972 weiter in der Seelsorge tätig – unter anderem ab 1973 im Bocholter Ortsteil Lowick.

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