Dr. Kai Zwicker (CDU) ist im September als Landrat des Kreises Borken wiedergewählt worden. Es ist seine dritte Amtszeit. © Markus Schönherr
Interview

Landrat Dr. Kai Zwicker: Die Leute „wollen die Wahrheit hören“

Als Gesundheitsbehörde steht die Kreisverwaltung Borken seit Beginn der Corona-Krise im Fokus. Sven Kauffelt hat mit Landrat Dr. Kai Zwicker über Erwartungen, Lehren und Fehler gesprochen.

Herr Dr. Zwicker, welche drei Schlagwörter fallen ihnen zum Jahr 2020 ein?

Unsicherheit, Druck, monothematisch.

Gehen wir die drei mal durch. Was meinen Sie mit Unsicherheit?

Gerade am Anfang gab es eine Vielzahl von Fragen, und man wusste ja nicht, wie sich die Situation entwickelt, wie die beschlossenen Maßnahmen wirken. Das war insgesamt eine große Unsicherheit auf allen Ebenen.

Was bei Ihnen zum angesprochenen Druck geführt hat?

Ach, eigentlich sind wir als Team hier bislang in dieser schwierigen Zeit super zurechtgekommen. Das gilt für alle Bereiche, die in dieser Zeit besonders gefordert sind: das Gesundheitsamt natürlich, der Bereich Schule, unsere Ordnungskräfte und auch die Öffentlichkeitsarbeit. Ich glaube, dass wir als Kreisverwaltung zusammen mit den Städten und Gemeinden und den Hilfsorganisationen – namentlich das DRK – bisher einen guten Job gemacht haben.

Woher kam dann der Druck?

Die Menschen hatten große Angst, viele haben auch heute Angst. Und da spürt man noch mehr Verantwortung, als das sonst schon der Fall ist. Zumal das eine Situation ist, die wir alle so noch nicht erlebt haben. Solche Pandemien kannte man ja nur aus dem Geschichtsunterricht. Da war schon eine große Anspannung dabei, ob die Maßnahmen jetzt alle so richtig sind, ob sie helfen oder eher schaden. Bis heute treiben mich diese Fragen natürlich um.

Also der Spagat zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichen Schäden?

Genau. Die Frage ist heute so aktuell wie zu Beginn der Pandemie, dass Menschen fragen: Was ist mit unserer Existenz? Wenn ich an Händler denke, an Gastronomen oder Messebauer. Darauf müssen wir Antworten finden.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass dieses Coronavirus eine ernste Bedrohung darstellt?

Das hat sich schleichend entwickelt. Wir haben Anfang des Jahres alle nach China geschaut, dann schon nach Heinsberg, bevor es hier und da auch bei uns im Westmünsterland „aufgeploppt“ ist. Und dann ging es rasend schnell, als die ersten Schülergruppen vom DRK getestet und die ersten Schulen geschlossen wurden. Spätestens da merkte man, dass dieses Virus gravierende Auswirkungen hat, sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich, vor allem aber für die Gesundheit einzelner. Am Anfang war die Not ja sehr groß, an Ausrüstung zu kommen, an Masken und andere Dinge. Da musste man kreative Lösungen finden. Ich denke etwa an die Feinbrennerei Sasse in Schöppingen, die kurzfristig ihre Produktion von Lagerkorn auf Desinfektionsmittel umgestellt hat.

Haben Sie sich bei den Entscheidungen, die auf Landes- und Bundesebene getroffen wurden, gut aufgehoben gefühlt?

Ich finde, dass insbesondere der Bundesgesundheitsminister einen guten Job gemacht hat (Jens Spahn und Dr. Kai Zwicker sind beide Mitglieder im CDU-Kreisverband Borken, Anm. d. Red.). Ich glaube, dass besonders er klare Worte gefunden und klare Entscheidungen getroffen hat. Und das war auch nötig. Da beziehe ich auch die Kanzlerin mit ein. Später war es für uns vor Ort auch schwierig, als es um die Fragen der Lockerungen ging. Ich hätte mir manchmal, auch von der Landesregierung, eine klarere Sprache gewünscht. Allein, wenn ich an die Schulmails denke, das war schon schwierig zu vermitteln, was da aus Düsseldorf kam. Es war ja nicht mit der Corona-Schutzverordnung getan, dazu kam die Corona-Betreuungsverordnung, eine Quarantäneverordnung, eine Einreiseverordnung, und, und, und. Zusammen sind das über 100 eng beschriebene Seiten, und es gab ständig Änderungen. Da muss man erst mal den Überblick behalten.

Passte das zur immer wieder genannten Prämisse, dass die Regeln für die Bevölkerung nachvollziehbar sein müssen?

Ich sage es mal so: Die Sprache, die man teilweise in den Ministerien gefunden hat, ist manchmal schwer zu verstehen. Das liegt teilweise an der Regelungstiefe, die meiner Meinung nach nicht immer nötig ist. Ich bin eigentlich ein Freund davon, an die Verantwortung zu appellieren. Ein Schulleiter zum Beispiel muss in der Lage sein, für seine Schule geeignete Maßnahmen zu ergreifen, und das muss man ihm auch zutrauen. Ich kann nicht das letzte Detail für unsere über 55.000 Schüler und Lehrer aus Düsseldorf regeln. Das ist aber versucht worden.

Die Grenzen zu den Niederlanden sind im Herbst offengeblieben, obwohl dort die Zahlen exorbitant gestiegen sind. War das richtig?

Nein, da hätte ich mir ein konsequenteres Handeln aus Düsseldorf gewünscht, aber das war wohl politisch motiviert. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, denn natürlich kann man Grenzen in so einer Situation offenhalten – aber nur, wenn auf beiden Seiten dieselben Regeln gelten. Das war aber nicht so: In den Niederlanden wurde vieles sehr viel lockerer gehandhabt als bei uns, sodass Deutsche rübergefahren sind, als hier vieles geschlossen war. Dann, als drüben die Restaurants geschlossen waren, ging es in die andere Richtung. Wenn sich alle an die Regeln halten, dann ist das ja in Ordnung, aber da sind die Kulturen schon unterschiedlich.

Was haben Sie persönlich in diesem Jahr gelernt?

Dass man den Menschen viel mehr zutrauen kann und nicht alles vorschreiben muss. Und, das ist eigentlich die Bestätigung der von mir schon immer vertretenen Devise, dass eine klare Sprache und klare Botschaften am meisten helfen. Die Menschen wollen die Wahrheit hören, sie wollen nichts beschönigt und auch nichts dramatisiert erklärt bekommen. Damit sind wir auch immer gut gefahren.

„Monothematisch“ war ihr drittes Stichwort. Sind Sie froh, wenn das Thema Corona in der Prioritätenliste einige Plätze nach unten rutscht?

Natürlich. Jeder von uns wünscht sich doch nichts mehr als sein gewohntes Leben zurück.

Glauben Sie, dass wir wieder so miteinander umgehen werden, wie das vor der Corona-Pandemie normal war?

Das eine oder andere wird bleiben. Ich hoffe aber, dass das Menschliche wieder zurückkommt. Was mir Hoffnung macht: Das ist ja nicht die erste Pandemie in der Menschheitsgeschichte. Es wird vielleicht dauern, aber ich wünsche uns allen, dass eine gewisse Unbeschwertheit zurückkommt. Man kann nicht im permanenten Alarmzustand leben.

Werden Sie sich impfen lassen?

Klar, auf jeden Fall.

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