In der Kultur- und Kreativbranche geht derzeit fast nichts. © dpa
Borken

Kultur-Akteure im Corona-Alltag: Drei kreative Köpfe im Porträt

Stühle und Säle bleiben seit Monaten leer. Kein Publikum, kein Applaus, keine Gage. Was der Lockdown für die Kreativ- und Veranstaltungsbranche bedeutet, zeigen drei Beispiele aus der Region.

Am Burloer Gymnasium hat sich Sascha Dücker als Musikpädagoge und Leiter des „Jungen Ensembles“ einen Namen gemacht. Der ausgebildete Tenor mit Düsseldorfer Wurzeln ist darüber hinaus auf vielfältige Weise ein Player im Musik-Business: als Produzent, Regisseur, Event-Entwickler. Zudem ist er als Lehrbeauftragter tätig. Dücker steht beruflich also auf mehreren Beinen und findet sich, wie er sagt, während der Pandemie in einer „Mischsituation“ wieder.

Er sei an keiner Bühne festangestellt, so dass er auch kein fortlaufendes Gehalt beziehe. Andererseits liefen seine Lehraufträge weiter. „Ich kann mich nicht beklagen, weil ich auf verschiedenen Füßen stehe“, sagt er.

Am Burloer Gymnasium hat sich Sascha Dücker als Musikpädagoge und Leiter des „Jungen Ensembles“ einen Namen gemacht.
Am Burloer Gymnasium hat sich Sascha Dücker als Musikpädagoge und Leiter des „Jungen Ensembles“ einen Namen gemacht. © privat © privat

Das Jahr 2020 hätte er finanziell in den höchsten Tönen loben können, wenn Corona ihm nicht den bis dato exklusivsten Auftrag vermasselt hätte – eine Präsentation auf dem Genfer Automobilsalon. „Als der abgesagt und mein Kontrakt null und nichtig wurde, habe ich gemerkt, dass Corona etwas Umfassendes werden würde.“

Im Prinzip brach Dückers komplettes Portfolio weg: Konzerte, Bälle, Galas und vieles mehr. Da er teils selbst Veranstalter war, musste er die Absage an die gebuchten Künstler weitergeben. Einige hätten ihm gegenüber aus purer Not auf ihrer Gage bestanden. Er komme klar, aber „wirklich arm dran“, so Dücker, seien die Solo-Selbstständigen. Auch die mit Werkverträgen ausgestatteten Musical-Mitwirkenden würden wohl nicht durchbezahlt.

Das Ende der Krise biete für seine Branche aber auch durchaus Chancen. Insbesondere kleine Veranstalter ohne großen Verwaltungsapparat könnten, wenn Events wieder erlaubt seien, im Vorteil sein.

Videograf Rafael Gudelius

2020 sollte ein aufregendes Jahr für Rafael Gudelius werden. Eigentlich wollte der Weseker Videograf das Essener Rap-Duo 257ers mit der Kamera begleiten. Die Veröffentlichung eines neuen Albums stand an, dazu eine Tour und Auftritte bei großen Festivals. Das neue Album hat zwar tatsächlich das Licht der Welt erblickt, die dazu geplanten Auftritte sind coronabedingt aber ins Wasser gefallen. Und so gab es für Rafael Gudelius auch kaum etwas zu filmen.

2020 sollte ein aufregendes Jahr für Rafael Gudelius werden.
2020 sollte ein aufregendes Jahr für Rafael Gudelius werden. © privat © privat

Trotzdem sagt der 44-Jährige, dass er weniger hart von der Krise betroffen ist, als andere in der Branche. Neben seiner freiberuflichen Tätigkeit ist Gudelius mit einer halben Stelle bei einer Filmproduktionsfirma angestellt. Dort war zwar Kurzarbeit angesagt, „aber richtig arbeitslos war ich dennoch nicht“, sagt Gudelius. Viele Berufskollegen müssten hingegen schon ihr Equipment verkaufen, um über die Runden zu kommen.

Für die von der Politik beschlossenen Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen, hat Rafael Gudelius aber Verständnis. „Ich hätte mir ab November sogar einen härteren Lockdown gewünscht“, sagt er. Kritisch sieht der Videograf die Vergabe der staatlichen Hilfen. Für seine freiberufliche Tätigkeit bekam er zwar eine Soforthilfe – die muss er möglicherweise aber wieder zurückzahlen. Die Soforthilfe darf nur für die Deckung von Betriebskosten verwendet werden. Als Solo-Selbstständiger, der zu Hause arbeitet, hat Gudelius aber kaum Betriebskosten. Er wünscht sich ein Modell, das auch den Lebensunterhalt von Solo-Selbstständigen abdeckt.

Am meisten vermisst Rafael Gudelius als Profi-Filmer auf Festivals und Konzerten unterwegs zu sein. „Ich freue mich, wenn das wieder losgeht“, sagt er. „Wobei das wohl noch eine ganze Weile dauern wird.“

Event-Managerin Sabine Terwey

Das vergangene Jahr sollte eigentlich das erfolgreichste in der Geschichte von „Terwey Event & Marketing“ werden. Wobei sie da wiederspricht, denn Erfolg würde die 52-Jährige nicht mit Umsatz gleichsetzen. Aber: „Wir waren komplett durchgebucht.“

Sabine Terwey führt seit 2002 ihre eigene Agentur.
Sabine Terwey führt seit 2002 ihre eigene Agentur. © Sven Kauffelt © Sven Kauffelt

Ab 2002 hat Sabine Terwey die Agentur aufgebaut. Mit einer Event-Agentur hätten viele Münsterländer damit kaum etwas anfangen können. „Die meisten dachten, das sei ein Partyservice“, sagt sie rückblicken. Durch Hartnäckigkeit und viel Fleiß hat sie sich einen immer größeren Kundenkreis erschlossen. Dann kam Corona und ziemlich genau vor einem Jahr reihten sich die Absagen in kürzester Zeit aneinander. Statt Firmenfeiern mit Hunderten Gästen und Events mit tausenden Besuchern war da plötzlich: nichts.

Sabine Terwey ist einer dieser Menschen, die man früher quirlig genannt hat. Nicht umsonst hat sie sich den Kolibri als Wappentier für ihr Firmenlogo augesucht. Immer unterwegs, irgendwie auch immer unter Strom. Trotzdem sagt sie: „In ein Loch bin ich nicht gefallen.“ Obwohl das Familieneinkommen von ihr und ihrem Mann Frank von jetzt auf gleich zusammengeschmolzen ist, habe sie die Situation pragmatisch angepackt. „Es hilft ja nicht, darüber nachzudenken“, sagt sie.

Hilfen vom Staat hat sie erst gar keine beantragt. Das wäre ihr nicht richtig vorgekommen. „Ich kann doch arbeiten“, sagt sie. Stattdessen hat sie das Gewerbe zwischenzeitlich abgemeldet und sich mit fortlaufender Dauer des wirtschaftlichen und kulturellen Shutdowns, neu orientiert.

„Mir fehlen am meisten die Begegnungen mit Menschen“, sagt sie. Daraus zog sie immer ihre Kraft. Es war schnell klar, dass es etwas kommunikatives sein müsse, mit dem sie Zeit bis zum Ende der Pandemie überbrückt. Social Media ist das eine. Seit einem Monat sitzt sie nun fürs Robert-Koch-Institut am Telefon, spürt Kontakten von positiv Getesteten nach und muss Menschen mitteilen, dass sie sich in Quarantäne begeben müssen. Ihr Gesprächstalent kommt ihr da zugute. „Und ich mache etwas Sinnvolles“, sagt sie, voller Engagement auch für diese Aufgabe.

Klar ist aber, dass sie wieder Veranstaltungen organisieren will, wenn es wieder geht. Der Kolibri will wieder fliegen.

Dorsten am Abend

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