Begehrter Rohstoff: Holz (hier ein Stapel in der Nähe von Heiden) ist auf dem internationalen Markt extrem gefragt. © Göke
Rohstoffe sind knapp

Holzmangel wird für die Wirtschaft zum Problem

Holz ist in Europa genug vorhanden – aber kaum zu kriegen. Weil der internationale Markt verrückt spielt, vor allem die USA horrende Preise zahlen, bekommen heimische Firmen kaum Nachschub.

Dem Handwerk und der Industrie gehen die Rohstoffe aus. „Wir betrachten die Entwicklung mit Sorge“, sagt Gerd Laudwein, bei der IHK Teamleiter International. Eine der wesentlichen Ursachen dafür, dass besonders Holz, aber auch Kunststoffe und Stahl Mangelware sind, fällt in sein Ressort.

Besonders dramatisch ist die Situation beim Holz. Die Preise schießen auf dem internationalen Markt seit Monaten durch die Decke. Das hängt mit den globalen Handelsverflechtungen und zum Teil mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zusammen. „Die USA kaufen Holz zu absolut astronomischen Preisen“, berichtet Johannes Baier, Geschäftsführer des Baustofffachhandels Lueb & Wolters.

Beim Waldbesitzer kommt bisher wenig an

Goldene Zeiten für Waldbauern sind es deswegen aber trotzdem nicht, weshalb Baier von einem „völlig abnormalen Markt“ spricht. Ein Waldbesitzer bekommt für den Kubikmeter Rundholz aktuell etwa 55 Euro, sagt Holger Eggert, zuständiger Revierförster des Landesbetriebs Wald und Holz in Borken und Raesfeld. „Das ist schon ein deutlicher Anstieg. Vor einem halben Jahr lag der Preis bei 30 Euro“, erklärt er. „Wir kommen da von einem absoluten Tiefstpreis.“

Johannes Baier, Geschäftsführer von Lueb & Wolters.
Johannes Baier, Geschäftsführer von Lueb & Wolters. © Sven Kauffelt © Sven Kauffelt

Das hing damit zusammen, dass Unmengen von Schadholz durch die Borkenkäferplage und die anhaltende Trockenheit auf dem Markt waren. Nun ziehen die Preise zwar wieder an, sind aber noch weit von dem Höchststand vor vier Jahren entfernt, als der Kubikmeter Rundholz für 100 Euro weiterverkauft wurde. Die Folge: „Die Waldbesitzer tun sich jetzt schwer, gesundes Holz zu schlagen“, sagt Holger Eggert. Sprich: Sie warten auf bessere Preise.

Und die werden international gezahlt. Für den Kubikmeter Fichte in Bauholzqualität zahlen US-Firmen im Schnitt 400 Dollar, zum Teil auch 600 oder 700 Dollar. „Die Folge ist“, sagt Baier, „dass das Holz um die halbe Welt gefahren wird, während es hier immer knapper wird.“ Eine „paradoxe Situation“ sei das, weil eigentlich aufgrund des vielen Schadholzes so viel Holz auf dem Markt ist wie nie zuvor. „Aber im lokalen Markt kommt zu wenig davon an“, sagt Baier.

„Es ist nichts zu kriegen“

Das bekommt zum Beispiel Anja Seibel-Jonas zu spüren. Die Geschäftsführerin der Borki GmbH (früher Borkener Kistenfabrik) sagt: „So etwas haben wir überhaupt noch nicht erlebt. Der Markt spielt absolut verrückt.“ Die Borki produziert Kabeltrommeln, Kisten und Paletten. Mit der wichtigste Rohstoff ist Holz. „Und im Moment ist nichts zu kriegen“, sagt Seibel-Jonas. Denn die Sägewerke und Zwischenhändler verkaufen ihre Ware bei diesen finanziellen Verlockungen lieber nach Übersee, sind zum Teil aber auch wegen der nun einsetzenden Zurückhaltung der Waldbesitzer unterversorgt.

Anja Seibel-Jonas, Geschäftsführerin der Borki GmbH.
Anja Seibel-Jonas, Geschäftsführerin der Borki GmbH. © Sven Kauffelt © Sven Kauffelt

Knapp wird deshalb zum Beispiel das Material für Holzpaletten. Mit weitreichenden Folgen für alle Bereiche des Handels, denn die Paletten sind praktisch das Rückgrat der Wirtschaft. So gut wie alles wird auf Euro-Paletten transportiert, vom Toilettenpapier bis zur Industriepumpe. Und die Paletten können nicht einfach aus altem Holz zusammengezimmert werden. „Das Holz muss hitzebehandelt werden und unterliegt besonderen Anforderungen“, sagt IHK-Mann Laudwein. Denn sie werden international verwendet, und dazu muss sichergestellt werden, dass mit der Palette keine Erreger im Holz mitgeliefert werden. Darauf achten Staaten wie Australien oder seit dem Brexit auch Großbritannien stark. Umgekehrt die Europäische Union genauso.

Die nach der Coronadelle stark boomenden Volkswirtschaften in den USA und China saugen nun praktisch die Märkte leer. In den USA etwa boomt die Baubranche noch stärker als hierzulande, und dort wird vorrangig mit Holz gebaut. Die eigenen, eigentlich gewaltigen Kapazitäten sowie die des waldreichen Nachbarn Kanada reichen dafür nicht mehr aus. Das hat zum Teil noch mit den Strafzöllen zu tun, die Ex-Präsident Donald Trump den Kanadiern aufgebrummt hat. Zum Teil aber auch, weil die Holzindustrie in den USA infolge der dort massiv grassierenden Corona-Pandemie heruntergefahren wurde. Im Jahr 2020 ist der Export von Holz in die USA um mehr als 50 Prozent gewachsen, nach China hat er sich beim Rundholz mehr als verdoppelt.

Zimmerei mit Problemen

Daniel Lechtenberg hat dadurch ein Problem. „Die Preise für Bauholz haben sich innerhalb von einem Dreivierteljahr verdoppelt“, sagt der Inhaber der Zimmererei Lechtenberg in Borken. „Einige unserer Lieferanten nehmen schon gar keine Bestellungen mehr an, weil das Holz fehlt.“ Teilweise werden ihm zweimal pro Woche Preiserhöhungen mitgeteilt. Es kämen jetzt „einige Faktoren zusammen mit der Folge, dass wir am Ende des Tages ohne Holz dastehen“, sagt Lechtenberg. Er hat zwar vorsorglich Reserven eingekauft, „aber das Material bringt uns nichts, wenn die Lieferung Bauholz nicht kommt“. Das werde auftragsbezogen bestellt, erklärt Lechtenberg.

Johannes Baier zeigt auf teilweise leere Regale in seinem riesigen Materiallager an der Landwehr. Wände sind zu sehen, die normalerweise von Holzplatten verdeckt sind, die sich bis zur Decke stapeln. Seine Mitarbeiter seien „zum Glück so vorausschauend, dass wir nicht total leerlaufen“, sagt der Geschäftsführer. Es gibt noch Material, klar, aber das wird schon kontingentiert. „Wir müssen zusehen, dass wir unsere gewerblichen Kunden noch beliefern können.“ Der Hobbygärtner, der ein Hochbeet bauen will, muss auf sein Holz dann mal warten.

Auch andere Rohstoffe sind rar

Und es ist ja nicht nur das Holz. „PVC, Stahl, Industriewerkstoffe – überall sind die Preise explodiert“, schimpft Anja Seibel-Jonas. Dass die Preise für Kunststoffe auch angezogen haben und der Nachschub stockt, hängt indirekt auch mit Corona zusammen. Weil im vergangenen Jahr weltweit weniger Auto gefahren und vor allem weniger geflogen wurde, ist die Produktionskapazität in den Raffinerien gedrosselt worden. Damit aber fehlen wichtige Nebenprodukte, die zum Beispiel für die Herstellung von PET-Flaschen oder von Kunststoff-Eimern nötig sind. Wie Johannes Baier erzählt, haben dadurch zum Beispiel Farbhersteller Lieferschwierigkeiten, weil sie zu wenig Eimer haben, in die sie ihre Farbe abfüllen können.

Der Preis für Stahl zieht seit einigen Wochen extrem an. In der Stahlbranche ist von einem Nachholeffekt die Rede, weil die Corona-Pandemie zwischenzeitlich den globalen Transport ins Stocken brachte. Die Nachfrage in China, den USA und Europa ist aber wieder deutlich gestiegen. Was nun auch dazu führt, dass die Transportpreise rasant steigen. Für einen Container etwa auf der Schiffsroute von Shanghai nach Hamburg müsse man nun 8000 Euro zahlen, sagt Gerd Laudwein von der IHK. Vor Monaten seien es noch 2000 Euro gewesen. Und dabei spiele der Stau im Suezkanal durch ein querliegendes Schiff gar keine Rolle. Der Preissprung hat Auswirkungen auf viele andere Baustoffe wie Kies, Beton, Kunststoffe, sogar Leim.

Anja Seibel-Jonas redet sich bei dem Thema ein bisschen in Rage. „Wie sollen wir seriöse Angebote schreiben, wenn der Stahlpreis nächste Woche 40 Prozent höher liegt?“, fragt sie. Das gleiche im Moment einem Blick in die Glaskugel. „Und parallel haben wir Anfragen ohne Ende.“ Ihre Sorge: „Gibt es keine Paletten, bleiben über kurz oder lang auch Supermarktregale leer.“

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