Dieses Bild entstand am 10. Dezember 1941 in der damaligen „Poststraße“ in Stadtlohn. Dort hatten sich jüdische Bürger zur Deportation nach Riga einzufinden. © Stadtarchiv Stadtlohn
Erinnerungsort in Borken

Gedenken an die Opfer der Shoah: „Erinnerungsort“ in Borken geplant

Eine ebenerdige Gedenktafel soll bald an das Schicksal der deportierten Menschen erinnern. Vermutlich entsteht dieser „Erinnerungsort“ im Bereich des Borkener Kirchplatzes.

Am 11. Dezember 1941 wurden aus Borken fünf jüdische Frauen (drei aus Raesfeld und Reken), wie es damals hieß, polizeilich „zugeführt“. Aus Weseke mussten weitere elf jüdische Menschen in das münstersche Sammellager Gertrudenhof, von dort wurden sie zwei Tage später nach Riga deportiert. Dies war die erste von der regionalen Gestapo-Leitstelle Münster angeordnete Deportation jüdischer Bürger in das Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga.

Sie habe für das Münsterland und damit auch für Borken den Auftakt zur systematischen Verschleppung und Ermordung der durch Flucht und Emigration bereits deutlich kleiner gewordenen lokalen jüdischen Gemeinschaften bedeutet, so der Leiter des Borkener Stadtarchivs, Dr. Norbert Fasse.

„Erinnerungsort“ im Bereich des Kirchplatzes

An das Schicksal der deportierten Menschen soll in der Innenstadt demnächst eine ebenerdige Gedenktafel erinnern. Die Borkener SPD hatte vor einem Jahr einen solchen „Erinnerungsort“ beantragt. Der städtische Kulturausschuss sprach sich in dieser Woche einstimmig dafür aus. Archivleiter Fasse schlägt vor, diesen im Bereich Kirchplatz zu platzieren. Wo an der Einmündung der Kapuzinerstraße derzeit noch das eingeschossige Gebäude „Kleiner Co.“ steht, befand sich 1941 das Hauptverwaltungsgebäude der Stadt.

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit mussten die zu Deportierenden vor oder in diesem Verwaltungsgebäude auf das Eintreffen der Transportfahrzeuge warten“, vermutet Fasse. Einen dezidierten Quellennachweis gebe es dafür aber nicht. Der damalige Landrat habe für den Altkreis Borken „quasi eine Zubringer-Deportation“ inklusive Fahrplan organisiert.

Erinnerung an die Deportation „quasi in tieferer Schicht“

Insgesamt fielen der Shoah 112 Menschen zum Opfer, die in Borken und seinen heutigen Stadtteilen geboren wurden beziehungsweise gelebt hatten. Die meisten hatten zunächst noch in die Niederlande flüchten können. „Dass auf der Grundlage ungeschminkter Erinnerung an die antisemitische nationalsozialistische Verfolgungspolitik mit den heutigen Nachfahren der Überlebenden vorbehaltlose, anregende, freundschaftliche Beziehungen möglich sind, zeigen seit vielen Jahren unsere Kontakte zu den Familien Gans-Kaddar, Jonas, Klaber, Löwenstein und anderen“, so Fasse.

Eine Anbringung einer Gedenktafel auf dem heutigen Marktplatz sei hingegen irreführend, weil es nicht dem damaligen Ort des Geschehens entspräche, erklärt der Historiker. Der Marktplatz erhielt erst infolge von Zerstörungen durch einen Luftangriff seine heutige Ausdehnung.

Archivleiter Fasse tritt für eine sorgsame Gestaltung des Erinnerungsortes ein. Dieser müsse eine relativ würdige, unbeeinträchtigte Wirkung entfalten können. Seine Überlegung: „Vielleicht kann man eine durch eine feste Glasplatte abgedeckte Vertiefung schaffen und die Texttafel in Höhe der Unterkante der Pflastersteine platzieren.“ So lasse sich metaphorisch andeuten, dass die Erinnerung an die Deportation „quasi in tieferer Schicht“ liege, die es unter dem heutigen Pflaster freizulegen gelte.

Grundmauern der Synagoge wieder kenntlich machen

Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe begrüßt das Vorhaben und dankt für die offene und transparente Abstimmung in diesem Planungsprozess. Gern biete man an, zu der Einweihung einen Vertreter zu entsenden, heißt es in dem Antwortschreiben an die Stadt.

Auf Wunsch der CDU sollen demnächst alle Erinnerungsorte in einer Informationsschrift gesammelt vorgestellt werden. Dazu gehören die Stelen, die an die Standorte der Synagogen erinnern, die Friedhöfe sowie die „Stolpersteine“ an der Ahauser Straße. In Gemen ist zudem daran gedacht, den Grundriss der früheren Synagoge auf der Wiese an der Coesfelder Straße nachzuempfinden.

Analog dazu sei, so Fasse, zu erwägen, ob auch die Grundmauern der Borkener Synagoge, die sich zwischen Brinkstraße und Turmstraße befand, wieder kenntlich gemacht werden könnten.

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