Ein Richter hatte die Maskenpflicht an zwei Thüringer Schulen außer Kraft gesetzt. Gegen ihn wird jetzt wegen Rechtsbeugung ermittelt. © picture alliance/dpa
Schule

Zurück zum Präsenzunterricht: Wichtiger Schritt oder Schnapsidee?

Die Rückkehr zum Präsenzunterricht ab Montag (31.5.) bedeutet auch ein Stück mehr Alltag an Schulen. Lehrer und Eltern freuen sich, bleiben aber verhalten. Die Entscheidung berge auch Risiken.

Ab dem kommenden Montag, 31. Mai, kehren die Schüler vom Wechselunterricht in geteilten Gruppen zurück in den täglichen Präsenzunterricht in voller Klassenstärke. Zuletzt war das vor Weihnachten der Fall. Seitdem lernten sie entweder komplett in Distanz oder im Wechsel zu Hause und in der Schule. Eine stabile Inzidenz unter 100 macht das fünf Wochen vor Ende des Schuljahres möglich.

Wir haben uns unter den Leitern der weiterführenden Schulen umgehört und auch die Meinung einer vierfachen Mutter erfragt. Die Stimmung ist – zusammengefasst – verhalten positiv. Zu wenig konnte man sich während der Pandemie auf die Dauer und Verlässlichkeit bestimmter Maßnahmen verlassen.

Mutter: Präsenzunterricht kein Ersatz für Sozialleben

Christiane Petzold, Mutter von vier Kinder im Alter zwischen zehn und 16 Jahren hat dazu eine klare Meinung: „Ich finde das eine echte Schnapsidee“, sagt sie.

„Ja, die Kinder freuen sich. Ja, es ist toll, dass ein Zurück zu einem geregelten Alltag gefunden wird. Aber es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Schulöffnungen und steigenden Zahlen.“ Damit verweist sie auf die Schulöffnungen Mitte Februar, die dazu geführt hätten, dass es nach den Osterferien kompletten Distanzunterricht geben musste.

„Natürlich gehen wir alle und vor allem die Lehrer auf dem Zahnfleisch. Aber wenn unser Sommerurlaub ins Wasser fällt, gibt es hier eine große Explosion. Ein erneuter Lockdown wäre viel schlimmer, als jetzt die Wochen bis zu den Sommerferien im Wechselunterricht noch durchzuhalten. Für diese gewisse Zeit wäre das auch noch ertragbar.“

Vielmehr hätte sich Petzold Lockerungen im Freizeitbereich gewünscht, zum Beispiel mal wieder schwimmen gehen zu können. Oder dass eine Abschlussfeier für ihre Zehntklässlerin möglich wäre. Stofftechnisch könne in diesem Schuljahr ohnehin nicht mehr viel gerissen werden.

„Die Kinder sind diejenigen, die am meisten Rücksicht nehmen müssen, sie selbst werden in ihren Bedürfnissen aber nicht berücksichtigt“, sagt die 40-Jährige. „Was ihnen vor allem fehlt ist das Sozialleben und das ist durch Präsenzunterricht auch nicht gegeben.“ Auch dieser erneute Vorstoß der Politik sei nicht zu Ende gedacht.

Furcht vor neuen Fällen und Quarantäne

Reinhold Bauhus, Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule: „Meine Meinung dazu ist zweischneidig“, sagt Bauhus. „Einerseits freuen wir uns, dass wir die Schüler wieder begrüßen dürfen. Andererseits befürchten wir eine erneute Quarantäne für die Schüler, sodass der Sommerurlaub der Familien gefährdet ist.“

In den vergangenen Wochen hatte es im Wechselunterricht regelmäßig zwei bis drei positiv Getestete pro Woche gegeben. Wenn die Klassen nun in ihrer Gesamtstärke wieder vor Ort sind, befürchtet er, dass die Zahlen erneut ansteigen.

Auf der anderen Seite begrüßt Bauhus, in den kommenden Wochen bis zu den Sommerferien aufgebaute Lern-Defizite abbauen zu können. „Vielleicht können wir in dieser Zeit durch intensive Arbeit einiges aufholen, auch um Nachprüfungen zu vermeiden. Die Schüler sollen ihre Motivation und die Freude am Lernen zurückgewinnen.“

Bei all dem hofft Bauhus darauf, dass es bald umfangreiche Impfungen für die Schüler gibt.

Oft von Prognosen eines besseren belehrt

Christian Gröne, Schulleiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule: „Natürlich freuen wir uns die Schüler wieder täglich in der Schule zu haben“, sagt auch er.

Im Moment sei man unter Hochdruck damit beschäftigt, die organisatorischen Dinge, die Hygieneregeln für den Präsenzunterricht aller Schüler, erneut umzusetzen: Einbahnstraßen, Pausenregelung, Bestände an Desinfektionsmittel, Seife und Masken aufzufüllen.

„Die Testungen machen uns noch ein bisschen Sorge“, sagt Gröne. „Wir fühlen uns nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass sich die volle Klasse gleichzeitig testen muss.“ Außerdem seien die Testungen nach wie vor aufwändig und beanspruchten voraussichtlich eine ganze Schulstunde. Auch Gröne befürchtet einen erneuten Anstieg der Inzidenz und eine Schließung der Schulen noch vor Beginn der Sommerferien. „Wie so oft wurden wir in den Prognosen eines Besseren belehrt“, kommentiert er und befürchtet einen Jojo-Effekt.

Er hätte sich gewünscht, dass die Impfungen bereits weiter fortgeschritten sind, bevor man die Schüler komplett an die Schulen zurückholt. „Eigentlich ist die Pandemie nach wie vor schlimm und ich finde, das Konglomerat der Politik, zu vermitteln, ‚alles sei gut‘, ist das falsche Signal.“

Familien brauchen Planbarkeit

Benjamin Müller, Leiter der Ludwig-Uhland-Realschule: „Mich hat die Nachricht über die Rückkehr zum Präsenzunterricht überrascht“, so Müller. Er hoffe, dass das wirklich gut funktioniert. „Ich persönlich hätte mit nächstem Schuljahr gerechnet, aber irgendwann muss es ja mal wieder losgehen.“

Auch er freut sich darauf, wieder volles Haus zu haben. Aber ein gewisses Restrisiko bleibe. „Es wäre schön gewesen, wenn wenigstens alle Kollegen durchgeimpft wären“, sagt er. So gebe es einen bitteren Beigeschmack.

„Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich den Wechselunterricht bis Ende des Schuljahres bevorzugt. Die Familien brauchen Planbarkeit und ein Schritt-für-Schritt zurück zur Normalität.“ Den verpassten Stoff des Schuljahrs werde man sowieso nicht aufholen können. „Aber vier Wochen sind vier Wochen“, räumt Müller ein.

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
Zur Autorenseite
Avatar
Lesen Sie jetzt