Warum alle Europäer mal ganz dringend zur Paartherapie müssen

dzJetzt mal unter uns

Die Europa-Wahl steht vor der Tür. Und keinen interessiert es. Für unseren Autor ist das wie mit einer Beziehung, die repariert werden muss. Weil die Alternative Sex mit Donald Trump wäre.

Lünen

, 18.05.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Freitagmittag habe ich Trommeln in der Innenstadt gehört - und natürlich das gedacht, was jeder normale Mensch denken würde: Die Orks haben Moria verlassen und fallen in Lünen ein. Ganz pragmatisch betrachtet hätten sich damit viele Probleme wie Leerstand, Müll oder die Gestaltungssatzung erledigt. Die Verwaltung hätte Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern. Einziger Haken: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verwaltung oder sonst irgendjemand den Angriff der Orks überlebt, wäre eher gering.

Kein Blick für die hübsche Königstochter

Tatsächlich waren es aber auch gar keine keine Orks, sondern Jugendliche, die mit den Schauspielern Susanne Hocke und Jürgen Larys Werbung für die anstehende Europawahl machten: Sie gingen als Stier und Prinzessin Europa verkleidet durch die Innenstadt. Dem Mythos nach war Europa die Tochter des phönizischen Königs Agenor und wurde vom griechischen Gott Zeus in Form eines Stiers entführt. Ihr zu Ehren nannte er den Kontinent, wo sie leben wollten, Europa.

Die Reaktionen der Passanten: überschaubar. Klar, ist ja auch schwerer Stoff, vor allem, wenn die Schule schon ein paar Jahre zurück liegt. Ein freundliches Nicken war noch die heftigste Reaktion, die meisten Menschen investierten ihre Kraft darin, geradeaus zu gucken und so zu tun, als ginge sie das gar nichts an. Was angesichts der hübschen Prinzessin nicht ganz einfach war.

Zu dumm nur, dass die Schönheit Europas auch im übertragenen Sinn die Menschen eher dazu bringt, in die andere Richtung zu schauen. Dabei wäre diese Frau, um im Bild zu bleiben, recht einfach zu haben - man bräuchte sich nicht einmal als Stier zu verkleiden. Also, streng genommen haben wir sie ja auch schon längst. Und genau da liegt das Problem: Mit zunehmender Zeit werden Menschen, mit denen man sein Leben teilt, oder Dinge, die man besitzt, langweilig und uninteressant. Statt auf Europa blickt man dann lieber zu anderen Personen. Onkel Sam, zum Beispiel (bezieungsweise sein Stellvertreter, der gerade im Weißen Haus in Washington sitzt). Der sieht zwar aus wie ein debiles Eichhörnchen, das einmal zu oft in einen Elektrozaun gelaufen ist. Und verhält sich auch so. Aber er ist halt anders als die schnöde Europa, an deren Anblick wir uns einfach gewöhnt haben. Er verspricht den schnellen Spaß, das verruchte Abenteuer, kurz: den Kick.

„Sex und Freiheit sitzen nicht auf der Gartenbank“

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als alle Europäer einmal zur Paartherapie zu schicken und ihnen zu erklären, wie man eine Liebesbeziehung auch nach vielen Jahren aufrecht erhält. Gut, man könnte auch selbst drauf kommen und sich einfach auf das besinnen, was diese Beziehung ausmacht: Freude, zum Beispiel. Geborgenheit. Verständnis. Gemeinsame Ziele. Lange Gespräche an Sommerabenden bei einer Flasche Wein. Eben alles Sachen, die einem niemand sonst bieten kann.

Oder, wie es das allwissende Internet formuliert hat (leider kann ich den Urheber des Spruchs nicht ermitteln): „Wer nur Sex und Freiheit sucht, wird irgendwann merken, dass beide im Alter nicht mit ihm auf der Gartenbank sitzen.“

Einmal in der Woche sprechen die Mitglieder der Redaktion „mal unter uns“ über Themen, die sie und Lünen beschäftigen. Mal hitzig, mal pointiert, mal einfach geradeaus – aber immer bereit, sich der Diskussion zu stellen.
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