Das Lippewerk, hier eine Aufnahme um 1960, wurde ursprünglich zu 100 Prozent mit Kohlestrom beliefert. Während die alte Aluminiumhütte nun ein Recyclingzentrum ist, verschwindet nebenan mit dem Steag-Kraftwerk der ursprüngliche Energielieferant. © Remondis
Steag und Lippewerk

Wandel der Industrie am Beispiel Lünen: Sprengung beendet eine Ära

Wenn am Sonntag (28. März) die Türme des ehemaligen Steag-Kraftwerks fallen, gilt ein Sperr-Radius von 800 Metern um das Gelände. Damit sind auch einige Betriebe in Lippholthausen betroffen.

Der große Knall am 28. März wird nicht ohne Erschütterungen über die Bühne gehen – so viel steht fest. Entsprechend hat die Hagedorn-Gruppe als Eigentümerin des ehemaligen Steag-Kraftwerks auch ein Erschütterungsgutachten erstellt. Auszüge davon hat unter anderem die Trianel GmbH erhalten, die in direkter Nachbarschaft ein Steinkohlekraftwerk betreibt.

Wie Trianel-Sprecherin Claudia Wedemann auf Anfrage erklärt, habe man das Gutachten geprüft. „Wir liegen demnach außerhalb des kritischen Bereichs.“ Hinsichtlich der Sprengung müssten also keine besonderen Vorkehrungen getroffen werden. „Wir stehen in direkter Kommunikation mit Hagedorn.“

„Starkes Symbol der Dekarbonisierung“

Das gilt auch für Remondis, dessen Lippewerk an das Kraftwerksgelände grenzt. Seit einem Monat befindet sich das Unternehmen in Gesprächen mit der Hagedorn-Gruppe, sagt Remondis-Sprecher Michael Schneider: „Das Ergebnis dieser Konsultationen ist, dass wir im Prinzip keine nennenswerte Störung in den Betriebsabläufen des Lippewerks erwarten, uns aber dennoch für alle Eventualitäten rüsten.“

Konkret gehe es dabei um die „sehr unwahrscheinliche Möglichkeit eines Stromausfalls“, da sich der Netzeinspeisepunkt des Lippewerks in der Nähe des alten Kühlturms befindet. „Da aber gerade von der Kühlturmsprengung keine größeren Erschütterungen erwartet werden, ist hier ein Ausfall sehr unwahrscheinlich“, so Schneider. Sollte es wider Erwarten doch zu einem Stromausfall kommen, würden Notstromaggregate bereitgehalten.

Der Remondis-Sprecher weist auf die Bedeutung des großen Nachbarn hin: „Das alte Steag-Kraftwerk war ursprünglich zur Stromversorgung des benachbarten Aluminiumwerkes gebaut worden. Das alte Aluminium-Lippewerk wurde für seinen extrem hohen Energieverbrauch also zu 100 Prozent mit Kohlestrom beliefert.“

Die Sprengung sei ein perfektes Symbol für den erfolgreichen Strukturwandel: „Denn während das Lippewerk zu Europas größtem Zentrum für industrielles Recycling umgewandelt, also quasi das ganze Werk recycelt und in eine moderne und nachhaltige Zukunft überführt wurde, wird die veraltete, kohlebasierte Energieerzeugung mit einem lauten Knall für immer zurückgebaut.“

Heute versorge sich das Remondis-Lippewerk zur Gänze mit selbst produzierter CO2-neutraler Energie aus Biomasse und spare dabei obendrein auch noch fast eine halbe Million Tonnen CO2 ein.

Für Schneider ist die Entwicklung in Lippholthausen ein Vorbild: „Die deutsche Industrie will sich dekarbonisieren, wofür die Sprengung eines alten Kohlekraftwerks in unmittelbarer Nachbarschaft zum größten europäischen Recyclingwerk ein starkes Symbol ist.“ Gleichzeitig müsse die Industrie aber auch lernen, wie man in wesentlich größerem Umfang Recycling-Rohstoffe einsetzt und daraus gute Produkte herstellt: „.Ansonsten droht der Verlust von weltweiten Marktanteilen und heimischen Arbeitsplätzen.“

Kampf um qualifizierte Arbeitsplätze

Um Arbeitsplätze wird es auch nach der Sprengung des alten Steag-Kraftwerks gehen: Die DFI Partners AG aus Düsseldorf wird den südlichen Teil des Geländes als Gewerbe- und Industriegebiet vermarkten. Politik und Verwaltung der Stadt Lünen versuchen, auf diesen Prozess Einfluss zu nehmen, um ein Ergebnis im Sinne der Stadtentwicklung zu erzielen – das Schreckgespenst des ursprünglich geplanten Logistikparks ist noch nicht endgültig vom Tisch. Die Verwaltung beteuerte zuletzt erneut: „Auf dem Gelände an der Moltkestraße sollen in enger Abstimmung mit der Stadt Lünen schnellstmöglich hochwertige Industrie- und Gewerbeflächen entstehen.“

Was mit der Nordfläche des Geländes passiert, wo noch bis Sonntag der Kühlturm steht, ist derzeit unklar. Die Stadt Lünen will dem Vernehmen nach versuchen, die Fläche zu kaufen – bisher hielt man sich hier jedoch bedeckt.

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Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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