Vor 75 Jahren: die Verhaftungswelle nach dem Hitler-Attentat kostete zwei Lüner das Leben

dz„Aktion Gitter“

Das 1000 Kilometer entfernt liegende Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ wurde Schauplatz des bedeutsamsten Attentates auf Hitler. Die Ereignisse nahmen auch Einfluss auf das Leben in Lünen.

von Maike Lorenz

Lünen

, 04.08.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nachdem das Attentat der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler scheiterte, kam es am 22. und 23. August zu einer breit angelegten Verhaftungswelle, die auch Lünen betraf. Unter dem Decknamen „Aktion Gitter“ richtete sich diese nicht gegen die Verschwörer des 20. Julis, sondern gezielt gegen ehemalige oppositionelle Politiker. Inwiefern diese sich zum Zeitpunkt der Verhaftung noch im Widerstand betätigten, war für die Verhaftung irrelevant. Laut dem Historiker Sebastian Haffner hat dies den Hintergrund, dass Hitler einem seiner Meinung nach vorzeitigen Kriegsabbruch hätte vorbeugen wollen.

Verhaftungen in Lünen

Im Verlauf der sogenannten „Aktion Gitter“ sind schätzungsweise 5000 Oppositionelle festgenommen worden. Auch die Sozialdemokraten Auguste Schnakenbrock und Eduard Petrat aus Lünen wurden verhaftet.

Auguste Schnakenbrock arbeitete ab 1929 als Konrektorin an der Viktoriaschule und gehörte bereits seit 1927 als erste Frau der Stadtverordnetenversammlung an. Ihr Mandat legte sie allerdings im März 1933 nieder. Nur wenig später wurde sie in Folge des sogenannten „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 auch aus dem Schuldienst entlassen.

Gemeinsam mit Eduard Petrat, der ebenfalls als Stadtverordneter der SPD tätig war, wurde Schnakenbrock am 22. August 1944 verhaftet und in ein Konzentrationslager überführt.

Wie Schnakenbrock war auch Eduard Petrat bereits im Vorfeld verschiedensten Repressionen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Unter anderem musste er einen dreiwöchigen Arrest im damaligen Stadthaus (heute befindet sich dort die Geschwister-Scholl-Gesamtschule Lünen) antreten. 1936 kam er erneut in Haft. Nach der Entlassung wurde ihm die Auflage erteilt, sich täglich bei der Polizeiwache zu melden. Der Aufforderung, zweimal wöchentlich bei der Geheimen Staatspolizei den Hitlergruß zu „üben“, kam er nicht nach. Letztlich verlor Petrat seine Arbeit als Bergmann auf Gneisenau.

Beide Sozialdemokraten wurden nach dem Krieg für tot erklärt. Schnakenbrock ist zuerst in das Polizeigefängnis Hörde gebracht worden und starb vermutlich im Konzentrationslager Ravensbrück. Petrat galt nach seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager Bergen-Belsen als verschollen.

Ehrungen von Schnakenbrock und Petrat

Heute wird Auguste Schnakenbrock durch die Namensgebung einer Straße in der Kolonie Oberbecker (Lünen-Süd) gedacht. Ein Antrag, die Viktoriaschule nach der ehemaligen Konrektorin zu benennen, wurde dagegen abgelehnt. Stattdessen erinnert dort eine Gedenktafel an ihr Wirken.

Nach Eduard Petrat ist eine Straße in Horstmar benannt. Udo Kath, Vorsitzender des „Arbeitskreises Stolpersteine“, betont allerdings, dass Petrat nicht in Horstmar, sondern in der Horstmarer Straße als Nachbar von Auguste Schnakenbrock gewohnt habe. Auf die Initiative des SPD-Ortsvereins Beckinghausen brachte die Stadt bereits 1988 ein Hinweisschild an, das Besucher der Eduard-Petrat-Straße über den Hintergrund der Namensgebung informiert. Als zwei von drei ermordeten Stadtverordneten der SPD wird an Schnakenbrock und Petrat zudem durch eine Ehrentafel in der SPD-Geschäftsstelle gedacht.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig

Desweiteren erinnern seit dem 22. April 2014 zwei Stolpersteine in der Horstmarer Straße (Hausnummer 28 und 30) an die beiden Oppositionellen. Durchgeführt wurde die Verlegung unter anderem von der SPD. Danach bildete sich der „Arbeitskreis Lüner Stolpersteine“. Nachdem zuletzt im Februar 2019 sechs Steine verlegt worden sind, gibt es heute in Lünen insgesamt 29 Stolpersteine. Der Arbeitskreis bemüht sich für Juni 2020 um weitere Stolpersteine in der Lüner Stadtmitte.

Quellen:Lünen 1918-1966: Beiträge zur Stadtgeschichte, Herausgegeben von Fredy Niklowitz und Wilfried Heß Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler
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