Der Angeklagte neben einer Dolmetscherin und seinem Verteidiger Karsten Possemeyer. © Martin von Braunschweig
Prozess

Versuchter Totschlag? Lüner Jogger rettet sich knapp vor rasendem Auto

Vor dem Auswärtsspiel seines Sohnes beim Hammer Sportclub wollte ein Mann aus Lünen im Dezember 2019 noch eine Runde durch Hamm joggen. Was dabei passierte, beschäftigt jetzt das Gericht.

Vor dem Dortmunder Schwurgericht hat am Dienstag (8.6.) der Prozess gegen einen 75-jährigen Rentner aus Hamm begonnen. Staatsanwalt Henner Kruse wirft ihm unter anderem versuchten Totschlag vor.

Der Angeklagte soll am Nachmittag des 14. Dezember 2019 mit seinem Auto auf den joggenden Lüner zugerast sein, so dass dieser sich mit einem Sprung über einen am Straßenrand liegenden Findling in Sicherheit bringen musste.

Sprung über Findling

Der heute 51-jährige Mann aus Lünen erinnert sich noch ganz genau an diesen Tag. „Ich gehe gerne noch eine Runde laufen, ehe ich meinem Sohn beim Fußballspielen zugucke“, sagte er. „In Hamm kannte ich mich überhaupt nicht aus und bin einfach der Nase nach gelaufen.“

Nach etwa zwei Kilometern gelangte der Jogger an eine Straße ohne befestigte Gehwege. Er sei deshalb ziemlich am Rand gelaufen, sagte der Zeuge am Dienstag im Gericht. Trotzdem sei ihm plötzlich ein einbiegender Mercedes gefährlich nahe gekommen.

Schlag auf die Seitenscheibe

Der Lüner gibt zu: „Ich habe einmal mit der flachen Hand auf die Seitenscheibe geschlagen, um auf mich aufmerksam zu machen.“ Und ja, als er danach weitergelaufen sei, habe er dem Fahrer noch mit der Scheibenwischer-Geste zu verstehen gegeben, was er von ihm hielt.

Dann aber geschah das eigentlich Unglaubliche. Während der Jogger seinen Weg fortsetzte, soll der Angeklagte mehrmals den Motor aufheulen lassen haben. Und dann steuerte er den Wagen laut Anklage gezielt auf den Lüner zu.

„Ich konnte gar nicht glauben, dass er das wirklich macht“, zeigte sich der Zeuge auch vor Gericht noch fassungslos. Schließlich habe er sich mit einem Sprung über den mächtigen Findling in Sicherheit gebracht. Und das offenbar keine Sekunde zu früh.

Auto völlig zerstört

Das Auto des 75-Jährigen schoss nämlich damals mit ziemlicher Geschwindigkeit in die Reihe der schweren Steine hinein. Ein Findling wurde bis in einem Hauseingang geschoben. Auf einem zweiten blieb der 23 Jahre alte Mercedes schließlich liegen. Mit gebrochener Vorderachse.

Der Angeklagte räumte die Tat am ersten Verhandlungstag über seinen Verteidiger Karsten Possemeyer ein. In einer Erklärung, die am zweiten Verhandlungstag verlesen werden soll, werde er aber bestreiten, mit Tötungsvorsatz gehandelt zu haben.

Bewährungsstrafe möglich

Die Richter ließen bereits durchblicken, dass dem 75-Jährigen möglicherweise tatsächlich nicht nachgewiesen werden kann, dass er den Tod des Joggers in Kauf genommen hat. „In diesem Fall käme eine bewährungsfähige Strafe in Betracht“!, sagte der Vorsitzende Thomas Kelm.

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