Wolfgang Meier-Barth ist Kreiskantor im evangelischen Kirchenkreis Dortmund und dirigiert hier das Oratorium ‚The Peacemakers‘ beim Kreiskirchentag im Juli 2017. Aktuell ist er dabei, einen Online-Chor in Dortmund ins Leben zu rufen. © Stephan Schuetze
Orgel, Chor und Co.

„Vermisse die Chorproben fürchterlich“: Kirchenmusiker sind nun digital unterwegs

Kaum Gottesdienste, wenige Hochzeiten und Taufen: Kirchenmusikern wird derzeit die Arbeitsgrundlage nahezu entzogen. Auf neuen Wegen versuchen sie nun ihrem Beruf nachzugehen.

Die Kirchenmusik lebt davon, mit der Gemeinde zu singen und zu musizieren. Daher fehlen mir die Gottesdienste und der Gemeingesang sehr“, sagt Martina Jasper. Sie ist Organistin der evangelischen Gemeinde in Wickede, leitet einen Chor und ist bei der Gemeinde nebenberuflich angestellt.

Die Musikerin beschreibt damit die Lage der Kirchenmusiker: Zum einen finden nahezu keine Gottesdienste statt. Zum anderen fallen Chorproben vor Ort aus. Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen gibt es zwar vereinzelt, aber für die vielen Kirchenmusiker reicht das nicht aus.

„Ein kleines Trostpflaster“

Drehen Kantoren und Organisten nun Däumchen? Nein, dem ist weit gefehlt. Ob digitale Chorproben, Orgel-Aufnahmen auf Youtube oder Gottesdienst-Aufzeichnungen – viele Musiker haben in der Corona-Zeit kreative Ideen entwickelt.“

Martina Jasper bleibt mit ihrem Chor regelmäßig digital in Kontakt und stellt Noten und Übungsmaterial zur Verfügung. Die Mitglieder nehmen ihren Part dann zu Hause auf. „Zum Schluss füge ich die Einzelstimmen und meine Begleitung zusammen und am Ende freut sich jeder darüber, wenn er oder sie die Aufnahme des Chores hören kann. Es ist ein kleines Trostpflaster.“

„Digitaler Orgelunterricht macht wenig Sinn“

Dennoch seien die digitalen Projekte kein Ersatz für das persönliche Miteinander. „Die Proben, die Leute, die Freude am Singen vor Ort mit allen zusammen vermisse ich fürchterlich.“

Dekanatskirchenmusiker Simon Daubhäußer begleitet – trotz Corona – die Messe in der Propsteikirche, die seit Mai 2020 trotz weniger Gottesdiensten noch täglich stattfindet.

Simon Daubhäußer ist Dekanatskirchenmusiker in Dortmund.
Simon Daubhäußer ist Dekanatskirchenmusiker in Dortmund. © Maximilian Maranca © Maximilian Maranca

Die Kirchenmusikausbildung fällt dagegen flach: „Digitaler Orgelunterricht macht oft wenig Sinn, da kaum jemand eine Orgel Zuhause hat“, sagt er. Dem 38-Jährigen fehlt auch „der musikalische Duo-Partner, die singende Gemeinde“, die man manchmal anfeuern oder bändigen müsse.

Orgelspots: Fröhliche und lustige Lieder

In der Zeit des Lockdowns veranstaltete Daubhäußer mit Alttestamentler Egbert Ballhorn von der TU Dortmund Alternativgottesdienste, die nun fortgesetzt werden. Zuvor produzierte er Impulse zu Orgelchoralbearbeitungen, die auf dem YouTube Kanal der Propsteigemeinde abrufbar sind.

Auch Jutta Timpe hat sich einen „alternativen Alltag“ erstellt. Die Kantorin aus Lünen spielt täglich ein Stück auf der Orgel in der Stadtkirche St. Georg. „Das verschicke ich dann an meine Chormitglieder für ihre Stimmbildung.“

Jutta Timpe ist Kantorin in Lünen und spielt regelmäßig Orgel in der St. Georg Stadtkirche.
Jutta Timpe ist Kantorin in Lünen und spielt regelmäßig Orgel in der St. Georg Stadtkirche. © Gesine Lübbers © Gesine Lübbers

Im ersten Lockdown lag ihr Fokus auf fröhlichen und lustigen Liedern. Orgelspots nannte sich das Projekt. Aktuell steht sie mit ihrem Chor regelmäßig virtuell in Kontakt: „Es ist wichtig, weiter zu singen und seine Stimme zu pflegen, sonst wird sie matt. Außerdem ist das Singen gut für Abwehrkräfte und setzt Glückshormone frei.“

Trotz nur weniger Veranstaltungen ist auch Wolfgang Meier-Barth nicht langweilig. Der Kreiskantor des Evangelischen Kirchenkreises verbringt seine Tage mit Beratungen, Gremienarbeit und Übungen an der Orgel. „Wenn bei uns die Kirche offen ist, spiele ich ein wenig.“

„Haben große Sorge“

Nun hat er zudem das Projekt „Online-Kirchenchor“ gestartet. Im Programm: Bekannte Choräle, Gesänge aus Taizé und der Ökumene. „Die musikalische Arbeit ist auf diese Weise zwar nicht befriedigend, aber wenigstens können wir gemeinsam virtuell singen.“

Online-Kirchenchor des Kreiskantors

  • Chorprobe ist an jedem Dienstag um 19 Uhr.
  • Jeder Probentermin dauert etwa 45 Minuten.
  • Wer mitmachen möchte, muss sich zuvor bei Wolfgang Meier-Barth melden, seine E-Mail-Adresse lautet: wolfgang.meier-barth@ekkdo.de.

Und wie sieht es mit der finanziellen Absicherung aus? Der Kreiskantor vermutet, dass es etwa 70 nebenberufliche evangelische Kirchenmusiker in Dortmund gibt. Sein Gegenüber Daubhäußer schätzt die Zahl auf etwa 50 bis 100.

„Die Kirche als Arbeitgeber sorgt noch gut für mich, aber wir haben alle große Sorge, dass es irgendwann nicht mehr reicht“, meint Martina Jasper. Außerdem sei der zeitliche Aufwand für die virtuellen Chorprojekte und die Orgel Einspielungen aktuell sogar höher als vor der Corona-Zeit.“

Solosänger und freiberufliche Orchestermusiker stark betroffen

„Für freie Musiker“, sagt Meier-Barth, „sind die Wochen des Stillstands ein großes Problem. Gerade für Solosänger oder freiberufliche Orchestermusiker ist die Adventszeit, die sonst sehr gut besucht ist, komplett weggefallen.“

Auch Simon Daubhäußer weiß, dass die Absage zahlreicher Messen viele Kirchenmusiker in den vergangenen Monaten finanziell getroffen hat. Deshalb hält er Ausgleichszahlungen für wünschenswert.

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Gebürtiger Brandenburger. Hat Evangelische Theologie studiert. Wollte aber schon von klein auf Journalist werden, weil er stets neugierig war und nervige Fragen stellte. Arbeitet gern an verbrauchernahen Themen, damit die Leute da draußen besser informiert sind.
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Maximilian Konrad

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