Kraniche fliegen über das Ruhr-Nachrichten-Medienhaus in Lünen gen Süden: nur einer von mehreren Vogel-Formationen am Montag. © Sylvia vom Hofe
Vogelzug

Tausende Kraniche fliegen mit bis zu 70 Stundenkilometern nach Süden

Ferienflieger bleiben wegen Corona zurzeit am Boden, anders als die Kraniche. Sie zogen am Sonntag und Montag (8./9.11.) zu Tausenden gen Süden. Nicht nur ihre Zahl ist rekordverdächtig.

Etliche Köpfe haben sich am Montagmittag (9.11.) nach oben gedreht. Menschen haben ihren Einkauf unterbrochen, andere ihre Arbeit oder das Mittagsesse, um nachzusehen, woher die laut trompetenden Schreie kommen. Die Antwort fanden sie am blauen Himmel: Kraniche, die in mehreren V-Formationen gen Süden zogen. Ein Hauptreisetag, wie Klaus Nowack, Ornithologe aus Werne, sagt.

8000 Vögel an zwei Tagen in der Einflugschneise

An keinem anderen Tag seit Beginn des Vogelzugs Anfang Oktober seien so viele Tiere gleichzeitig über Münsterland und Ruhrgebiet unterwegs gewesen: mehr als 8000 allein am Sonntag und Montag. „Wir wohnen hier direkt in der Einflugschneise“, sagt Nowack: ein Korridor über Werne, Lünen und Selm, den die Vögel des Glücks, wie Kraniche auch heißen, seit Generationen nutzen. Dabei leisten sie einiges.

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Kraniche im November

Wissenschaftler haben festgestellt, dass die grauen Vögel mit dem roten Scheitel zwischen 45 und 70 Stundenkilometer schnell unterwegs sind. Sie können bis zu 2000 Kilometer nonstop fliegen, Tag und Nacht. „Dann müssen die Bedingungen aber schon optimal sein“, sagt Klaus Nowack. Er weiß, dass die Tiere auf ihrem langen Weg von Skandinavien und dem Baltikum bis nach Südfrankreich, Spanien oder gar Nordafrika auch gerne mal eine Rast einlegen – etwa in den heimischen Lippeauen.

Einige Vögel überwintern in den Lippeauen

Einige kommen dorthin, um zu bleiben. „Weil es ja gar keine echten Winter mehr gibt, finden sie dort alles zum Überwintern.“

Mit einer Flügelspannweite von 2,20 Metern und einer Körperhöhe von 1,30 Metern haben Kraniche eine beachtliche Größe: deutlich größer als Weißstorch und Graureiher und bezüglich der Körpergröße der größte Vogel Deutschlands – und das nicht nur auf Stippvisite, sondern zunehmend auch dauerhaft. Eine echte Erfolgsgeschichte, wie Nowack sagt.

„Wenn ich die Kraniche ziehen sehe, ist das immer auch ein Versprechen des Wiederkommens.“

Klaus Nowack, Ornithologe

Rund 11.000 Brutpaare leben heute in den verbliebenen Bruchwäldern und Auen Nord- und Ostdeutschlands: eine echte Erfolgsgeschichte. 1993 lag die Zahl der Brutpaare bei weniger als 2000, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) aufführt. „Ein Zeichen, was angewandter Naturschutz bewirken kann“, sagt Nowack. Es gibt aber auch nach wie vor von Menschen gemachtes Ungemach, ergänzt der Vogelkundler: Lichtverschmutzung in der Nacht etwa oder hohe Windkraftanlagen. Die größten Gefahren lauern aber bei der Brut am Boden, zumeist auf feuchten, nassen Flächen.

Wie auch Laien Jungvögel am Ruf erkennen können

Kraniche sind monogam. Findet sich ein Paar, bleibt es ein Leben lang zusammen. Jedes Jahr versucht es zwei bis drei Junge großzuziehen. Dass das auch 2020 wieder bei manchen geglückt ist, lasse sich auch von Laien feststellen, sagt der Ornithologe : „An den Rufen.“ Die Kraniche rufen im Flug ohne Unterlass, um so die Gruppe zusammen zu halten und den Flug zu synchronisieren: mal hoch, mal tief. „Die helleren Rufe stammen von den Jungvögeln.“

Klaus Nowack richtet seinen Blick nicht nur in den Himmel.
Klaus Nowack richtet seinen Blick nicht nur in den Himmel. © Sylvia vom Hofe (Archiv) © Sylvia vom Hofe (Archiv)

Ein paar Tage noch wird sich das Naturschauspiel fortsetzen. In der Zeit rechnet Nowack noch mit weiteren Zügen. Danach wird es wieder still werden am Himmel – bis Februar/März. Dann kehren die langbeinigen Vögel in ihren eleganten Flugformationen wieder zurück – mit lauten Rufen.

Ein Schauspiel, das Klaus Nowack immer wieder berührt, obwohl er es schon so oft beobachtet und dokumentiert hat. „Wenn ich die Kraniche ziehen sehe“, sagt er, „ist das immer auch ein Versprechen des Wiederkommens“, ganz egal, was die Menschen unten gerade bewegt. Gerade in Zeiten der Krise sei das beruhigend: Glücksvögel eben.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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