Syrischer Anwalt startet in Lünen als Praktikant neu

Flüchtlings-Porträt

Die erste Hürde hat Emad Aryan aus Syrien hinter sich: Er darf für drei Jahre in Deutschland bleiben. Doch auch mit Aufenthaltstitel häufen sich Probleme. Denn seine Qualifikationen als Anwalt werden hier nicht anerkannt. In einer Lüner Kanzlei muss sich Emad Aryan zurzeit als Praktikant behaupten. Wir erzählen seine Geschichte.

LÜNEN

22.07.2016, 13:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Syrischer Anwalt startet in Lünen als Praktikant neu

Der Lüner Rechtsanwalt Leo Bögershausen möchte Emad Aryan helfen, im Berufsleben Fuß zu fassen.

„Es besteht für Emad zurzeit keine Chance, hier als Anwalt zu arbeiten“, betont der Lüner Rechtsanwalt Leo Bögershausen. Emad Aryan hat zwei Jahre Berufserfahrung als Anwalt in Syrien hinter sich, aber seine Qualifikationen werden hier nicht anerkannt. Das syrische Rechtssystem sei zu sehr von dem in Deutschland verschieden. „Es gibt dort gar kein Rentenrecht, kein Arbeitslosenrecht, keine Rentenversicherung“, so Bögershausen. Dennoch entschied er sich, Aryan in der Kanzlei "Bögershausen Dieckmann Denkert" in Lünen die Gelegenheit zu einem Praktikum zu geben.

In der Heimat muss man zum Militär

Emad Aryan kommt aus Amude (Amouda) im kurdischen Nordosten Syriens. Die Stadt lag mehrfach im Zentrum von Machtkämpfen zwischen der YPG und dem „Islamischem Staat“ (IS). Die kurdische Volksschutzeinheit YPG arbeitet mit der US-Armee zusammen und ist ein erbitterter Kämpfer gegen den IS. Einige IS-Bastionen eroberte sie in der Vergangenheit von den Terroristen zurück. „Bei uns müssen alle Jungen zum Militär. Ich wollte das nicht“, sagt Aryan.

Schon vor Jahren seien viele aus Amude nach Deutschland ausgewandert, einige Rückkehrer waren seine Mandanten. Auch Aryan spielte mit dem Gedanken. „Deutschland hat die Fußball-WM gewonnen. Da hab ich mit meinem Papa gescherzt: Da muss ich hin!“

Eine Flucht wie aus den Nachrichten

Seit November 2014 ist Emad Aryan in Deutschland. Seine Fluchtgeschichte beinhaltet viele der Stationen, die im letzten Jahr die Nachrichten dominierten. Emad Aryan schaffte es zunächst nach Istanbul. Von dort aus begann ein Horrortrip: „74 Personen in einem LKW.“ Eben so ein LKW machte im August 2015 grauenvolle Schlagzeilen. Vier oder fünf Tage musste er darin aushalten, bis das Fahrzeug schließlich den Münchener Hauptbahnhof erreichte. „Ich hab einen Freund angerufen, der sagte, kauf dir ein Ticket nach Dortmund.“ Dort stellte er einen Asylantrag.

Die Behörden verwiesen ihn zunächst für zwei Monate in die Flüchtlingsunterkunft Burbach, von wo aus er schließlich nach Lünen geschickt wurde. Er erhielt einen Aufenthaltstitel für drei Jahre. Auch einige seiner zwölf Geschwister sind inzwischen in Deutschland. Viel Zeit, die Fluchterlebnisse zu verarbeiten, blieb Emad Aryan nicht. Er begann sofort einen Deutschkurs bei der VHS, kurz darauf auch einen Integrationskurs.

In der Kanzlei wird Aryan in jeder Hinsicht integriert

Als befreundete Flüchtlingshelfer Leo Bögershausen im letzten Jahr Aryans Unterlagen zuschickten, ließ er sie zunächst einem Faktencheck unterziehen. „Aber sie waren definitiv in Ordnung.“ Er gab Aryan einen Praktikumsplatz. „Ich hab ihn überall hin mitgenommen und ihn jedem vorgestellt. Ich habe jeden Deutschfehler hart korrigiert – da muss er durch.“

Die beiden pflegen ein kollegial–humorvolles Verhältnis, machen Witze mit- und übereinander. „Emad erlebt hier einen Kulturschock nach dem anderen“, erzählt Bögershausen, und das ist kein Scherz. Er muss neue Arbeitsweisen, aber auch neue Umgangsformen lernen. Leo Bögershausen unterstützt ihn dabei: Er nahm ihn mit ins Gericht, aber auch in die Kirche, und im Juni sogar zum Betriebsausflug nach Mallorca. „Das Wort Urlaub kannte er gar nicht“, berichtet der Anwalt. Aryan schmunzelt, nicht ganz ernst gemeint: „Das nächste Mal machen wir Urlaub in Damaskus.“

Bögershausen sieht die Anstellung als Bereicherung

Mit Aryans Anstellung provoziert er auch, gibt Bögershausen zu. „Ich glaube, viele Leute denken, der Bögershausen spinnt wieder!“ Trotzdem ließ er sich auf das Risiko ein: „Da stecken unheimliche Chancen drin. Emad ist eine große Bereicherung für uns.“

Inzwischen hat Bögershausen bei der Anwaltskammer beantragt, dass Aryan ab dem 1. August eine Ausbildung als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellter machen darf. Er will sich reinhängen, verspricht Aryan und meint, die kulturellen Unterschiede wären nebensächlich: „Wir sind dieselben Leute!“ Was dann kommt? „Alles ist drin“, so Bögershausen.

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