Dieses Foto aus dem Familienalbum zeigt Eleonore Elisabeth R. um die Zeit von 1954/1955 . Damals war die inzwischen Verstorbene 21 Jahre alt. Hat sie je in Lünen gewohnt? © Rieder
Melderegister

Suche nach Mutter: Pfälzerin stößt bei Stadtverwaltung Lünen auf Hürden

Die Frage ist einfach: „War meine Mutter zwischen September 1957 und März 1961 in Lünen gemeldet?“ Das wollte eine Frau aus der Pfalz wissen. Sie zahlte 30 Euro - und erhielt ein Rätsel.

Ihre Mutter kann sie nicht mehr fragen. Die ist vor sechs Jahren in Italien gestorben. Um Antworten zu finden, muss eine 66-jährige Frau aus Rheinland-Pfalz daher andere Wege gehen. Die haben sie zu den Stadtverwaltungen der Städte geführt, von denen sie glaubt, dass ihre Mutter dort gemeldet war: Konstanz und Lünen. Die Erfahrungen, die sie bei dieser Recherche gesammelt hat, sind sehr unterschiedlich.

Beschluss vom Dezember 2020: Meldewesen wird bürgerfreundlicher

Dabei ist die gesetzliche Grundlage in jedem Fall die gleiche: das Bundesmeldegesetz (BMG). Einer Änderung dieses Gesetzes hatte der Bundesrat erst kurz vor Weihnachten zugestimmt. Dabei ging es darum, dass Bürger künftig selbst ihre Meldedaten über ein Verwaltungsportal aus dem Melderegister abrufen können. Außerdem soll es möglich werden, eine elektronische Meldebescheinigung zu beantragen und nach einem Wohnungsumzug eine Anmeldung in der neuen Stadt auch elektronisch durchzuführen: alles Neuerungen, die bei der Suche nach Spuren von Eleonore Elisabeth R., geborene Maurer nicht helfen.

Das Lüner Rathaus am Willy-Brandt-Platz. Die Auskunft, die sie hier erhielt, hat eine Antragstellerin aus Rheinland-Pfalz verärgert. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Die Frau hat 1954 als 20-Jährige ein Baby bekommen: Marina. Verheiratet war sie damals nicht. Das änderte sich drei Jahre später. Am 29. August 1957 gab sie sie dem zwei Jahre jüngeren Handelsvertreter Joachim Ernst R. aus Frankfurt/Oder ihr Ja-Wort. Die Hochzeit war in Konstanz. Dort blieb das junge Paar aber nicht lange. Und es blieb auch nicht lange zusammen. Damit beginnt die Geschichte für die heute 66-Jährige Marina interessant zu werden. Leider aber auch lückenhaft.

Zwei Jahre vor der Scheidung Namen „erteilt“

Fest steht: Am 15. März 1961 ließen sich ihre Mutter und ihr Stiefvater scheiden. Marina war damals sieben Jahre alt. Die kurze Zeit genügte, um dem Mädchen den Familiennamen des Stiefvaters zu „erteilen“. So steht es auf Marinas Geburtsurkunde: ein Eintrag vom 23. März 1959. Damals lebte der Antragsteller, besagter Handelsvertreter Joachim Ernst R., in „Lünen, Kreis Arnsberg“, wie der Urkunde zu entnehmen ist. Ihre Mutter müsste – so vermutet die erwachsene Tochter heute – ebenfalls in der Lippestadt gewohnt haben: zwischen September 1957 und Ende März 1961. Ob das wirklich so war, soll die Melderegisterauskunft für diesen Zeitraum beweisen.

In Konstanz sei das ganz einfach gewesen, sagt Marinas Ehemann Bernhard. Kaum hätten sie ihr Anliegen vorgebracht, habe der zuständige Sachbearbeiter dort die Auskünfte von sich aus gegeben. Ja, die Mutter war gemeldet. Eine kostenlose Auskunft. Das war freundlich: Vielleicht aber nicht ganz korrekt. In Lünen erlebten die beiden es genau umgekehrt.

Auskunft kostete 30 Euro

Als Erstes sei ihnen dort mitgeteilt worden, dass der Blick ins Melderegister kostenpflichtig sei. „Die einfache Melderegisterauskunft kostet in Lünen 11 Euro, die erweiterte Melderegisterauskunft kostet 15 Euro. Eine Melderegisterauskunft aus dem Archiv kostet 15 bis 40 Euro – je nach Aufwand“, bestätigt auf Nachfrage Stadtsprecher Benedikt Spangardt. Die Rieders müssen 30 Euro überweisen. Was sie dafür bekamen, macht das Paar fassungslos.

„Wir teilen Ihnen mit, dass eine Auskunft aus tatsächlichen und rechtlichen Gründen nicht oder derzeit nicht erteilt werden kann“, heißt es in dem Schreiben der Stadt: eine „neutrale Auskunft“. Damit sei „dieser Auskunftsvorgang rechtmäßig abgeschlossen“.

Wer eine Melderegisterauskunft benötigt, braucht nicht unbedingt Briefkästen abzuklappern (Symbolbild). Ein entsprechender Antrag lässt sich an die Stadtverwaltung stellen. © dpa © dpa

Dieses Antwortschreiben sei eine Null-Auskunft, schimpft Marina R.. „Ob meine Mutter in der fraglichen Zeit überhaupt in Lünen gemeldet war oder nicht“, bleibe völlig offen. Warum das nicht mitgeteilt werden könne, ebenfalls. Dafür 30 Euro zu verlangen, sei „Abzocke“.

Der Stadtsprecher sieht darin dagegen ein völlig korrektes Vorgehen. Der Gesetzgeber habe es 2015 genau so vorgeschrieben. Damals trat das gerade novellierte Bundesmeldegesetz (BMG) in Kraft. Die dazu gehörende Verwaltungsvorschrift sieht in bestimmten Fällen die „Erteilung einer neutralen Antwort“ vor – nicht, um Fragesteller zu ärgern, sondern um gefährdete Personen, um die es geht, zu schützen.

Stadtsprecher: Neutrale Auskunft ist vorgeschrieben

Grundsätzlich gibt es zwei Auskunftsformen: die einfache und die erweiterte. Spangardt erklärt den Unterschied. Bei einer einfachen Melderegisterauskunft werden der Name, ein eventueller Doktorgrad sowie die aktuelle Anschrift mitgeteilt. Falls die betreffende Person tot ist, auch das. Niemand müsse den Grund nennen, warum er oder sie eine solche Auskunft haben möchte, es sei denn, es handelt sich um gewerbliche Zwecke. Für eine erweiterte Melderegisterauskunft – sie beinhaltet unter anderem auch die Nennung vorheriger Adressen und Namen oder auch Ehepartner – müssen Antragsteller ein berechtigtes oder rechtliches Interesse nachweisen. Das Eintreiben einer Schuld, ist so ein Grund.

In beiden Fällen gilt: „Wir geben nur dann eine Auskunft heraus, wenn wir uns sicher sind, dass es sich wirklich um die benannte Person handelt“, sagt der Lüner Pressesprecher. Im Fall von Eleonore Elisabeth Maurer, die zwischenzeitlich Rettig hieß, handele es sich um eine erweiterte Auskunft aus dem Archiv. „Die Dienstleistung wurde auch erbracht“, sagt Spangardt: Die Recherche seiner Kolleginnen und Kollegen habe zu der sogenannten „neutralen Auskunft“ geführt mit dem festgelegten Wortlaut. Daran sei die Meldebehörde gebunden, wenn

  • „keine Person im Melderegister gefunden wird
  • mehrere Personen im Melderegister gefunden werden
  • eine Auskunftssperre oder ein bedingter Sperrvermerk vorliegt
  • oder sonstige schutzwürdige Interessen einer Auskunft entgegenstehen“

Stadtverwaltung wird konkreter, bleibt aber kryptisch

Einer der Gründe müsse also vorliegen. Welchen, kann sich Ehepaar R. aussuchen. Denn dazu müsse sich die Behörde ausschweigen – aus rechtlichen Gründen. Für Marina R. bleibt das eine Null-Auskunft. Das schreibt sie so auch Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns. Daraufhin bekommt sie erneut Post aus Lünen.

Hat die Mutter im fraglichen Zeitraum in Lünen gelebt? Marina R. hatte sich „ein schlichtes Ja oder Nein“ gewünscht. Sie bekam jetzt folgenden Satz: „In Ihrem Fall hätten wir, sofern wir Ihre Mutter im Melderegisterarchiv gefunden hätten, eine andere Mitteilung versendet.“ Sie könnten sich daraus nur zusammenreimen, dass die Mutter wohl nicht gemeldet war, schreibt das Ehepaar am 28. Dezember.

Die Suche geht weiter

Wo war Eleonore Elisabeth R. dann? Diese Recherche hat ihre Tochter noch vor sich. Sie wird sie zu anderen Stadtverwaltungen führen – und neue Erfahrungen machen lassen mit der Auslegung der Bestimmungen der Melderegisterauskunft. Wo ihr Stiefvater wohnt und ob er überhaupt noch lebt – er wäre heute 84 Jahre alt -, interessiert sie weniger. Was sie von ihm weiß, genügt ihr:

„Nach der Scheidung von meiner Mutter ist er kurz vor dem Mauerbau in die Ostzone entwischt, weshalb er auch von der Polizei nicht aufgespürt werden konnte.“ Für sie und ihre beiden Halbbrüder – seine leiblichen Söhne – habe er nie einen Pfennig Unterhalt bezahlt.

In einer ersten Fassung des Textes waren die vollen Namen genannt. Mit Rücksicht auf weitere Familienangehörige hatte die Auskunft suchende Frau R. nachträglich um Anonymisierung gebeten.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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