Statt Klausur schreiben: Brambauer (16) rettet Mann auf dem Schulweg das Leben

dzLebensretter Louis Kruse

Diesen Morgen wird Louis Kruse aus Brambauer so schnell nicht vergessen: Unterwegs im Bus sah er etwas, was ihm komisch vorkam. Er verlangt, auszusteigen - und wird zum Lebensretter.

von Anna Lisa Oehlmann

Brambauer

, 01.08.2019, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war ein kurzer Blick aus dem Busfenster am Montag, 17. Juni, 7.35 Uhr. Der 16-jährige Louis Kruse aus Brambauer war auf dem Weg zur Schule. Er sollte an diesem Morgen eine Klausur nachschreiben, als er einen Kastenwagen erblickte, der in Waltrop auf der Riphausstraße, auf der Abbiegerspur zur Bahnhofstraße kurz vor dem Fahrzeugbauer Langendorf, mit Warnblinker stand.

„Das war irgendwie komisch“, sagt der Schülersprecher des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Waltrop. Er sah einen Mann am Steuer, der seinen Kopf schräg gelegt hatte, verkrampft aussah und mit offenem Mund nach Luft schnappte. „Ich habe laut gerufen, dass der Busfahrer anhalten soll“, sagt er. Doch: Keine Reaktion. Erst nach dem dritten, energischen Rufen und dem erneuten Hinweis, dass jemand „wirklich medizinische Hilfe braucht“, habe der Bus gehalten, schildert Louis Kruse. Er sprang raus, der Bus fuhr weiter.

Ein Autofahrer fuhr einfach um den Helfer herum, statt zu helfen

Der junge Mann rannte zurück. Da der Fahrer des Kastenwagens auf ein Anfassen an der Schulter nicht reagierte, versuchte Louis Kruse, Hilfe zu holen. Doch obwohl er sich vor ein Auto auf die Fahrbahn stellte, fuhr dies einfach um ihn herum. Ein Ehepaar von der gegenüberliegenden Seite sei zur Hilfe geeilt. In der Zwischenzeit hatte der Schüler die 112 gewählt.

Gemeinsam mit dem unbekannten Helfer zog er den Mann aus dem Fahrzeug. „Ohne die Unterstützung wäre das alleine wahrscheinlich nicht möglich gewesen“, sagt Kruse. Der Fahrer atmete nicht mehr. Der zur Hilfe geeilte Mann begann mit einer Herzdruck-Massage. „Bei dem Helfer saß jeder Handgriff“, sagt Louis Kruse. Als der hilflose Mann kurzzeitig stabil war, brachten sie ihn in die stabile Seitenlage. Kurze Zeit später: erneuter Atemstillstand, wieder Herzdruckmassage. Dann traf der Notarzt ein.

Statt Klausur schreiben: Brambauer (16) rettet Mann auf dem Schulweg das Leben

Herzdruckmassagen haben dem Mann das Leben gerettet. Hier ein Foto aus einer Übung. © dpa

„Wäre das mein Vater gewesen, hätte ich auch gehofft und gewollt, dass jemand hilft“

„Ich war mir einige Zeit wirklich nicht sicher, ob er es nach dem mehrfachen Herzstillstand schaffen würde“, sagt der junge Mann. Der Mann wurde ins Dattelner Krankenhaus gebracht und sei mittlerweile bei Bewusstsein, die Folgeschäden seien aber noch nicht absehbar. So hat es der Arbeitgeber des Betroffenen einem Ersthelfer gesagt.

Warum er eingegriffen hat, statt im Bus weiter zu fahren? „Wäre das mein Vater gewesen, hätte ich auch gehofft und gewollt, dass sich irgendwer in der Lage fühlt, die drei Zahlen ins Handy zu tippen“, sagt Louis Kruse. „Entweder ich mache mich unnütz zum Deppen oder der Mann stirbt im schlimmsten Fall. Da ist die Entscheidung klar“, sagt er. Ab da an habe er Handlungsabläufe abgespult, sagt er. Vor Kurzem hatte der Zehntklässler einen Erste-Hilfe-Kurs in der Schule besucht. Die Polizei brachte ihn später zur Schule. Die Klausur musste er nicht mehr schreiben, denn vor so viel Zivilcourage zieht nicht nur die Schulleitung des THG den Hut.

Warum hat der Busfahrer nicht sofort angehalten?

Aber wie kann es sein, dass der Busfahrer nicht anhielt? Er fragte sich: Warum haben die Busfahrer nur angehalten und ihn rausgelassen, statt selbst zu helfen? Christoph van Bürk, Pressesprecher der Vestischen Verkehrsbetreibe, hat mit den betroffenen Fahrern gesprochen: Er berichtet, dass es sich an diesem Morgen um eine Ausbildungsfahrt gehandelt habe. Dabei wurde der Fahrer an die neue Strecke gewöhnt. „Das bedeutet, dass sowohl Fahrer als auch Ausbilder, der vorne rechts an der Tür stand, auf den Straßenverkehr fokussiert waren“, erklärt van Bürk. Der Ausbilder war damit beschäftigt, Anweisungen zu geben und zu kontrollieren, ob der neue Fahrer alles richtig macht.

An der Stelle, wo der weiße Kastenwagen des Hilfebedürftigen mit Warnblinker auf der Straße stand, bog der 18 Meter lange Gelenkbus mit drei Achsen links ab. Ein kniffeliger Vorgang, bei dem, ist der Bogen nicht groß genug, der Bus zum Beispiel an einem Bordstein hängen bleiben könnte, so van Bürk. Die Fahrer beteuerten, nur das letzte Rufen gehört zu haben, da der Bus mit 120 bis 130 Fahrgästen besetzt war. Dementsprechend sei die Geräuschkulisse gewesen, schildert der Pressesprecher.

Vorfall hat Auswirkungen auf die Ausbildungs-Leitlinien

Der Ausbilder habe den Wagen und den Fahrer flüchtig im Vorbeifahren gesehen, dachte aber, er würde nach unten auf sein Handy schauen. „Der Fahrer hat sich sehr selbstkritisch gezeigt“, berichtet Christoph van Bürk. Der Ausbilder habe auch angeboten, noch einmal mit Louis Kruse zu sprechen. „Die Weitsicht des jungen Mannes verdient großen Respekt“, so der Pressesprecher. Die Vestische hat diesen Vorfall noch mal zum Anlass genommen, bei den Leitlinien der Ausbildung genau hinzuschauen. „Im Zweifelsfall sollten sie immer noch mal schauen, was da los ist“, sagt Christoph van Bürk.

Auch bei Louis Kruse hat sich die Vestische Straßenbahn GmbH nun gemeldet. Das Unternehmen hat ein Gespräch mit dem Ausbilder in seinen Räumen angeboten. „Sie haben sich den Fehler eingestanden. Die Reaktion finde ich eigentlich ganz passabel“, sagte Louis Kruse. Er möchte das Angebot annehmen und ist froh, dass dieser Vorfall in die Ausbildung aufgenommen wird.

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