Dr. Arne Krüger und Rebecca Wittbecker, die stellvertretende Pflegedienstleiterin, bereiten die Impfungen der Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims St. Norbert vor. © Günther Goldstein
Impfkritik

Sorge um Senioren: Lünerin kritisiert Druck bei Einwilligung zum Impfen

Senioren sollen schnell geimpft werden. Eine Angehörige in Lünen fühlt sich bei der Einwilligung aber unter Druck gesetzt. Arztsprecher Dr. Krüger zeigt Verständnis, bleibt aber entspannt.

Seit dem 27. Dezember laufen die Impfungen in den Senioreneinrichtungen auch in Lünen. Das Seniorenzentrum Minister Achenbach in Brambauer hatte den Auftakt gemacht.

Im Altenzentrum St. Norbert, das am 2. Januar an die Reihe kam, hatten sich 103 der 119 Bewohner zu der Impfung bereit erklärt. 16 Senioren oder deren betreuende Angehörige hatten sich dagegen entschieden.

Eine der betreuenden Angehörigen wandte sich nun mit einem Schreiben an unsere Redaktion. Mit Rücksicht auf ihre in einer Senioreneinrichtung lebenden Verwandtschaft möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Alte Menschen werden überrumpelt“

„Die Anamnese und Einwilligung, die von den Angehörigen ausgefüllt werden soll, ist ja wohl ein ganz schlechter Scherz“, schreibt sie. Es werde großer Druck ausgeübt, die beiden Bögen zügig auszufüllen, sodass keine Zeit für „vernünftige Aufklärung“ bliebe.

„Ferndiagnosen erstellen und heute schon wissen müssen, ob am Tag der Impfung Fieber vorliegt. Fragen, die eigentlich nur der jeweilige Hausarzt beantworten kann, sollen jetzt die Angehörigen beantworten“, schildert die Lünerin ihre Bedenken.

Und schon vorab solle man bestätigen, dass „man die Möglichkeit zu einem ausführlichen Gespräch mit seiner Impfärztin oder seinem Impfarzt hatte. Geht’s noch?“

Zugeschickt wurden ein Anamnese- und Einwilligungsbogen sowie ein Aufklärungsmerkbatt zur Schutzimpfung. Auf dem Anamnese-Bogen wird unter anderem abgebfragt, ob eine akute Fiebererkrankung besteht, ob kürzlich geimpft wurde oder eine Immunschwäche vorliegt. Außerdem ist folgendes anzukreuzen: „Ich (…) hatte die Möglichkeit zu einem ausführlichen Gespräch mit meiner Impfärztin/meinem Impfarzt.“

Diese Bögen bekamen Angehörige von Pflegeheimbewohner in den vergangenen Wochen durch das Gesundheitsamt zugeschickt.
Diese Bögen bekamen Angehörige von Pflegeheimbewohner in den vergangenen Wochen durch das Gesundheitsamt zugeschickt. © Gerstenmaier © Gerstenmaier

Die Angehörige stört sich außerdem an einem Satz aus dem Merkblatt, in dem es heißt: „Wie lange dieser Schutz anhält, ist derzeit nicht bekannt.“ Es lägen keine Informationen über Inhaltsstoffe, das Zusammenspiel mit anderen Medikamenten, Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen vor. „Dinge, die mir sonst ein Beipackzettel oder eben der Hausarzt mitteilt.“

Dieses Vorgehen der Politik und des RKI sei ihrer Meinung nach nicht in Ordnung. „Ich nenne das: die alten Menschen überrumpeln und sie ‚opfern‘. Sollten sich irreparable Schäden einstellen, dann leben diese Menschen ja nicht mehr lange.“ Das klinge zynisch, aber „wie soll man diese ganze Hau-Ruck-Aktion sonst nennen?“, schreibt die Frau weiter. Darüber hinaus befürchtet sie eine gesellschaftliche Ausgrenzung der Personen, die sich nicht impfen lassen.

Impfungen müssen zügig voran schreiten

Dr. Arne Krüger, Lüner Hausarzt und Ärztesprecher versichert, dass die Hausärzte sowohl in ihrer Praxis als auch bei den Impfungen jederzeit für aufklärende Gespräche zur Verfügung stünden. Er selbst führte die Impfungen im Seniorenzentrum St. Norbert am ersten Januarwochenende durch.

Außerdem warnt er: „Jedes nicht geimpfte Altenheim birgt ein gewisses Ausbruchsrisiko. Wenn es einen Ausbruch gibt, sterben 25 Prozent“. Deswegen sei es zurzeit das Wichtigste, zügig mit den Impfungen voran zu schreiten.

„Die Diskussion ist nachvollziehbar“, sagt er, „aber wir stehen in einem gewissen zeitlichen Verzug und mit dem Rücken zur Wand. Im Moment ist es wichtig, die politische Entscheidung einfach zügig durchzuführen.“

Wenn sich Impfkandidaten oder deren Angehörigen nicht sicher fühlten, könnten sie verzichten. Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. „Inzwischen bin ich da tiefenentspannt“, sagt Krüger, „wenn einer nicht will, freuen sich zehn andere.“

Darüber hinaus betont der Arzt: „Das Risiko für schwerwiegende Langzeitschäden halte ich zum jetzigen Zeitpunkt für äußerst gering. Der Impfstoff ist risikoarm.“

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
Zur Autorenseite
Kristina Gerstenmaier

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.