So geht ein Lüner mit dem Tod seiner Frau um

Persönliche Wiederauferstehung

Ostern – das ist die Geschichte von der Wiederauferstehung Jesu. Hans Schubert (Name geändert) ist gläubiger Christ. Für ihn haben die Ostertage noch eine ganz andere Bedeutung: Vor drei Jahren um diese Zeit starb seine Frau Marie. Seitdem hat er seinen ganz eigenen Weg der Wiederauferstehung beschritten.

LÜNEN

, 16.04.2017, 07:30 Uhr / Lesedauer: 5 min
So geht ein Lüner mit dem Tod seiner Frau um

Sonnenuntergang über dem Genfer See, fotografiert am 12.04.2017 vom Col de Prafandaz (1573m) über Leysin (Schweiz). Foto: Anthony Anex/KEYSTONE/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |

Wie soll man das hinkriegen, wenn von einem Tag auf den anderen nichts mehr so ist, wie es immer war? Für den heute 72-jährigen Hans war ein solcher Tag der 7. März 2014. Da bekam seine Frau die Diagnose Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Perspektive: eine Lebenszeit von maximal drei bis vier Monaten. Den beiden sollten nur noch vier Wochen bleiben.

Von diesem 7. März an ist das normale Leben mit Familie, Hund und den Freunden vorbei. Dabei geht es der 68-Jährigen eigentlich gut; sie war ihr ganzes Leben nie richtig krank. Zuletzt ist da nur dieser Husten. Als der schlimmer wird, „da haben wir sie doch gedrängt, dass sie ins Krankenhaus geht“, erinnert sich ihr Mann.

Als sie ins St.-Marien-Hospital aufbricht, hat sie ihren Überweisungsschein in der Hand und sagt zum Nachbarn: „Ich mach‘ jetzt zwei Wochen Urlaub“, erzählt ihr Mann. „Entweder hat sie sich selbst Mut gemacht, oder sie hat uns allen etwas vorgespielt“, sagt er.

Es kam unerwartet

Es werden nicht zwei, sondern vier Wochen in der Klinik. Und es wird ein Aufenthalt ohne Rückkehr. „Schatz, wir müssen uns auf etwas Schlimmes vorbereiten“, habe sie gesagt, erinnert sich ihr Mann. Da kannte sie die Diagnose schon. Totaler Schock, was sonst, als die Worte Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs fallen. Die Tochter eilt aus Mannheim herbei.

Die Chemotherapie, zu der sie sich entschloss, setzt ihr so zu, dass sie auf die Intensivstation muss. „Da will ich nie wieder hin“, sagt die 68-Jährige nachdem sie das erlebt hat, was man auf Intensivstationen eben erlebt. Muss sie nicht. Am Freitagmorgen, am 4. April um 4.45 Uhr ruft die Klinik an. Die Frau, mit der Hans seit fast 50 Jahren verheiratet ist, ist tot.

Bestattung nach Wunsch

Er bestattet sie so, wie sie es sich gewünscht hat, auf dem Friedhof an der Cappenberger Straße. „Dort sind wir oft spazieren gegangen“, sagt er. Kurz vor ihrem Tod, entschließt sich seine Frau doch für eine Erdbestattung. „Und sie wollte unbedingt einen Platz an der Sonne haben.“ Voller Dankbarkeit erinnert Hans sich an das Entgegenkommen des Friedhofsverwalters. „So etwas ist wichtig in solch‘ einer Situation“. Die Sonne hat seine Frau immer gemocht. Es war beiden wichtig.

Eine von tausend Erinnerungen, die wichtig sind für ihn: Die Erinnerungen seien für ihn ein wertvolles Geschenk, das man bewahren müsse. „Die soll man nicht über Bord schmeißen, sagt der 72-Jährige. „Wer das kann, okay.“ Aber ihm helfen sie, weiterzuleben – auch ohne seine Frau.

Bücher durch Erinnerungen 

Manchmal, wenn ihn die Erinnerung überkommt, dann schreibt er sie einfach auf. Ganze Bücher sind so entstanden. Auf dem Esstisch, auf dem auch die gerahmten Fotos seiner Frau stehen, steht ein großes, blaues Einmachglas: Da hinein wandern erst einmal alle fein säuberlich beschriebenen Zettel. „Vielleicht hat es deshalb bei mir nie ‘ne leere Wodkaflasche oder dergleichen gegeben“, sagt Hans. Und wenn es ihn gar zu sehr niederdrückt, dann ist Endy da.

Endy ist zehneinhalb Jahre alt und ein Münsterländer-Rüde. Dann gehen die beiden raus – spazieren. Das hilft gegen die Einsamkeit. Hundebesitzer kommen immer mit anderen ins Reden. Doch nicht immer ist das Reden hilfreich. Zum Beispiel dann, wenn jemand acht Wochen nach dem Tod seiner Frau wissen will, was er denn nun mit dem Haus macht. Fragen, die sich Hans zu dieser Zeit überhaupt nicht stellt. Oder die anderen, die meinen, jetzt nach drei Jahren müsse es doch mal gut sein mit allem. Dabei ist nichts gut, es wird höchstens besser als am Anfang.

Auf der Suche nach dem Frauchen

Endy ist da anders. Er vermisst sein Frauchen heute noch. „Er sucht sie immer noch“, sagt Hans. Einmal hat er vergessen, die Haustür zuzumachen, und prompt war Endy weg – auf der Suche nach Frauchen. Eine Jacke seiner Frau hängt noch heute im Flur. Dies scheint das Tier zu beruhigen. „Ein bisschen haben wir ja noch reden können“, erinnert sich Hans an die letzten vier Wochen im Leben seiner Frau.

Aber wirklich vorbereiten auf das, was kommt, konnte man sich natürlich nicht. „Sieh‘ zu, dass der Kühlschrank immer voll ist“, habe seine Frau noch gesagt. Sie wusste um die neue Herausforderung für ihren Mann, der vorher in der Küche nichts zu suchen hatte. Geschweige denn, dass er mit Putzen oder Waschen etwas zu tun gehabt hätte.

Mittlerweile alles im Griff

Heute, fast auf den Tag genau nach drei Jahren, hat Hans das alles im Griff. Der Kühlschrank ist voll, der Haushalt läuft. Käme seine Frau jetzt nach Hause, dann fände sie alles so vor, wie es sich gehört. Verändert hat sich eigentlich nichts im Haus. Nur den Esstisch hat Hans ein bisschen gedreht; und darauf stehen die Fotos seiner Frau.

So kann man sie ansehen beim Essen. Das Haus ist so wie sein altes Leben, es sieht so aus wie in der Zeit vor dem 7. März 2014. „Sowie ich dieses Umfeld verlasse, fühle ich mich verlassen“, sagt der 72-Jährige. Auf der Familienfeier in Mannheim hält er es nur eine Nacht aus und reist am Morgen, früher als gedacht, wieder ab. Er fühlt sich irgendwie fehl am Platz. Es zieht ihn mit aller Macht nach Hause, dahin, wo die Erinnerungen lebendig sind.

Einmal hat er versucht, mit seinem Wohnwagen zu Tochter und den Enkelkindern zu fahren. Wie viele Male zuvor mit seiner Frau. Er kam bis zum Westhofener Kreuz. Dann rechts raus auf die Abfahrt und ab nach Hause. „Es ging einfach nicht“, erinnert sich Hans, immer den leeren Beifahrersitz neben sich. Die Fahrten mit dem Wohnmobil, dabei ist seine Frau unverzichtbar.

Allermeiste Kleidung ist noch da

40 Jahre haben er und seine Frau in diesem Haus gewohnt. Die allermeiste Kleidung seiner Frau ist noch da. Immer dann, wenn so wie derzeit wieder seine Tochter kommt, dann hat sie ein kleines Zeitfenster, in dem sie etwas davon zusammen packt. „Das kriege ich selbst nicht hin“, sagt der 72-Jährige. Den Sack dann wegbringen, das geht. Aber die Erinnerungen einpacken? Ausgeschlossen.

In diesem April 2017, am dritten Todestag, hat sich die Familie zunächst am Grab eingefunden und dann in der Alten Kaffeerösterei. Es ist ein gemeinsames Sich-Erinnern. Wann muss man anfangen mit einem Neuanfang? Nach drei Jahren? „Ich plane keinen Neuanfang“, sagt Hans. Und hat ihn doch schon irgendwie begonnen. „Ich neige nicht dazu, mich in die Ecke zu setzen und zu grübeln“, sagt er.

Neuanfang allein

Er hat sich arrangiert mit dem Unabwendbaren. Sicher habe er mal den Gedanken gehabt, wie es wäre, wenn er sich jemanden ins Haus hole. Ob es irgendwann eine neue Beziehung geben könnte? Aber seinen Neuanfang stemmt er allein. Er sagt: „Ich will mein Leben so zu Ende leben. Es gibt zu viele Erinnerungen, von denen ich zehre.“

Und er ist dankbar für die vielfältige Unterstützung durch Familie und Freunde, und ganz besonders durch den Ambulanten Lüner Hospizverein: „Hier kann man seine Trauer zeigen, ohne mit schrägen Blicken oder gar Kopfschütteln aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht zu werden. Hier sind Menschen, die mit vielen traurigen Situationen umzugehen wissen. Die zuhören können, die Anregungen geben können, die einem den Kloß im Hals auf gefühlvolle und einfühlsame Weise zu lösen versuchen“, sagt Hans.

Erster Schritt ist notwendig

Aber man müsse den ersten Schritt machen, und diese Hilfe annehmen, betont er. „Es gibt so viele, die alleine sind, und sich nicht raustrauen, die sacken dann ganz ab.“ Er selbst ist inzwischen im Besuchsdienst der Gemeinde tätig und freut sich, wenn andere sich freuen. Und er ist dabei seiner Frau nahe, die das lange gemacht hat.

Ostern geht Hans Schubert wie immer in die Kirche. Und gehen, das ist wörtlich gemeint – ein echter Kirchgang. Mit dem Auto eben noch über eine gelbe Ampel düsen und dann in die Kirche stürzen – kommt nicht in Frage. Selbst das Fahrrad ist „grenzwertig“ für ihn. Der Glaube spiele für ihn schon eine Rolle, auch „wenn ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe“, sagt er.

Besonderes Verhältnis zum Osterfest

Zum Osterfest und seiner Bedeutung hat er inzwischen ein ganz besonderes Verhältnis: „Als meine Tochter ihre gerade gestorbene Mutter gesehen hat, da hat sie gesagt, ‚das ist nicht mehr meine Mama wie sie war, das ist wie ein leeres Kleid, sie ist jetzt direkt unter uns, wir können sie nur nicht sehen‘.“ Irgendetwas habe einfach gefehlt. Vielleicht die Bewegung, die man von dieser Frau immer gewohnt gewesen sei. „Ich merke jetzt, dass irgendetwas da ist von ihr, was mich im Leben weiterbringt. Und wenn es richtig gut läuft, dann sagen wir immer ,Mama hat gut aufgepasst’.“

Immer hätten er und seine Frau versucht, aus allem das Beste zu machen. So will er es auch weiter halten. Und wenn es mal wieder sehr schwer wird, dann gibt es ja noch Endy.

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