Umzug ins Service-Wohnen: Wie ein Lüner Ehepaar eine weitsichtige Entscheidung traf

dzSerie „Wenn die Eltern älter werden“

Als die Eltern von Monika Tillmann entschieden, ins Service-Wohnen zu ziehen, war das für die Tochter eine Überraschung. Heute weiß sie: Ihre Eltern haben alles richtig gemacht.

Lünen

, 28.02.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Helga Pichel ist eine agile, lebensfrohe Frau. Und sie weiß genau, was sie will. Vor knapp sieben Jahren war das der Umzug aus dem langjährigen Zuhause in eine kleinere Wohnung in einer Service-Wohnanlage in Lünen.

Für Tochter Monika (59) und Schwiegersohn Michael kam die Entscheidung der Eltern eher überraschend. „Wir haben viele Jahre im selben Haus gewohnt, unsere Tochter war auch viel bei den Großeltern“, erzählt die Lünerin. Die Tochter und Enkelin ist mittlerweile erwachsen, und auch ihre Eltern haben sich daranService-Wohnen statt Altenheim: Wie ein Lüner Ehepaar die schwierige Entscheidung fällte gewöhnt, dass die Senioren der Familie im Service-Wohnen ein neues Zuhause gefunden haben.

Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit, weiß aus Erfahrung: „Leider warten viele Menschen damit, bis es gar nicht mehr geht und sie von den Angeboten nicht mehr wirklich was haben.“

Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit

Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit © Goebel

Leider warten viele Menschen damit, bis es gar nicht mehr geht und sie von den Angeboten nichts mehr wirklich haben.
Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit

Helga Pichel und ihr Mann Horst (84) hatten sich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt. „Wir waren bei einer Informationsveranstaltung im Hansesaal und haben uns über die Anlagen informiert,“ so die 82-Jährige.

Sie und ihr Mann entschieden sich für eine Anlage in Lünen und ließen sich auf eine Liste setzen. „Man wollte uns anrufen, wenn eine Wohnung frei wird.“ Zwei Mal kam ein Anruf, doch „mein Mann war da noch nicht so weit, tatsächlich umzuziehen“.

„Nicht erst mit 90 und krank ins Service-Wohnen ziehen“

Vor knapp sieben Jahren änderte sich das. Und dafür gab es einen guten Grund. „Ich hab früher einen Blumenladen in Werne geleitet und oft von Kunden gehört, dass sie ihre Eltern pflegen müssen und keine Zeit mehr für sich haben“, erzählt die 82-Jährige. Für sie war klar: „Uns passiert das nicht. Unsere Kinder sollen in Urlaub fahren können, wenn sie wollen, und dann wissen, dass wir gut versorgt sind.“

Auch, dass sie „nicht erst mit 90 und krank“ ins Service-Wohnen ziehen wollte, war ihr klar. Sie hatte sich ganz bewusst über die Möglichkeiten des Service-Wohnens informiert. „Früher hat man das ja immer mit einem Altenheim in einen Topf geworfen.“

Selber entscheiden, welche Möbel mitgenommen werden

Auch für ihre beiden Töchter war nach der ersten Überraschung die Entscheidung der Eltern nachvollziehbar. „Ich fand es gut, dass sie so selbst entscheiden konnten, von welchen Möbeln und anderen Dingen sie sich trennen und welche sie ins neue Zuhause mitnehmen wollten“, sagt Monika Tillmann.

Trotzdem fiel es ihr schon schwer, die Eltern ziehen zu lassen: „An dem Tag des Umzugs war ich auch arbeiten, ganz bewusst. Das wäre mir sonst zu schwer gefallen.“ Die Größe der neuen Wohnung passte, auch wenn sich das Ehepaar natürlich doch von einigen Gegenständen trennen musste.

Mehr soziale Kontakte

Ein anderer Grund für den Umzug: Das Ehepaar erhoffte sich mehr soziale Kontakte. „Mein Mann und ich arbeiten, meine Mutter hat meist in ihrer Wohnung gesessen, gelesen oder genäht“, so Monika Tillmann.

Auch wenn sie in der Kirchengemeinde lange engagiert war und natürlich auch in der eigenen Familie, ist Helga Pichel sonst „nicht viel rausgekommen.“ Das neue Zuhause sei eher „wie ein kleines Dorf“, denn viele Menschen wohnen in der Anlage.

Am ersten Tag allerdings war von sozialen Kontakten eher nicht die Rede. „Als wir hier einzogen, saß ich zwei Stunden im Foyer, es liefen auch Leute dort herum, aber niemand hat mich angesprochen, das fand ich komisch“, erinnert sich die 82-Jährige.


Als in der Adventszeit der Vermieter einen Tannenbaum im Eingangsbereich aufstellte und eine Kindergartengruppe ihn schmückte, waren auch nur wenige Menschen aus dem Haus dabei. „Da wollte ich was machen und hab den sozialen Dienst gefragt.“

Helga Pichel wollte ein Adventssingen der Bewohner organisieren. „Angefangen haben wir mit 20 Leuten, beim letzten Mal waren es fast 50 Personen, die sich jeden Freitag in der Adventszeit zum Singen am Weihnachtsbaum getroffen haben“, freut sich Helga Pichel. Vorher werden Plätzchen gebacken, der Vermieter stiftet Glühwein.

Auch eine Erntedankfeier gibt es. „Die ganzen Lebensmittel vom Erntedank-Altar haben wir dann gemeinsam verarbeitet und gegessen.“ Acht bis zehn Bewohnerinnen schnippeln das Gemüse und das ganze Haus wird zum Essen eingeladen.“ Die Aktivitäten spricht Helga Pichel immer mit Conny Larisch vom sozialen Dienst ab und organisiert sie mit ihr gemeinsam.

Haus-Chor singt Ständchen zum 90. Geburtstag

Auch Sommerfeste, Basare und ein gemeinsames Eis essen im Haus hat die agile Seniorin schon angeregt und organisiert. Sie fühlt sich sichtlich wohl in ihrem „neuen“ Zuhause. „Mein Mann hat sich schwerer getan. Aber er geht viel spazieren und wir sind auch schnell in der Stadt.“

Ihre Tochter sieht es ähnlich: „Papa konnte sich schlechter vom alten Zuhause abnabeln.“ Auch weil er und sein Schwiegersohn „ein Herz und eine Seele“ sind. Dennoch hat auch er die gemeinsame Entscheidung, ganz bewusst ins Service-Wohnen zu ziehen, nicht bereut.

In jeder Wohnung ist nicht nur das Bad barrierefrei, es gibt natürlich auch einen Hausnotruf. „Viele Leute, die einziehen sagen, sie hätten es schon eher machen sollen.“

15 Service-Wohnanlagen gibt es derzeit in Lünen, alle mit unterschiedlich großen Wohnungen und Quadratmeter-Preisen. Dazu kommen Nebenkosten. Zusatzkosten für Betreuung und Service kommen ebenfalls dazu. Ob Wohnberechtigungsscheine erforderlich sind, kann bei den jeweiligen Anbietern erfragt werden.
  • Residenz Osterfeld (Bauverein/Alloheim), Günter-Kleine-Str. 1, Tel. (02306) 20 111 11 (Michael Meyer)
  • Luisenhüttenstr. 25 (Vivawest/DRK Lünen), Tel. (02306) 2 40 40
  • AWO Soziales Zentrum Lippeaue, Marie-Juchacz-Str. 3, 5 und 7, Tel. (02307) 91 12 21 32 (Andreas Becker)
  • Caritasverband/Eskes Immobilien, Gertrud-Bäumer-Str. 1-5, Tel. (02306) 5 03 23 (Stefanie Gatz)
  • Parkresidenz Lünen (Alloheim), Preußenstr. 28a, Tel. (02306) 94 02 00 (Elke Niewind)
  • Nachbarschaftliches Wohnen Heliand“ / WBG Lünen, Rudolph-Nagell-Str. 15n/17, Tel. (02306) 70 06 32 (Sandra Hübener)
  • Wohnen am Glockenturm (Bauverein), Wilhelm-Löbbe-Allee 34, Tel. (02306) 20 211 11 (Michael Meyer)
  • Wohnen mit Service (Barlage/Caritasverband), Cappenberger Str. 30, Tel. (02592) 9 92 25 (Christoph Barlage)
  • Caritas-Seniorenzentrum an der Lippe (neu), Infos: Tel. (02592) 9 73 20 03 (Henrik Nagel-Fellerhoff)
  • Vivawest in Brambauer: Brechtener Str. 29a/b, Reichsweg 61a-71, Gustav-Sybrecht-Str. 1, Amselweg 1a und Amselweg 2/4, Tel. (02306) 2 40 40
  • Service-Wohnen am Coldinne-Stift, Lauenburger Str. 45, Tel. (02381) 9 15 42 27 (Magnus Miethaus Verwaltung GmbH
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