Sebastian Witt (31): Mit der Familie in die Wahlheimat London und zurück

dzTraum erfüllt

Es war ihr Traum seit ihrem ersten London-Besuch: Einmal in der Millionen-Metropole an der Themse leben. Sebastian und Kim Witt erfüllten sich ihren Traum, kehren aber jetzt bewusst zurück.

Lünen

, 22.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Als sie sich kennenlernten und das erste Mal gemeinsam nach London fuhren, war Kim und Sebastian Witt (beide 31) sofort klar - „diese Stadt lässt uns nicht mehr los“. Seitdem sind sie immer wieder in die Metropole an der Themse gereist, durch den Eurotunnel, mit dem Flugzeug oder der Fähre. Und so entstand der Plan, eine Zeitlang in London zu leben. Die jungen Lüner heirateten, dann kamen die beiden Töchter Leonie und Edda auf die Welt. „Wir waren in Lünen immer glücklich, aber wir haben uns gefragt, wenn wir jetzt nicht nach London ziehen, wann dann?“, erinnert sich Sebastian Witt.

Sebastian Witt (31): Mit der Familie in die Wahlheimat London und zurück

Hund Elmo vor dem Schild der U-Bahn-Station Walthamstow. © Sebastian Witt

Ausgerechnet nach dem Referendum, als die Briten sich für den Brexit aussprachen, packten sie die Koffer, ihre Töchter (damals drei Jahre und neun Monate jung) und Hund Elmo, einen Bullmastiff, und zogen in die britische Hauptstadt. „Mit dem Hund gab es keine Probleme, er musste auch nicht in Quarantäne.“

Im Osten der Zehn-Millionen-Stadt, in Walthamstow, fanden die Lüner ein typisch viktorianisches Reihenhaus mit Garten. Für die stolze Miete von 2500 Pfund monatlich, das entspricht etwa 2891 Euro. „Die Verkehrsanbindung war super. Mit der Victoria Line der U-Bahn waren wir in 20 Minuten an der Oxford Street.“ Dort, wo die Londoner und die Touristen gerne zum Shoppen sind.

Sebastian Witt (31): Mit der Familie in die Wahlheimat London und zurück

Etwas mühselige Arbeit für Sebastian Witt in London. © Sebastian Witt

Der gelernte Gas- und Wasserinstallateur, der 2016 seinen Meister machte, hatte noch in Lünen über soziale Medien einen Berliner Kollegen kennengelernt, der sechs Jahre zuvor nach London gezogen war. „Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte bei ihm als Angestellter arbeiten.“ Aber in England ist eben alles anders. „Dort ist es üblich, dass man selbstständig ist und man muss nicht einmal nachweisen, dass man den Beruf, den man ausübt, auch gelernt hat.“

Kundenfang im Supermarkt

Wichtig sei nur, dass man ordnungsgemäß seine Steuern zahlt. Unter dem Motto „nimm dein Glück selbst in die Hand“ wagte Witt den Sprung ins kalte Wasser, fand Kunden durch den Kontakt mit dem Kollegen, platzierte seine Visitenkarten im Supermarkt und wurde vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer bekannter. „Ich hatte vor allem Kunden, die aus europäischen Ländern kamen, die Engländer eher nicht, die haben nicht wertgeschätzt, wenn man hocheffiziente Heizungsanlagen eingebaut hat, die sie oft auch nicht bedienen konnten.“

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Kim Witt und Hund Elmo vor dem gemieteten Haus der Familie in Walthamstow, im Osten Londons. © Sebastian Witt

Manchmal dauerte ein Arbeitstag von sieben Uhr morgens bis 22 Uhr abends, auch weil die Entfernungen in der Riesenstadt so groß sind, der Verkehr so unübersichtlich war. „Wir haben schon mal drei Stunden gebraucht, um zu einem Kunden in einem anderen Stadtteil zu fahren. Das wäre so, als würde ich von hier einen Kunden in Hamburg oder Amsterdam besuchen.“

Kein Wunder, dass die Idee, mal gemeinsam mit Ehefrau Kim einen Jazz-Club zu besuchen, nie realisiert wurde. Die Zeit passte einfach nicht. Und auch der Verdienst war nicht kalkulierbar. „Mal hab ich in einem Monat so viel wie ein Chefarzt verdient, dann wieder wie ein Ein-Euro-Jobber.“

Die Töchter lebten sich schnell in London ein. Leonie besuchte die Vorschule und fand Freunde, sie spricht heute fließend Englisch. Damit sie es nicht wieder verlernt, fördern die Eltern das beispielsweise durch englische Kinderbücher. So wie sie auch bewusst mit ihren Mädchen in London Deutsch gesprochen haben.

Die Familie nutzte die freie Zeit in ihrer Wahlheimat: „Wir sind in die Parks und Museen gegangen, waren in Restaurants und Cafés.“

Sebastian Witt (31): Mit der Familie in die Wahlheimat London und zurück

Edda und Leonie Witt vor einem Londoner Supermarkt. © Sebastian Witt

Eltern, Schwiegereltern und Freunde kamen immer wieder während der eineinhalb Jahre zu Besuch. „Und wir waren superstolz, Londoner zu sein. Kulturell und kulinarisch gibt es dort einfach alles“, so Sebastian Witt.

Kim Witt kauft am liebsten in Second-Hand-Läden ein und auch diese gibt es natürlich in London - da bekommt man alles, von Designerklamotten bis Vintage-Mode. „Auch in unserer Straße gab es das System, dass man Dinge, die noch gut waren, aber nicht mehr gebraucht wurden, einfach in Körbe vor die Haustür legte, zum Verschenken.“

Bei Pro-EU-Demos mit dabei

Nach eineinhalb Jahren kamen Kim und Sebastian Witt bei aller London-Begeisterung ins Grübeln. „Sollen wir noch länger bleiben? Und wenn, wie lange? Dazu kam die Unsicherheit wegen des Brexits.“ Auch wenn die Beiden bei ihren vielen Begegnungen mit Menschen zwischen Piccadilly und Westminster niemanden getroffen haben, der für den Brexit gestimmt hatte. „Wir haben auch bei Demos für den Verbleib in der EU mitgemacht.“

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Spaziergang in einem Londoner Park: Sebastian Witt und Töchterchen Edda. © Sebastian Witt

Fragen wie „Bleibt unsere Krankenversicherung noch gültig?“ beschäftigten die Lüner. Dann kam die Regelung, dass Ausländer, die fünf Jahre in Großbritannien lebten, einen Siedlerstatus bekommen sollten. „Keiner wusste, was passiert.“ Und weil Kim und Sebastian Witt für ihre Mädchen lieber eine ländlichere Umgebung wollten, entschieden sie sich, Weihnachten 2018 wieder nach Lünen zu ziehen.

Hier fand der 31-Jährige eine Stelle als Meister in der Firma, in der er auch gelernt hat: bei Backhove. Zwischendurch hatte er sieben Jahre bei der Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) gearbeitet.

Freunde aus London sind von Lünen begeistert

Der Kontakt zu London ist aber geblieben. Denn die Witts haben dort gute Freunde gefunden. Ein Ehepaar mit einem vierjährigen Sohn, sie stammt aus Polen, er aus Russland, hat mittlerweile die britische Staatsbürgerschaft. „Sie haben uns schon in Lünen besucht und waren total begeistert von der Natur hier.“ Die Familien haben vereinbart, gegenseitig den Urlaub in Lünen und London zu verbringen. Und so steht bald für die Witts die nächste Reise in ihre absolute Traumstadt auf dem Programm.

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