Kein Kita-Platz in Lünen: Luca muss zu Hause bleiben

dzKinderbetreuung

Wie für viele andere Kinder in Lünen gibt es auch für Luca (2) in diesem Sommer keinen Kita-Platz. Die Stadt arbeitet daran, allen Anfragen nachzukommen - das gelingt aber nicht ganz.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 13.02.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Etwa 600 Kinder und deren Eltern können sich schon freuen: Zum Start in das neue Kita-Jahr im August dürfen sie einen der 41 Kindergärten im Stadtgebiet besuchen; sie haben bereits einen Platz bekommen. Luca (2) gehört nicht dazu.

„Ich würde Luca so wünschen, dass er in die Kita gehen kann“, erzählt Chantal Ciara. Einträchtig sitzt die 26-Jährige mit ihrem Sohn auf dem Wohnzimmerteppich und lässt mit ihm Lego-Figuren über den Boden wandern. Das vier Wochen alte Baby schlummert in der Wiege. „Ich bin wegen des Babys sowieso noch eine Weile zu Hause. Aber damit er mehr Kontakt mit Gleichaltrigen hat und gefördert wird, wünsche ich ihm, in den Kindergarten gehen zu können“, betont die gelernte Verkäuferin. „Die lernen ja eine Menge im Kindergarten, was man zu Hause vielleicht nicht so auf die Kette kriegt. Er ist auch ein offenes Kind und hat da wirklich Lust drauf.“

Das Problem in Lucas Fall: Der Junge feiert erst im November seinen dritten Geburtstag, hat also als derzeit Zweijähriger noch keinen Rechtsanspruch auf einen der begehrten Kita-Plätze des Jahres 2019/20.

Noch Restplätze frei

Zwischen dem 19. November und dem 7. Dezember konnten sich Eltern auf der neuen Online-Plattform „WebKita“ für bis zu fünf Einrichtungen registrieren. Chantal Ciara gab zunächst die Kita im Geist-Viertel an, in dem die Familie wohnt. Ab dem 9. Januar verschickten die Einrichtungen Zusagen und Terminvorschläge, die jeweilige Kita noch einmal anzuschauen und den Betreuungsvertrag zu unterzeichnen; manche bekamen zwei oder drei. Die Eltern hatten im Anschluss drei Wochen Zeit, sich für eine Einrichtung zu entscheiden. Danach sollte die erste Phase, einen Betreuungsvertrag zu vereinbaren, abgeschlossen sein. Diese Eltern verschwinden mit ihren Kindern aus der Online-Plattform. Obwohl Familie Ciara sich noch im Januar für drei weitere Kitas in der Innenstadt registrierte, gab es bisher keine Einladung oder Zusage für Luca.

Absagen werden nicht verschickt. Die schlechte Nachricht: Wer bisher keine Zusage für eine seiner Wunsch-Kitas bekommen hat, bekommt für das kommende Kita-Jahr wahrscheinlich auch keine mehr. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Die Platzvergabe insgesamt ist keineswegs abgeschlossen. „Bis zum 1. August ist noch Bewegung drin“, sagt André Walter, für die Stadt als stellvertretender Leiter der Kinder-Tagesbetreuung zuständig. Natürlich gibt es immer aufgrund von Absagen die Möglichkeit nachzurücken. Auch möchte die Stadt in diesem Jahr verstärkt dafür sorgen, in den Einrichtungen in Absprache mit dem jeweiligen Träger, einzelne Zusatzplätze zur Verfügung zu stellen. Doch der Großteil an Plätzen ist bereits vergeben.

Kaum freie Plätze für Dreijährige

Derzeit gibt es 2970 Betreuungsplätze in den 41 Kindertageseinrichtungen der sieben Träger im Stadtgebiet. Davon 627 für unter Dreijährige, 2343 für über Dreijährige. Dazu kommen 150 Plätze in der Tagespflege. Im Sommer, wenn die Großen in die Schule kommen, wird etwa ein Viertel frei, also mindestens 700 Plätze. Obwohl es weitaus mehr Plätze für über Dreijährige gibt, sind sie schwer zu ergattern: die Kleinen verlassen den Kindergarten ja nicht mit drei Jahren, sondern wachsen einfach in die Gruppe der Größeren hinein. Von den 700 Plätzen sind schon etwa 600 neu besetzt.

„Im Moment können wir darüber hinaus keine weiteren Plätze vergeben, wir arbeiten aber daran, neue Plätze zu schaffen und uns besser aufzustellen“, sagt Walter. „Es gibt einen Überhang, aber es wird daran gearbeitet, den möglichst klein zu halten“, ergänzt Stadtsprecher Benedikt Spangardt.

In die offenen Plätze eingerechnet sind bereits zwei Einrichtungen, die zum Sommer eröffnen sollen: Eine in der ehemaligen Regenbogenschule in Beckinghausen mit bis zu 16 Plätzen für unter Dreijährige und 64 Plätzen für über Dreijährige sowie bis zu 25 Plätze für Kinder über drei Jahren, die in der ehemaligen Sparkasse in Gahmen ihren Raum finden werden. Für beide Einrichtungen ist geplant, dass die AWO die Trägerschaft übernimmt. Diese Plätze können zur Zeit noch nicht vergeben werden, da noch kein Personal eingestellt ist, bei dem die Verträge unterzeichnet werden könnten. Mitte März müssen alle Träger die bis dahin registrierten Bedarfe (also welche Plätze á wie viel Stunden benötigt werden) an das Land melden. Im Nachgang kann die AWO dann Personal einstellen und auch diese Plätze vergeben.

Im vergangenen Jahr fehlten für das Kitajahr 2018/2019 30 Plätze.

Geburtenknick

Kinderzahlen ändern sich

„Es gab mal eine Zeit, da gab es in Lünen einen Kindergartenplatz für alle Kinder“, erinnert sich André Walter, als stellvertretender Leiter für die Tagesbetreuung seitens der Stadt zuständig. Während man vor etwa zehn Jahren die Betreuungsplätze aufgrund gesunkener Geburtenzahlen zurück gebaut hatte, wurden sie in den vergangenen Jahren wieder knapp - die Geburtenrate war in den Jahren 2014 bis 2017 stark gestiegen. Während 2013 noch 734 Kinder in Lünen geboren wurden, waren es in den folgenden vier Jahren durchschnittlich 833. Das macht sich jetzt am Kitaplatzbedarf bemerkbar. Außerdem brächten Eltern ihre Kinder immer früher, so dass sie länger in den Kitas bleiben. Genaue Handlungsempfehlung gibt es für wartende Eltern übrigens auf der Startseite der WebKita.

Noch im Dezember 2018 war für das Kitajahr 2019/2020 die Rede von 187 fehlenden Plätzen, davon 122 für unter Dreijährige. „Es kann sich aber bis zum letzten Tag noch was tun“, verspricht André Walter.

Zur Zeit sortiert die Stadt die offenen Anfragen. Wie viele es tatsächlich gibt, lasse sich aktuell nicht sagen, heißt es, da auch welche darunter sind, die zum Beispiel vorsorglich gemacht wurden, ohne dass der tatsächliche Bedarf vorhanden ist. Letztlich werden die Plätze aber nicht durch die Stadt, sondern durch die Einrichtungen selbst vergeben. Besonderer Dringlichkeit kann die Stadt deswegen auch nicht nachkommen - wegen der Trägerautonomie.

Einjähriger bekommt Platz, Dreijähriger nicht

Chantal Ciara hatte ihren Sohn bereits wenige Monate nach seiner Geburt für das Kita-Jahr 2018/19 in der Kita In der Geist angemeldet. Mit Inkrafttreten der WebKita sei die Anmeldung verfallen und sie habe sich neu anmelden müssen. Für sie kommt darüber hinaus lediglich eine zweite Kita wirklich in Frage. Ohne Auto und mit Baby kann sie keine weiten Wege auf sich nehmen. „Ich habe nichts davon, wenn ich anderthalb Stunden irgendwo hinlaufen muss“, sagt die 26-Jährige. Somit bringen ihr auch die neuen Plätze in Beckinghausen und Gahmen nichts. Ihr Mann ist voll berufstätig und verlässt zu einer Tageszeit das Haus, zu der noch keine Kita geöffnet hat. „Deswegen klage ich auch nicht“, erklärt die junge Mutter. „Ich hätte keine Wahlmöglichkeit und wenn ich ablehne, verfällt mein Anspruch komplett.“

Auch eine Tagesmutter kommt für sie nicht in Frage, weil diese Plätze auf Null- bis Dreijährige ausgelegt sind und Luca bereits im November drei Jahre alt wird. André Walter bestätigt: „Eigentlich brauchen die Kinder ab drei Jahren etwas anderes.“

Auf Facebook teilt eine andere Mutter ihre Sorgen mit. Sie wartet im zweiten Jahr auf eine Zusage für ihren Dreijährigen und schreibt: „Ich habe tatsächlich gerade eine E-Mail mit einer Platzzusage bekommen. Eigentlich sollte mich das freuen... tut es aber nicht. Sie ist für meinen aktuell einjährigen Sohn. Aber mein Dreijähriger braucht den Platz dringender, er wünscht sich so, in den Kiga zu gehen.“

Ein Umstand, der vorgegebenen Gruppen- und Altersstrukturen geschuldet ist. Das ist auch der Grund dafür, dass manche Eltern zwei oder drei Zusagen bekommen und manch andere keine: ihr Kind passt vom Alter her in die Gruppenstruktur der jeweiligen Kita. Allgemein ist es so, dass Eltern ihre Kinder immer früher in den Kindergarten geben.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels war das Alter von Luca aufgrund eines Missverständnisses der Autorin mit 3 Jahren angegeben, was einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz bedeutet hätte. Tatsächlich ist Luca jedoch erst 2 Jahre alt. Wir bitten um Entschuldigung.

Rechtsverfahren

Gut zu wissen

Zum Thema Kita gibt es zwei Rechtswege, die Eltern gehen können, haben sie keinen Platz für ihre Kleinen bekommen.
  • Schadensersatzklage:
Bei diesem Verfahren kann der Schaden, der dadurch entstanden ist, dass das Kind nicht in die Kita gehen kann, eingeklagt werden. Also entweder entgangenes Gehalt oder die Kosten, die durch anderweitige Betreuung entstanden sind. „Dafür müssen die Kläger aber den konkreten Schaden anhand von Unterlagen genau nachweisen“, erklärt Axel Denkert, Fachanwalt für Miet-, Sozial- und Versicherungsrecht. „Das gestaltet sich oft schwierig und die Kläger bleiben auf den Verfahrens- und Anwaltskosten sitzen“, warnt er. Diese Art der der Klage wird vor dem Landgericht verhandelt.
  • Verpflichtungsklage:
Schon seit 1996 gibt es die Möglichkeit, einen Kita-Platz für Dreijährige einzuklagen, seit 2013 haben auch Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres einen Anspruch auf einen Kita-Platz oder die die Betreuung durch eine Tagesmutter. Beide Verfahrensarten ziehen sich über neun Monate bis zu einem Jahr, sagt Denkert, und die Kosten für Anwalt und Gericht liegen bei ungünstigem Ausgang bei etwa 850 Euro. Zum Gerichtstermin sei es mit einem seiner Mandanten noch nie gekommen. Immer habe man sich vorher außergerichtlich einigen können: „Bis jetzt ist die Stadt noch immer rechtzeitig eingeknickt. Zack haben die noch immer einen Platz herbei gezaubert.“ Etwa ein Dutzend Verfahren habe er bisher eingeleitet.
Lesen Sie jetzt