Schokokuss-Debatte: Wer das N-Wort benutzt ist rücksichtslos - mindestens

dzKlare Kante

Eine Lünerin ärgert sich darüber, dass Brötchen mit Schokoküssen nicht so genannt werden. Im Netz benutzen Menschen das N-Wort deshalb erst Recht. Ziemlich rücksichtslos, findet unsere Autorin.

Lünen

, 08.09.2020, 10:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nachdem wir einen Beitrag darüber veröffentlicht haben, dass eine Frau in einem Lüner Supermarkt schockiert war, ein „Mohrenkopf-Brötchen“ in der Warentheke zu finden und sich über das in ihrem Augen rassistische Verhalten beschwerte, hagelte es zahlreiche Kommentare wie diesen: „Alles richtig gemacht!!!“, „Habt ihr sonst keine Probleme, als darüber zu berichten?“, „Ich sage das weiterhin.“. Das waren noch die nettesten Beiträge. Dafür viel Zustimmung. Keine Gegenrede.

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Wieso haben denn manche Menschen so wenig Empathie für andere Menschen, frage ich mich. Ich versuche es daher mit einem Vergleich.

Ständig als Arschloch beschimpft

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind bei Freunden zu einer gemütlichen, kleinen Party eingeladen. Dort sind natürlich auch noch andere Menschen. Auch ein Freund Ihrer Freunde, den Sie noch nie zuvor gesehen haben. Er macht einen sympathischen Eindruck, grinst Sie nett an, gibt Ihnen die Hand, aber dann bezeichnet er Sie mehrfach als Arschloch.

„Was soll das?“, würden Sie vielleicht fragen.

„Was denn?“, würde der Mann antworten.

„Könnten Sie aufhören mich so zu beleidigen?“

„Wie? Mit Arschloch? Da wo ich herkomme, sagt man das halt so. Ist nicht böse gemeint“, sagt der Mann und lächelt Sie immer noch nett an.

„Okay, kann sein, dass Sie es nicht böse gemeint haben, aber für mich ist es beleidigend. Könnten Sie bitte aufhören?“

Nun könnte der Mann entweder verstehen, dass er Sie verletzt und Ihrem Wunsch nachkommen, oder er könnte darauf bestehen, dass er sich nicht den Mund verbieten lassen möchte. „Man darf ja wohl gar nichts mehr sagen“, würde er dann wohl sagen. Und vielleicht würden Sie sich denken: „Was für ein Arschloch.“

Sich ansatzweise hineinversetzen

Lässt sich das Wort Arschloch mit dem N-Wort vergleichen? Nein, natürlich nicht. Das N-Wort ist nämlich viel schlimmer. Aber ich habe diesen Vergleich gewählt, weil ich hoffe, dass er dabei hilft, sich einmal in die Situation von zum Beispiel Schwarzen Menschen zumindest ansatzweise hinein zu versetzen.

Ich bin weiß, deswegen habe ich keine rassistischen Erfahrungen gemacht, die sich gegen mich richten. Deshalb kann ich mir auch nur ansatzweise vorstellen, wie man sich in einer solchen Situation fühlt und ich möchte auch gar nicht so tun, als wüsste ich, wie das ist. Ich finde aber, dass sich nicht nur Schwarze Menschen dazu äußern sollten, wenn sie sich diskriminiert fühlen.

Rassismus nimmt man mindestens in Kauf

Wenn jemand Sie beleidigt und - obwohl Sie ihn nett darauf hingewiesen haben - er sich dennoch das Recht herausnimmt, Sie weiterhin zu beleidigen, ist das schlichtweg rücksichts- und respektlos. Das N-Wort zu benutzen, ist rücksichtslos und Rassismus nimmt man damit mindestens in Kauf. Es heißt im besten Fall: „deine Gefühl sind mir egal. Ich bin nicht bereit mein Verhalten zu ändern.“ Im schlechtesten Fall heißt es: „Ich finde, Schwarze Menschen, sind weniger wert.“

Schwarze Menschen müssen sich ständig solche Beleidigungen anhören. Wer mehr darüber wissen will, kann zum Beispiel auch Online-Accounts wie das Instagram-Profil „Was ihr nicht seht“ besuchen. Dort sprechen Schwarze Menschen über ihre Erfahrungen mit Rassismus, die sie teilweise schon als Kinder erfahren haben. Manchmal ist das offener blanker Rassismus, der benutzt wird, um die Person zu demütigen und klein zu machen. Manchmal ist es „nur“ ein unbedachter Spruch eines Freundes oder einer Freundin, der diese Person aber offenbar noch Jahre später verletzt.

Ein permanenter Tritt auf den Fuß

Ich habe auf der Seite in einem Kommentar auch noch einen anderen Vergleich gelesen, der das Thema verdeutlichen soll: „Wenn Sie jemandem auf den Fuß getreten haben, würden Sie dann nicht zur Seite gehen?“

Darauf zu bestehen, das N-Wort zu benutzen ist so, als würde man einem anderen Menschen permanent auf den Fuß treten und sich dann noch darüber beschweren, dass die Person „Aua“ sagt.

Wie viele Mühe macht es, Wörter wie Schokokuss zu verwenden? Ich garantiere Ihnen, es tut nicht weh. Das andere Worte zu benutzen hingegen schon. Zwar nicht Ihnen. Aber anderen Menschen.

Nichts Böses gedacht zählt nicht

Und dass man sich nichts Böses dabei gedacht hat, als man das Wort zuvor benutzt hat, gilt als Ausrede irgendwann auch nicht mehr. Wenn man weiß, dass es andere Leute verletzt, lässt man es.

Das ist doch der gleiche Grund, weshalb man Kindern beibringt, sie sollen das Wort Arschloch nicht benutzen. Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, jenes Kind würde Ihnen dann sagen, es dürfe wohl jetzt gar nichts mehr sagen. Dann würden Sie vielleicht sagen: „Du kannst vieles sagen, aber das nicht.“ Oder: „Du kannst das gerne sagen, aber dann wundere dich nicht, dass dich irgendwann alle für ein Arschloch halten.“

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