Ein mutmaßlicher Ladendieb ist am Freitag von der Polizei festgenommen worden. Er schlug Discounter-Personal und bespuckte Polizeibeamte – für nur 22,19 Euro. © picture alliance/dpa (Symbolbild)
Polizeieinsatz

Polizeigewalt oder Selbstverteidigung? Ermittlungen nach Einsatz in Lünen

Ein Vater und seine Tochter haben Anzeige gegen die Polizei erstattet, weil sie bei einem Einsatz in Lünen-Süd tätlich angegriffen worden sein sollen. Die Polizei bestätigt die Ermittlungen.

Ein lautstarker Streit bewog Zeugen am 3. Februar in der Adolf-Damaschke-Straße in Lünen-Süd dazu, die Polizei zu rufen. Ein türkischstämmiger Mann (50) und seine Tochter (17) hatten offenbar eine Meinungsverschiedenheit mit einer oder mehreren Personen, die zu eskalieren drohte.

Über das, was anschließend passierte, gibt es zwei Versionen. Der Vater des Mädchens, Cemil Basöngen, behauptete gegenüber der staatlich kontrollierten türkischen Nachrichtenagentur „Anadolou Ajansi“: „Während ich draußen auf sie wartete, kam die Polizei innerhalb von fünf Minuten. Die Polizei sagte meiner Tochter, sie solle weggehen, und so ging sie die Treppe hinunter.“ Als sie dem Folge leistete, sei eine Polizeibeamtin wütend hinter ihr hergekommen. „Sie schlug meine Tochter zusammen mit einem anderen Beamten nieder, der von außen [ins Haus] gekommen war.“

Als der Vater die Polizisten von seiner Tochter trennen wollte, sei dann auch er angegriffen worden. „Der Polizist ging auf mich los. Er schlug mich zweimal und ich verlor das Bewusstsein und er legte mir Handschellen an“, heißt es bei Anadolou Ajansi. Ferner zitiert die Agentur aus einem ärztlichen Bericht, wonach die 17-Jährige Brüche des Augenhöhlenbodens und der Kiefernhöhle erlitten haben soll.

Person zu Boden gebracht und fixiert

Wie Oliver Peiler, Leiter der Polizeipressestelle in Dortmund, auf Anfrage unserer Redaktion bestätigt, hat es tatsächlich einen Einsatz am 3. Februar in der Adolf-Damaschke-Straße gegeben. „Es gab dort in einem Mehrfamilienhaus offenbar einen Streit zwischen einer 17-Jährigen und ihrem Ex-Freund.“ Die Einsatzkräfte hätten den Vater und die Tochter aufgefordert, über die Treppe ein Stockwerk tiefer zu gehen, um zunächst eine räumliche Trennung der beiden Streitparteien zu erreichen.

„Daraufhin hat die 17-Jährige angefangen, die Einsatzkräfte wüst zu beschimpfen und tätlich anzugreifen.“ Dabei habe das Mädchen auch versucht, einen Beamten die Treppe herunterzuschubsen. „Daraufhin wurde die Person zu Boden gebracht und fixiert.“ Als der Vater dann drohend auf die Einsatzkräfte zukam, habe ihn das gleiche Schicksal ereilt. „Bei diesen Maßnahmen wurden beide Personen leicht verletzt“, so Peiler.

Die Polizei habe Anzeige gegen den Vater und seine Tochter wegen gewalttätigen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte gestellt. Gleichzeitig stellten Cemil und Jasemin Basöngen Anzeige gegen die Beamten. „Wie in einem solchen Fall üblich, hat das Polizeipräsidium Recklinghausen als neutrale Behörde dazu die Ermittlungen aufgenommen“, erklärt Oliver Peiler. „Ob es zu einem Verfahren kommt, muss dann die Staatsanwaltschaft entscheiden.“

„Wer Beamte angreift, muss mit widerstand rechnen“

Der Einsatz und die Reaktionen von Vater und Tochter sind bisher ausschließlich Gegenstand von Berichterstattung in türkischen Medien. Fast alle übernehmen den Fehler der Agentur, die das Geschehen nicht in Lünen, sondern in Ennepetal – dem Wohnort der Familie Basöngen – verortet hat. Erst der gebürtige Lüner Bünymain Kalem machte mit einem Tweet darauf aufmerksam, dass es sich um einen Lüner Fall handelt.

Details zu dem Vorfall seien nun Gegenstand der Ermittlungen, so Oliver Peiler. Er könne auch keine Aussage dazu machen, ob das Vorgehen der Einsatzkräfte angemessen gewesen sei. „Ganz allgemein, also nicht auf diesen Fall bezogen, kann man sagen: Wer Polizeibeamte angreift, muss damit rechnen, dass diese sich verteidigen.“

Der Zugriff der Polizisten sehe dann auch nicht immer schön aus. „Das ist ja auch das Problem, wenn es zum Beispiel um Videos geht, die in Sozialen Netzwerken gerne mal die Runde machen: Dort sieht man die Reaktion der Beamten, aber die ganze Vorgeschichte, wie es überhaupt so weit kommen konnte, wurde nicht gefilmt.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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