Blick auf das Lippewerk, auf dessen Gelände die neue GWA-Anlage entstehen soll. © Goldstein
Recycling

Phosphor geht zu Neige: Technik und Know-How aus Lünen sollen helfen

Die natürlichen Phosphor-Vorräte auf der Erde reichen nicht mehr allzu lange aus. Die Menschheit stünde dann vor einem ziemlich großen Problem. Eine mögliche Lösung wurde in Lünen entwickelt.

Wirklich präsent ist Phosphor in der Öffentlichkeit nicht. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Nährstoff. Wobei „wichtig“ untertrieben ist: Ohne Phosphor gäbe es kein Leben auf der Erde. Denn Phosphorverbindungen sind elementarer Bestandteil von DNA-Molekülen, die wiederum das Erbgut sämtlicher Lebewesen transportieren.

Für die Menschheit aber wohl noch viel wichtiger: Phosphate kommen als Dünger zum Einsatz. „Ohne Phosphor hätte die Landwirtschaft auf dieser Welt ein riesiges Problem“, sagt Michael Schneider, Pressesprecher des Lüner Recycling-Giganten Remondis. „Es wäre schlichtweg unmöglich, die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen.“

Verfahren für Rückgewinnung maßgeblich in Lünen entwickelt

Die schlechte Nachricht: Die natürlichen Vorkommen an Phosphor sind begrenzt. In Europa muss Phosphor schon jetzt zu 100 Prozent importiert werden. Und die steigende Nachfrage sorgt dafür, dass die Perspektive düster ausfällt: „Optimisten gehen von 300 Jahren aus, bis es keine Phosphorvorkommen mehr gibt“, so Schneider. „Realistischer sind wohl eher 150 Jahre.“

Klingt nach viel Zeit – wobei der Remondis-Sprecher darauf verweist, dass auch die Erdbevölkerung deutlich schneller wächst. „Auch wenn wir persönlich davon nicht mehr betroffen sein werden – für die nächsten Generationen ist es eine Bedrohung.“

Die gute Nachricht: Es gibt eine Möglichkeit, Phosphor zu gewinnen. Das sogenannte Tetraphos-Verfahren wurde in einem Labor des Lippewerks in Lünen maßgeblich entwickelt. „Ein Großteil des genutzten Phosphors gelangt am Ende über Abwässer wieder in die Umwelt“, erläutert Michael Schneider. Besonders hohe Phosphorkonzentrationen gibt es im Klärschlamm, der in Kläranlagen anfällt.

Weltweit erste Anlage in Hamburg

Genau diese Quellen zapft Remondis an. Neben der Abwasserreinigung können nun auch der Klärschlamm „stofflich und energetisch verwertet und aus den Aschen wertvolle Salze zurückgewonnen“ werden. Bei dieser Recyclingmethode wird nicht nur Phosphor gewonnen, sondern auch Metallsalze, Mineralik und Gips.

Letzterer war früher vor allem ein Abfallprodukt aus Kraftwerksabgasen. „Als die Anlagen aufgrund des ,Sauren Regens’ nach und nach mit Filtern ausgestattet wurden, fiel dieser Effekt weg“, so Schneider. So habe Remondis auch hier ein Verfahren entwickelt, um einem weiteren erwarteten Rohstoff-Notstand zu begegnen.

Am 1. März 2019 wurde in Hamburg der Grundstein zur weltweit ersten Phosphor-Recycling-Anlange gelegt - mit Know-How aus Lünen.
Am 1. März 2019 wurde in Hamburg der Grundstein zur weltweit ersten Phosphor-Recycling-Anlange gelegt – mit Know-How aus Lünen. © Ulrich Perrey © Ulrich Perrey

Wohin das führen kann, lässt sich in Hamburg beobachten: Dort wurde 2020 die weltweit erste großtechnische Anlage zur Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlammasche in Betrieb genommen.

Aus rund 20.000 Tonnen Klärschlammasche sollen 7000 Tonnen Phosphorsäure gewonnen werden: „Damit ist das Remondis-Tetraphos-Verfahren das derzeit einzig bekannte am Markt, das Phosphor wirtschaftlich zurückgewinnt.“

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Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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