Eine Virtuell-Reality-Brille und Kopfhörer lenken den Patienten ab, während das Ärzteteam eine Operation an der Lunge durchführt. © Klinikum Westfalen
Gesundheit

Patient (67) erlebt Lungen-OP ohne Narkose – aber mit Video-Brille

Reinhard Kuch (67) aus Dortmund taucht in die virtuelle Realität ab, während Spezialisten ihm im wachen Zustand einen Tumor und Lymphknoten aus der rechten Lunge entfernen. Eine Premiere in NRW.

Reinhard Kuch befindet sich auf dem afrikanischen Kontinent, sieht wilde Tiere und nimmt die Geräusche der Natur wahr. Doch Kuch ist nicht wirklich in Afrika. Die Safari erlebt er nur mithilfe einer Virtual-Reality-Brille und Kopfhörern. Vielmehr liegt er auf dem Operationstisch in der Klinik am Park in Lünen, mitten in Nordrhein-Westfalen. Ein Team um Dr. Bassam Redwan, leitender Oberarzt der Klinik für Thoraxchirurgie, entfernt ihm einen Tumor unbekannter Herkunft und die Lymphknoten aus der rechten Lunge – und das bei Bewusstsein. Zum ersten Mal kam diese Operationsmethode in NRW zum Einsatz.

Mit dieser Technik möchten die Ärztinnen und Ärzte die Risiken einer Vollnarkose umgehen – genauer gesagt die möglichen Folgen einer künstlichen Beatmung, die bei einer Vollnarkose nötig ist. „Bei dieser Art der Beatmung schalten wir den betroffenen Bereich der Lunge aus. Er arbeitet nicht mehr“, erklärt Dr. Redwan.

Außerdem würden die Patientinnen und Patienten so weit sediert, dass die Atemmuskulatur gelähmt ist. Dieses Vorgehen sei besonders für Menschen mit ungesunden Lungen, beispielsweise durch eine Krebserkrankung oder Rauchen, nicht immer vorteilhaft. „Schlimmstenfalls kann es in der Folge einer künstlichen Beatmung beispielsweise zu einer Lungenentzündung oder einer Zwerchfelllähmung kommen“, sagt Dr. Redwan.

Auch Reinhard Kuch weiß um diese Risiken. Daher zögerte er nicht, als ihm im Vorgespräch der Eingriff im wachen Zustand vorgeschlagen wurde. „Natürlich habe ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht, was auf mich zukommt. Während der Operation war ich aber die Ruhe selbst“, erinnert sich der Dortmunder. Zusätzlich zu Kopfhörern und VR-Brille bekommen Patientinnen und Patienten ein beruhigendes Mittel verabreicht. „Zur Abschirmung“, wie es Dr. Redwan formuliert. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit einem Anästhesie-Team, das trotz der fehlenden Narkose bei dem Eingriff dabei ist.

Patient schläft bei Operation zwischenzeitlich ein

Versunken in der virtuellen Welt, nahm Kuch von den Arbeiten in seiner Brust nichts wahr. „Tiere beruhigen mich ungemein“, berichtet er und erzählt: „Gefühlt saß ich in einem Baum, da kam auf einmal eine Giraffe auf mich zu.“ Zwischenzeitlich sei er sogar eingenickt. „Ich bin kurz vor dem Ende des Eingriffs aufgewacht. Da waren sie dabei, den Schnitt zuzunähen“, erinnert sich Kuch.

Schmerzen habe Kuch nicht verspürt. „An der Lunge befinden sich keine Schmerzrezeptoren. Wir betäuben lediglich die umliegenden Bereiche, wie die Haut und Rippen“, führt Dr. Redwan aus. Ein Fingerclip überprüft das Schmerzempfinden während der OP. Was für die Patientin oder den Patienten weniger Risiko birgt, verlangt von dem Ärzteteam eine präzise Arbeit. Die Lunge bewege sich weiterhin, weil der Mensch noch immer atme. Daher sei Vorsicht geboten.

Bei Kuch hat sich das Vorgehen ausgezahlt. „Der Patient ist nun von seiner Erkrankung geheilt“, sagt Dr. Redwan abschließend. Direkt nach der OP war Kuch ansprechbar, nach nur sieben Tagen im Krankenhaus durfte er die Klinik wieder verlassen. Auch das sei ein Vorteil eines Eingriffs im wachen Zustand. „Die Menschen erholen sich viel schneller, als bei einer Vollnarkose“, bestätigt der leitende Oberarzt, der trotzdem kein falsches Bild einer Vollnarkose vermitteln möchte. „Die Angst davor ist völlig unbegründet“, sagt er.

Kuch würde sich dennoch wieder für den neuartigen Eingriff entscheiden. „Die Erfahrung war sehr angenehm und ich kann diese Methode nur weiterempfehlen“, meint er. Auch für Menschen, die nicht mit afrikanischen Tieren auf Safari gehen möchten, ist die Operation im wachen Zustand eine Alternative. Denn es gibt noch mehr, was Patientinnen und Patienten mithilfe der VR-Brille erleben können.

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