Dieses Lämmchen ist an dem Tag geboren worden, als das Steag-Kraftwerk am Horizont der Weide gesprengt wurde. Sein Name stand damit fest. Mutter Jane hat nicht widersprochen. © Sylvia vom Hofe
Industrie und Natur

Osterlamm heißt Steag: Nachwuchs für eine Herde am Rande des Ruhrgebiets

Aus allen Himmelsrichtungen waren am 28. März Kameras auf das alte Lüner Kraftwerk gerichtet. An einer Stelle geriet die Sprengung aber zur Nebensache: die Geschichte des Osterlamms Steag.

Steag liegt am Boden. Aber nur einen Moment. Dann springt er auch schon wieder auf und hüpft über die Weide, als wenn das grüne Gras unter ihm ein Trampolin wäre. Steag ist inzwischen eine Woche alt und quietschfidel – anders als sein steinerner Pate wenige Kilometer weiter westlich. Von dem ehemaligen Lüner Kohlekraftwerk, dem ältesten der 1937 gegründeten Steinkohlen-Elektrizität AG -kurz Steag -, ist nur noch ein Trümmerhaufen übriggeblieben.

Der 28. März 2021 verbindet die beiden so unterschiedlichen Steags: das Kraftwerk von einst und die jüngste Generation der kleinen Schafsherde am Rande des Ruhrgebiets. An diesem Sonntag wurden die massigen Bauwerke auf der Industriefläche an der Lippe gesprengt. Nahezu gleichzeitig platze bei einem Schaf etwas weiter flussaufwärts die Fruchtblase. Anlass, den Fokus nicht mehr auf einstürzende Altbauten am Horizont zu richten, sondern auf erwachendes Leben vor der Nase: die Geschichte eines besonderen Osterlamms und seiner Herde.

Jane hat Schmerzen. Doch kein Laut kommt über ihre feinen Lippen, mit denen sie alle Pflanzenteile genau unterscheiden können. Das Kamerunschaf leidet stumm. So kennt man es seit 10.000 Jahren von Schafen, die zu den ältesten Haustieren des Menschen gehören: gutmütig, leidensfähig und folgsam, selbst wenn sie zur Schlachtbank geführt werden – ideale Opfertiere seit Menschengedenken. Zu Ostern rücken sie besonders in den Blick.

Fernes Donnern stört die Tiere kaum

Jane steht nicht der Sinn danach. Sie will sich lieber allen Blicken entziehen. Das ist schwierig genug. Denn sie ist das einzige weiße Schaf der schwarzen Herde. Was eine Geburt bedeutet, weiß sie noch aus dem vergangenen Jahr. Da ist man selbst als geselliges Schaf lieber für sich, ohne die übrige Herde. Die Menschen, die ihr 2020 zur Niederkunft einen exklusiven Platz im Stall mit frischem Stroh bereitet hatten, haben an diesem Tag bislang nur Augen für den Schlot hinter den Bäumen. Und nicht für Jane, die sich seit 20 Minuten immer wieder hingelegt hat, um sofort wieder aufzustehen: untrügliche Anzeichen für die bevorstehende Geburt.

In der Ferne macht es Wumms. Und noch einmal: „Krawumm!“ Wie ein fernes Donnern. Die anderen sieben Schafe auf der Weide heben kurz den Kopf, um dann weiter zu grasen. Jeder kaputte Auspuff erschreckt sie mehr als dieser einstürzende Schornstein. Goliath, der Bock in der Herde, der ebenfalls etwas abseits steht, hätte sich auch wieder dem jungen Gras gewidmet. Doch da entdeckt er bei Jane Seltsames: ein schwarzes Füßchen ragt aus ihrem Hinterteil. Kurz darauf noch eines. Und jetzt etwas, das nur ein Kopf sein kann. Goliath zögert. Plötzlich flutscht ein schleimiges Etwas auf die Weide. Sofort ist Jane auf den Beinen und beginnt ihr Neugeborenes abzulecken: Goliaths Kind.

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Das Osterlamm mit Namen Steag

Der Bock ist zwar das Tier mit dem mächtigsten Gehörn auf dem Kopf, aber nicht der Chef der Herde. Das ist die erfahrene Fatma. Janes Lämmchen hängt noch an der Nabelschnur, da kommt schon die selbst hochschwangere Chefin, um den Neuankömmling schnuppernd zu begutachten. Nach ihr folgen auch die anderen, bis es Jane zu viel wird. Sie senkt den Kopf und stapft ärgerlich auf: eine Geste, die alle verstehen. Die Mutter will wieder alleine sein und sich ausschließlich ihrem Nachwuchs widmen. Viel helfen muss sie ihm nicht. Er steht längst auf seinen noch leicht zitternden Beinen und hat die Zitzen des Euters gefunden. Steag trinkt.

Warum Steags Vater Goliath heißt

Mutters Milch wirkt Wunder. Nach einer Woche ist Steag ein echter Wildfang, der springt, hüpft, klettert. Noch ist es das einzige Lämmchen der Herde und darf sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der erwachsenen Tiere sicher sein. Sollte Jane tatsächlich Mal nicht gleich zur Stelle sein, um dem ungestümen Nachwuchs zu folgen, erledigt das ein anderes Herdenmitglied. Meistens Vater Goliath. Der könnte gegen seinen Namen ebenso protestieren wie sein Sohn – wenn er nicht auch ein Schaf wäre, das Stimmen und Geräusche genau erkennt. Aber keine Namen unterscheidet.

Goliath: So heißt im Alten Testament der riesenhafte Krieger der Philister, der sich von David, dem Kleinen Jungen mit Steinschleuder, besiegen lässt. Für einen stolzen Schafsbock, der aber nur eine Widerristhöhe von 45 Zentimetern hat, ist dieser Vergleich mit einem hünenhaften Verlierer alles andere als schmeichelhaft. Dabei ist es Goliaths Natur, nicht größer zu sein. Er gehört der Rasse der unaussprechlichen Ouessant-Schafe an (etwa: „Wesson“ gesprochen), der kleinsten Schafsrasse Europas, die ursprünglich auf der gleichnamigen französischen Atlantikinsel zuhause war, dort aber völlig verschwunden ist. Dafür erfreut sie sich bei Hobbyhaltern wachsender Beliebtheit.

Naturschützer statt Opfertier

Angst, als Opferlamm zu enden, braucht Steag – und wehe, jemand sagt „Steak“ – nicht zu haben. Nach Auffassung der Christen hat sich Jesus Christus, dessen Auferstehung zu Ostern gefeiert wird, selbst geopfert für die Sünden der Menschen. Und traditionelle Osterlämmer, die an den Feiertagen verzehrt werden, sind süße Kuchen aus Lam-Backformen. Das braune Lämmchen von der Weide am Rande des Ruhrgebiets kann sorglos in die Fußstapfen seiner Eltern treten. Sobald er mit etwa zwei Wochen Gras fressen kann, wird es die Streuobstwiese pflegen, auf der er geboren wurde: Steags Lebensinhalt wird der Naturschutz sein. Wenn das die Väter des gesprengten Kraftwerks wüssten.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe
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