Jasmin Lidgett und ihr Ehemann stehen neben ihrem Haus. Die bislang unbebaubare Wiese hinter ihnen wollen Stadtverwaltung und Politik bebauen lassen. Der Stadtrat entscheidet am 24. Juni. © Sylvia vom Hofe
Bauen in Cappenberg

Nachbarn am Waldrand sind fassungslos: „Das ist doch keine Baulücke“

Der Rat entscheidet am Donnerstag (24. 6.) über den Hausbau am Rand des Cappenberger Waldes. Die Nachbarn appellieren, von dem Vorhaben abzusehen. Falls nicht, wissen sie, was sie tun werden.

Wenn Jasmin Lidgett auf der Terrasse steht, blickt sie ins Grüne: auf eine Feuchtwiese voller Wildblumen und dahinter auf den Cappenberger Wald, ein Naturschutzgebiet mit überregionaler Bedeutung. Um einen solchen Blick genießen zu können, hatten sie und ihr Mann vor fünf Jahren das Grundstück am Ende der Straße Baltimora ausgewählt: damals der letzte mögliche Bauplatz vorm Wald. Mit der schönen Aussicht könnte es bald vorbei sein. Mit dem Biotop ebenfalls.

Tatsächlich ist auf dem geltenden Bebauungsplan die Wiese nebenan als Fläche für die Landwirtschaft ausgewiesen. Wegen des nahen Waldes wäre sie – ganz unabhängig davon – ohnehin nicht für eine Bebauung in Frage gekommen. Denn dafür war bislang ein Mindestabstand zum Wald von 35 Metern einzuhalten. Beides soll bekanntlich nicht mehr gelten. So wollen es sowohl der Umweltausschuss als auch der Haupt- und Finanzausschuss, die der von der Verwaltung empfohlenen Änderung des Bebauungsplans mit großer Mehrheit zugestimmt haben. Wenn jetzt am Donnerstag (24. 6.) auch der Stadtrat zustimmt, wird auf der Feuchtwiese ein Zwei-Parteien-Haus gebaut werden können.

Anwohner erhielt kein Rederecht

Jasmin Lidgett und ihr Ehemann hatten im Vorfeld schriftlich dagegen argumentiert. Im Umweltausschuss hätten sie sich auch noch gerne persönlich geäußert, bekamen aber – entgegen der in solchen Fällen sonst üblichen Praxis – kein Rederecht in einer Sitzungsunterbrechung. Dafür gab es umso mehr Gespräche anschließend in der Nachbarschaft.

„Keiner versteht, warum das eine Baulücke sein soll“, sagt Jasmin Lidgett., „und dann noch innerörtlich“. Eine Baulücke sei ja etwas zwischen zwei bebauten Bereichen. „Und hier ist auf der anderen Seite nur noch Wald.“

30 Meter muss die Bebauung vom Wald entfernt sein – das ist schon ein Entgegenkommen. Bislang waren 35 Meter nötig. Das Maßband zeigt, wie nah der neue Gebäudekörper dann an das Haus des Ehepaars heranrücken muss. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Während des Gesprächs mit ihr kommen schnell andere Anwohner dazu, erzählen von den Greifvögeln, die auf der Wiese ihre Beute schlagen, von den Hasen, die in ihren Sassen hocken und den huschenden Amphibien. Welche Tiere und Pflanzen genau anzutreffen sind und wie sich die Bebauung auf ihren Bestand auswirken könnte, wird voraussichtlich nie jemand genau wissen. Denn eine Umweltprüfung soll ausfallen, um laut Verwaltung umgehend der verstärkten Nachfrage nach Bauland nachkommen zu können.

Ehepaar will vor Gericht

Wenn es darum ginge, meinen die Umstehenden, hätte man an anderer Stelle schneller und günstiger mehr Wohnraum schaffen können – aber nicht ausgerechnet auf der letzten Wildwiese am Ende von Selms schönster und teuerster Sackgasse. Dort Baurecht zu schaffen, diene nicht der Allgemeinheit sondern nur einzelnen oder einem Einzelnen.

Sollte der Rat so beschließen, wird das Ehepaar umgehend vor Gericht ziehen. Die Stadtverwaltung sieht dem gelassen entgegen.

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Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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