Rebekka Kämpfe ist Bundestagskandidatin der Partei Die Linke für den Wahlkreis Hamm - Unna II. Eines ihrer Hobbies: Boxen. © Felix Püschner
Bundestagswahl 2021

Nach schwerer Krankheit und Morddrohung: Rebekka Kämpfe will sich bis in den Bundestag durchboxen

Rebekka Kämpfe (33) aus Werne will in den Bundestag - am liebsten schon bei dieser Wahl. Dass sie sich durchboxen kann, hat sie schon bewiesen. Auch nach einem schweren Schicksalsschlag.

Es ist nicht allzu lange her, da konnten die Werner Bürger Rebekka Kämpfe voll in Aktion erleben. Gleich mehrfach trat die 33-Jährige laut- und meinungsstark in der Öffentlichkeit auf. Zum Beispiel nach Bekanntwerden des Mecke-Skandals, als ihre Partei (Die Linke) zu einer Demo vor der Fleischerei an der Lippestraße aufgerufen hatte. Kämpfe stand dort mit einem Mikro in der Hand, prangerte „Fehler im System“ an, forderte härtere Strafen für Tierquäler und Konsequenzen nach dem Versagen der Behörden.

Bei der Podiumsdiskussion „Wahlarena“ traf sie auf ihre direkten Konkurrenten für den Wahlkreis Hamm – Unna II. Und auch da machte sie unverblümt deutlich, was sie von dem ein oder anderen aktuellen Volksvertreter hält: „Ich weiß, dass die Leute die Schnauze voll haben von selbstgefälligen Politikern, die am liebsten in die eigene Tasche wirtschaften und den Blick für die Probleme der Normalbevölkerung völlig verloren haben.“

Auf der Bühne mit Sahra Wagenknecht

Jüngst stand Kämpfe mit Sahra Wagenknecht auf der Bühne. In Schwerte war das. Auf einem gut gefüllten Marktplatz. Es war der bis dato größte Auftritt für die 33-Jährige. „Aber machen wir uns nichts vor – die Leute waren nicht wegen mir, sondern wegen Sahra Wagenknecht da. Trotzdem war das eine coole Erfahrung“, sagt Kämpfe und lacht, als wir uns mit ihr in der Werner Innenstadt, unweit des Wahlstands, treffen. Kämpfe hat sich für unseren Termin im Gegensatz zu einigen ihrer Konkurrenten keinen ruhigen Ort ausgesucht. Sie sei nun mal gerne „mitten im Geschehen“, erklärt sie.

Viel Erfahrung hat die Mutter einer fünfjährigen Tochter in der Politik noch nicht – sie trat erst 2020 der Partei bei. An manchen Stellen merkt man das auch. „Moment, ich muss mal eben nachschauen, ich hatte mir dazu etwas aufgeschrieben“, sagt sie, als sie auf eine Frage nicht direkt die passend formulierte Antwort parat hat.

Das sieht Kämpfe locker. Niemand könne alles wissen. Und warum sollte er oder sie das dann nicht zugeben dürfen? Vielleicht, weil man das als Politiker in der Regel so handhabt? Um darauf zu antworten, muss die 33-Jährige nicht auf ihren Zettel schauen: „So will ich aber nicht sein. Es gibt schon genügend inkompetente Politiker, die auf der großen Bühne stehen, sich nicht hinterfragen und so tun, als wüssten sie alles.“

Kämpfe am Wahlstand ihrer Partei in der Innenstadt. Die 33-Jährige wuchs in Stockum auf, lebte dann einige Jahre in Dortmund und kehrte 2019 nach Werne zurück.
Kämpfe am Wahlstand ihrer Partei in der Innenstadt. Die 33-Jährige wuchs in Stockum auf, lebte dann einige Jahre in Dortmund und kehrte 2019 nach Werne zurück. © Felix Püschner © Felix Püschner

Ihr sei durchaus bewusst, dass sie wahrscheinlich nicht per Direktmandat in den Bundestag einziehen wird. Zumindest noch nicht bei dieser Wahl. Aber sie wolle natürlich trotzdem für ihre Interessen und Ziele kämpfen. Dass sie das kann, hat sie sich selbst schon bewiesen. Etwa nach einer Krebserkrankung im Alter von 17 Jahren. Damals sei sie damit nicht offen umgegangen – schon gar nicht in der Schule. Ein Fehler, wie sie heute sagt. Aber auch der Grundstein für einen „etwas verqueren Lebenslauf“, der sie genauso wie die schlimme Diagnose geprägt habe.

Rebekka Kämpfe: „Mein Lebenslauf ist etwas verquer“

Nach ihrem Abgang vom Christophorus-Gymnasium machte sie zunächst ein Wirtschaftsabitur in Hamm, führte dann mit ihrem Ex-Freund eine Kneipe am Werner Marktplatz. Durch die „Tresen-Politik“ sei sie erstmals „ein bisschen politisiert“ worden, erinnert sich Kämpfe: „Man bekommt da viel von den Problemen und Einstellungen der Menschen mit.“

Die Finanzkrise machte den Gastronomen dann jedoch einen Strich durch die Rechnung. Kämpfe zog für mehrere Jahre nach Dortmund, machte dort ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, arbeitete selbstständig als Promoterin und Projektassistentin in Agenturen.

Genau an diesem Punkt machte sie eine Erfahrung, die ein wichtiger Grund für ihr heutiges politisches Engagement ist. „Ich habe damals 80 Stunden in der Woche gearbeitet und bekam 20 bezahlt. Auch weil die Konkurrenz in dem Bereich groß war. Es gab immer jemanden, der für noch weniger Geld gearbeitet hat“, sagt Kämpfe.

Sie habe damals „zunehmend Teile unseres Systems kennengelernt, die nicht so cool sind“. Als die Geburt ihrer Tochter näher rückte, reifte der Entschluss, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Sie begann ein Studium der sozialen Arbeit, bei dem sie nun kurz vor dem Abschuss steht: „Spätestens da habe ich dann Feuer gefangen für die Politik. Meine Professorin ist Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich fand die Idee so einleuchtend, dass ich schnell dem Bündnis Grundeinkommen beigetreten bin“. Nebenbei arbeitete sie für den Verein „Frauen helfen Frauen“.

Mehr Anerkennung für die Arbeit pflegender Angehöriger, mehr Gleichberechtigung – nicht zuletzt bei der Bezahlung – und das viel zitierte Grundeinkommen sind die Themen, die sich Kämpfe auf die Fahne geschrieben hat. Abhalten lässt sie sich bei ihrem Kampf dafür noch nicht einmal von Morddrohungen.

Es ist nicht allzu lange her, dass im Werner Stadthaus ein Brief aus Berlin eintrudelte, adressiert an Kämpfe. Der Inhalt: ein wirres Schreiben mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, in denen es um Mordfälle – zum Beispiel das Kennedy-Attentat – ging. Solche Briefe, sagt die Wernerin, seien keine Seltenheit in der Politik. Eine Parteikollegin aus Dortmund habe ein solches Schreiben ebenfalls bekommen.

Und jeder dritte Brief, den die Bundestagsfraktion ihrer Partei erhalte, beinhalte heutzutage eine Drohung. „Das ist leider so. Ich bin da lieber etwas vorsichtig, habe das auch bei der Polizei gemeldet. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern“, sagt Kämpfe. Sie wolle sich eben durchboxen – bis in den Bundestag.

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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