Früher kümmerten sich die Eltern um Petra Henning. Seitdem der Vater demenzkrank ist, haben sich die Rollen komplett geändert. Nun sorgt sich die 53-jährige Lünerin um die Eltern.

Lünen

, 25.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit einem Jahr ist Paul Bäcker (Namen der Familie geändert) regelmäig zu Gast in einer Lüner Tagespflege. Der 79-Jährige weiß seit längerem, dass er an Demenz leidet. Dass er nun in der Tagespflege gleichzeitig eine feste Tagesstruktur, aber auch Anregung und Förderung hat, freut auch seine Frau Hannelore (78), mit der der Lüner seit 56 Jahren verheiratet ist.

Obwohl sie anfangs mit dem Gedanken, ihren Mann regelmäßig in die Tagespflege zu bringen, nicht viel anfangen konnte. „Unsere Tochter Petra hat mich überredet.“ Die 53-jährige Tochter hatte einen guten Grund, ihre Mutter von der Entlastung zu überzeugen: „Sie musste einfach mal durchatmen, mal Zeit für sich haben. Auch meinem Vater tut es gut.“

Das Verdrängen erst einmal akzeptiert

Als Paul Bäcker vor einigen Jahren immer vergesslicher wurde, ließ er sich bei einem Arzt testen. Dort hieß es jedoch, es sei keine Demenz. Aber Petra Henning ahnte schon, dass dieses Ergebnis nicht stimmen konnte. Weil ihre Mutter die Anzeichen bei ihrem Vater aber verdrängte, akzeptierte sie das zunächst: „Meine Mutter hat es ja im Alltag viel mehr beeinträchtigt als mich.“

Aber auch wenn Hannelore Bäcker immer wieder sagte, man solle doch noch abwarten, machte Petra Henning ihre Mutter immer wieder darauf aufmerksam, dass sich die Anzeichen für Demenz beim Vater mehrten. „Damit hab ich mich nicht sehr beliebt gemacht.“

Diagnose Demenz - nun konnte man endlich handeln

Paul Bäcker hatte Angst davor, an Alzheimer erkrankt zu sein, sagt seine Frau. Das Ehepaar merkte, dass es mit dem bisherigen Arzt nicht funktionierte und machte einen Termin mit einer Lüner Fachärztin aus. Als sie Paul Bäcker testete und die befürchtete Diagnose Demenz das Ergebnis war, war das, so Petra Henning, „nicht schön, aber von da an konnten wir wenigstens handeln.“

35 Jahre lang hatte das Lüner Ehepaar im eigenen Haus gelebt. „Aber da waren Treppen und der Garten musste auch in Ordnung gehalten werden. Das ging nicht mehr so weiter“, so Hannelore Bäcker. Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie sich, in eine Wohnung zu ziehen, die behindertengerecht ausgestattet ist. Und auch einen Fahrstuhl und Flurreinigung bietet. Das alles auch noch nicht weit entfernt von ihrem langjährigen Zuhause. „Ich vermisse unser altes Zuhause nicht und es war auch schön, wieder was Neues anzufangen“, so die 78-Jährige.

Petra Henning hatte sich um die neue Wohnung gekümmert. Etwas barrierearmes zu finden, war nicht so einfach. Aber die 53-Jährige blieb hartnäckig und letztlich fand sie dann das richtige neue Zuhause für ihre Eltern.

Seit zwei Jahren im neuen Zuhause

Das Schwerste sei der Umzug gewesen, aber auch da half Petra Henning ihren Eltern. „Das Haus leer zu machen, sich von manchen Dingen zu trennen, war schon schwierig“, sagt Hannelore Bäcker. Seit knapp zwei Jahren lebt das Ehepaar nun in der neuen Wohnung. Regelmäßig begleitet Hannelore Bäcker ihren Mann zur Physio- und Ergotherapie.

Seit drei Jahren ist Paul Bäcker in einer Gruppe für Demenzkranke in frühen Phasen. Seine Frau besucht dann eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Was es kaum gibt, sind dagegen Gruppen, in denen Demenzkranke stundenweise betreut werden können. Damit die Angehörigen vielleicht mal einen Abend ins Theater gehen können.

Hannelore Bäcker würde gerne öfter ins Theater oder Konzert gehen. Manchmal tut sie das auch, dann ist ihr Mann bei seiner Tochter und ihrer Familie. „Aber er ist dann total müde und meine Mutter kann die Aufführung dann nicht richtig genießen, weil sie sich Sorgen um ihn macht.“

Früher ist Paul Bäcker mit seiner Frau und der Familie seiner Tochter ins Theater gegangen. „Jetzt geht das nicht mehr“, sagt Petra Henning. Das weiß auch Marita Pechr vom Netzwerk Demenz, die die Gruppe für Betroffene unterstützt: „Es wäre toll, wenn es so eine Art Senioren-Sitter gebe, damit Angehörige auch mal abends raus kämen. Denn Demenzkranke belastet es, wenn Neues auf sie zukommt, das löst Stress aus.“

Besuch von Bekannten tat gut

Dagegen tut Vertrautes offenbar gut. So war kürzlich ein Ehepaar aus der Betroffenen- und Angehörigen-Gruppe bei den Bäckers zu Besuch. „Wir haben uns gut unterhalten und beschlossen, das jetzt öfter mal zu machen“, so Hannelore Bäcker. Ihr Mann lebte dabei förmlich auf und erzählte auch einiges, was auch seiner Frau gut tat.

Dass sich die Rollen durch die Krankheit des Vaters verschieben, sei nicht leicht, so Petra Henning. „Es trifft mich schon sehr, wenn sich sein Zustand verschlechtert und ich merke auch, dass es meine Töchter beschäftigt, auch wenn sie nichts sagen.“

Zum Glück habe sich der Charakter ihres Vaters nicht verändert, der immer ein sehr liebevoller und friedlicher Mensch war und dies auch trotz der Demenz geblieben ist.

„Wir sind ein eingespieltes Team“

Als Folge der Krankheit hat Paul Bäcker immer wieder Halluzinationen, sieht Personen, die gar nicht da sind. Petra Henning ist froh, dass ihn das nicht ängstigt. Und sie bewundert ihre Mutter, die ihren Mann so lange wie möglich bei sich in der gemeinsamen Wohnung haben möchte. „Wir sind ein eingespieltes Team, seit 60 Jahren zusammen und seit 56 Jahren verheiratet. Ich weiß wie ich ihn nehmen muss“, sagt Hannelore Bäcker.

Ihrer Tochter wäre es lieber, wenn der Vater öfter in die Tagespflege ginge, denn sie macht sich auch Sorgen um ihre Mutter: „Sie braucht mehr Zeit für sich und ich habe Angst um sie, dass ihr das Ganze zuviel wird.“

  • In Deutschland leben derzeit schätzungsweise rund 1,7 Millionen Menschen mit einer Demenz, davon ca. 350.000 in Nordrhein-Westfalen – mit steigender Tendenz.
  • Annette Goebel vom Netzwerk Demenz Lünen: „Die Diagnose „Demenz“ stellt alle Beteiligten vor besondere Herausforderungen. Es gibt daher auch viele spezielle Angebote sowohl für Betroffene als auch für Angehörige. Von der Selbsthilfegruppe für Menschen mit der frühen Diagnose über Möglichkeiten zum Austausch für Angehörige bis hin zu den verschiedensten Entlastungsmöglichkeiten ist in Lünen ein breites Angebot entstanden, welches der Entwicklung, dass immer mehr Menschen an einer Demenz erkranken, Rechnung trägt.
  • Infos hierzu enthält in kompakter Form der „Wegweiser Demenz“, der bei der Koordinierungsstelle Altenarbeit erhältlich ist oder auch als download auf der Seite des Lüner Netzwerkes Demenz www.demenznetz-luenen.de
  • Erste Informationen und Hilfen sind auch erhältlich beim „Info-Telefon Demenz“ des Kreises Unna unter Tel. (02307) 2 89 90 62.
  • Viele allgemeine Informationen rund um das Thema Demenz enthält die Seite des Bundesministeriums https://www.wegweiser-demenz.de/startseite.html Hier finden sich auch eine Datenbank mit Hinweisen zu Angeboten, ein weblog und vieles mehr.
  • Beratung über das „Alzheimer-Telefon“ der deutschen Alzheimer-Gesellschaft e.v (auch in türkischer Sprache): Tel. (030) 259 37 95 14
    https://www.deutsche-alzheimer.de/
Lesen Sie jetzt
Dorstener Zeitung Serie „Wenn die Eltern älter werden“
Letzte Folge unser Serie: Lünerin (93) plante schon mit 60 konsequent ihr Leben im Alter