In der Corona-Krise waren Teamsitzungen per Videoschalte ein neuer Weg für die Berater der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Bistums Münster in Lünen um Leiterin Ina Fornefeld (o.M.). Auch bei den Beratungen geht man neue Wege. © Eheberatungsstelle Lünen
Ehe-, Lebens- und Familienberatung

Lüner Berater: Corona-Krise wirkt auf Partnerschaften wie ein Brennglas

Corona belastet Beziehungen und Familien seit eineinhalb Jahren. Dennoch ist die Zahl der Scheidungen in NRW weiter rückläufig. Mögliche Gründe kennen Experten einer Lüner Beratungsstelle.

Seit 2008 ziehen in NRW jährlich weniger Menschen als im Jahr zuvor einen endgültigen Schlussstrich unter ihre Ehe. 2020 waren es 3,7 Prozent weniger als 2019. „Über die Gründe können auch wir nur spekulieren“, sagt Ina Fornefeld. Sie leitet die Ehe-, Familien und Lebensberatung des Bistums Münster in Lünen.

Zu ihr und ihren sechs Kollegen (insgesamt fünf Beraterinnen, ein Berater und eine Sekretärin) kommen Paare, Familien und einzelne Ratsuchende, die an ihrer Beziehung arbeiten wollen. Die Zahl der Menschen, die die Beratungsstelle 2020 aufgesucht haben, war weder höher noch niedriger als im Jahr vor Corona.

„Wir sind der Meinung, dass Corona wie ein Brennglas funktioniert: Dort wo es schon Probleme in einer Beziehung gab, werden diese unter den erschwerten Bedingungen noch verstärkt.“

Dass die Zahl der Scheidungen auch 2020 rückläufig war, könnte auch daran liegen, dass Gerichte und Ämter nicht in dem Umfang gearbeitet haben und zugänglich waren wie vor Corona. „Außerdem ist in den meisten Fällen das Trennungsjahr vor einer Scheidung Pflicht. Wenn sich Paare zum Trennungsjahr während Corona entschlossen haben, wird sich das erst auf die Scheidungs-Statistiken von 2021 bis 2022 auswirken.

Digitale Beratungen

Für das Team bedeutete die Pandemie, dass das Spektrum der Beratungs-Möglichkeiten innerhalb kurzer Zeit erweitert werden musste. Es wurden Video-, Online- und Mailberatung eingeführt. Dann entschloss man sich, unter entsprechenden Hygieneregeln auch wieder Beratungen „Face to Face“ in den großen Räumen der Beratungsstelle in Lünen anzubieten. „Wir haben die Räume entsprechend umgestaltet. Auch jetzt sind Beratungen weiterhin auf den verschiedenen Ebenen möglich“, so Ina Fornefeld.

So wie dieser Teller zerbrechen auch Beziehungen. Allerdings wollen Paare auch daran arbeiten und suchen sich die Hilfe von Beratern. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Dass es auch bei Beziehungsproblemen eine Corona-Welle geben wird, können sich die Berater vorstellen: „Aber bisher sind die Paare und Familien noch damit beschäftigt, den Alltag unter Corona-Bedingungen zu regeln.“ Home-Office, Home-Schooling, wirtschaftliche Ängste – all das führe dazu, dass es eher die Tendenz gebe, die Krise gemeinsam zu meistern. „Schwierigkeiten zeigen sich dann eher später, wenn alles wieder in normaleren Bahnen läuft“, so die Vermutung der Beraterin. In der Corona-Krise gebe es nun mal wenig Raum dafür, das Innere einer Beziehung zu reflektieren, weil es so schon genügend Baustellen für Paare und Familien gebe.

Die Warteliste der Beratungsstelle ist dennoch weiter gut gefüllt. Sowohl Paare als auch einzelne Ratsuchende wollen Termine vereinbaren. „Wenn sich jemand alleine anmeldet, raten wir immer dazu, dass man den Partner zum Gespräch mitbringt, man kann nur dann an der Beziehung arbeiten, wenn beide es wollen.“

Ratsuchende kommen aus Lünen, Selm, Werne, aber auch aus umliegenden Städten des Kreises Unna und des Münsterlandes. „Manchmal wollen Leute nicht in ihrer Heimatstadt, in der sie viele Leute kennen, zu einer Beratungsstelle gehen.“

Tendenziell sind es mehr Frauen, die den Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen, wie übrigens auch in NRW mehr als die Hälfte der Scheidungen von der Frau beantragt werden. Ina Fornefeld: „Frauen sind eher unzufrieden mit Problemen und sie fühlen sich auch zuständig für die Beziehung.“ Inzwischen gehen aber auch mehr Männer als früher den ersten Schritt zu einer Beratung – weil sie von früheren Ratsuchenden oder im Internet davon hörten.

In der Statistik von IT NRW zu den Scheidungen 2020 geht es auch darum, nach wie viel Ehejahren eine Partnerschaft scheitert. Die meisten Ehen wurden sechs Jahre nach dem Ja-Wort geschieden. Diese Statistik sieht Ina Fornefeld kritisch: „Man muss eher auf die Dauer der Beziehung schauen, viele Paare sind schon länger zusammen, bevor sie heiraten. Interessant ist dann auch der Grund für die Eheschließung.“

Sprachlosigkeit wird Ratlosigkeit – in manchen Beziehungen. 458 Menschen suchten die Hilfe der Lüner Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Jahr 2020. © Getty Images/iStockphoto © Getty Images/iStockphoto

Auch unverheiratete Paare suchen Rat bei den Experten in Lünen. „Die Tendenz geht derzeit ja immer mehr dahin, dass Paare unverheiratet zusammen leben.“ Auch einige gleichgeschlechtliche Paare vereinbaren Termine: „Das kommt aber nicht so oft vor, vermutlich weil sich gleichgeschlechtliche Paare nicht an eine Beratungsstelle der katholischen Kirche wenden wollen.“ Willkommen ist jeder Ratsuchende – egal welcher Konfession, welcher sexuellen Orientierung, ob mit oder ohne Trauschein. „Uns sind die Menschen mit ihrem Anliegen wichtig.“

Wenn Paare sich an die Beratungsstelle wenden, wollen sie trotz aller Schwierigkeiten zusammen bleiben. Typische Krisen für eine Partnerschaft sind die Phase, in der ein Kind geboren wird und die Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind, sich das Paar neu finden muss. Aber auch die Krankheit eines Partners oder wirtschaftliche Sorgen belasten.

Rat suchen Menschen auch nach einer vollzogenen Trennung. Dann geht es auch um einen Trauerprozess, vor allem natürlich für denjenigen, der eigentlich an der Beziehung festhalten wollte, um Selbstunsicherheit, darum, wie man sich selbst neu findet. Sind minderjährige Kinder in der Familie, muss sich ein Partner in die Rolle des allein Erziehenden hineinfinden. Es steht ein Umzug ins Haus, weil das bisher gemeinsame Zuhause verkauft wird. Und auch das Verhalten des bisherigen Freundeskreises spielt eine Rolle für das neue Leben allein.

Trennung ohne böse Worte

Wird in den Beratungsgesprächen deutlich, dass sich einer der Partner innerlich schon von der Beziehung und dem anderen Partner verabschiedet hat, bietet die Beratungsstelle eine Mediation an, für die eine der Beraterinnen eine Zusatzqualifikation hat. So kann eine Trennung möglichst ohne böse Worte und Erinnerungen ablaufen. Ina Fornefeld: „Wir begleiten auf Wunsch auch den Prozess der Trennung. Gut ist, wenn es den Partnern gelingt, sich friedlich von der Beziehung zu verabschieden.“

Menschen, die in die Beratungsstelle kommen oder die digitale Form der Beratung nutzen, wollen in der Regel an ihrer Beziehung arbeiten, um ein Scheitern zu verhindern. „Es bedarf einer größeren Offenheit, Hilfe zu suchen und Unterstützung anzunehmen“, weiß die erfahrene Beraterin. Wenn man die Situation durch einen Dritten ansehen lässt, bekomme man auch selbst einen neuen Blick auf die Beziehung. Ina Fornefeld: „Bei uns geht es um die emotionale Ebene, wir wollen mit den Ratsuchenden auch eine emotional passende Lösung finden.“

Manchmal seien Ratsuchende empört, dass sie zunächst auf die Warteliste kommen. „Wir bemühen uns aber immer, dass das Erstgespräch zeitlich möglichst bald stattfindet.“ Wenn man dann aber nachfragt, wie lange die Probleme eigentlich schon bestehen, sei man oft erstaunt. „Es zeigt sich oft, dass das Problem, mit dem die Paare zu uns kommen, schon lange besteht, bevor man Rat und Hilfe sucht.“

Keine zeitlichen Vorgaben

Für die individuellen Probleme gibt es keine Patentlösungen und auch keine zeitlichen Vorgaben. Manchmal reichen drei bis fünf Beratungssitzungen, manchmal dauert es aber auch länger. „Das hängt auch viel davon ab, was die Menschen zwischen den Sitzungen tun, ob sie selbst weiter miteinander darüber sprechen und so an der Beziehung arbeiten oder ob sie nur auf die nächste Beratung warten.“ Die Reaktionen seien so vielfältig wie die Menschen selbst.

„Manchmal sind wir auch überrascht, welche kreativen Lösungen die Paare finden. Das passiert zu Hause, die Paare bekommen durch uns einen anderen Blick und Impulse.“ Etwa drei Wochen liegen normalerweise zwischen den Beratungsterminen. Ina Fornefeld: „Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Oft sind es kleine Schritte. Wichtig ist es, auf den Anfang zu schauen, was damals gut und spannend an dem anderen war, warum man sich in ihn verliebt hat.“

Termine vereinbaren458 Ratsuchende im Jahr 2020
  • Ratsuchende können telefonisch, Tel. (02306) 30 17 12 14, oder per Mail efl-luenen@bistum-muenster.de, einen Beratungstermin in der EFL-Beratungsstelle, Pfarrer-Bremer-Str. 20, in Lünen vereinbaren.
  • Im Jahr 2020 gab es 458 Ratsuchende in der Beratungsstelle. 43 Prozent waren Paare/Einzelpersonen mit volljährigen Kindern, je 22 Prozent waren Paare/Einzelpersonen ohne Kinder und zusammenlebende Eltern mit minderjährigen Kindern, acht Prozent Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern und fünf Prozent Stief-/Patchwork- und Pflege-/Adoptiv-Familien mit minderjährigen Kindern.
  • Das Angebot der Beratungsstelle umfasst Einzelberatung in Lebenskrisen und Problemsituationen, Paarberatung bei Schwierigkeiten, Krisen und Trennung, Mediation, Sexualtherapie, Training zur Kommunikationskompetenz, Trauerbegleitung, Traumaberatung sowie Psychoonkologie in Kooperation mit dem St.-Marien-Hospital Lünen.
Über die Autorin
Redaktion Lünen
Beate Rottgardt, 1963 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1972 Lünerin. Nach dem Volontariat wurde sie 1987 Redakteurin in Lünen. Schule, Senioren, Kultur sind die Themen, die ihr am Herzen liegen. Genauso wie Begegnungen mit Menschen.
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Beate Rottgardt

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