Feierabend und Wochenende ist am Freitagnachmittag angesagt bei Malermeister Dimitri Schulz (m) und seinen beiden Azubis Kevin Gojka (links) und Mervan Adali (rechts). Über zu wenige Aufträge kann Schulz aktuell nicht klagen. Im Gegenteil. © Günther Goldstein
Baugewerbe

Lünens Handwerker arbeiten am Limit – und es fehlt Personal

Wer in diesen Tagen einen Handwerker braucht, muss sich in Geduld üben. Der Fachkräftemangel trifft in Lünen auf gute Auftragslage. Hinzu kommt aktuell ein Mangel an Rohstoffen und Material.

Das Arbeitspensum von Bauarbeitern im Kreis Unna erreicht gerade Spitzenwerte. Sie leisten pro Kopf 1417 Stunden pro Jahr, hat die IG Bau Bochum-Dortmund ausgerechnet – und beruft sich dabei auf den aktuellen Arbeitsmarkt-Monitor des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Das wären 118 Stunden und damit 9,1 Prozent mehr als Beschäftigte im Kreis Unna quer durch alle Berufe durchschnittlich bei der Arbeit verbringen.

Dass Handwerker in der Baubranche gerade viel zu tun haben, merkt auch jeder, der einen von ihnen braucht – oder eine Umfrage unter den Lüner Handwerkern machen möchte, wie unsere Redaktion.

Dachdecker gingen nicht einmal ans Telefon, Nachrichten auf Anrufbeantwortern blieben unbeantwortet. Etliche Bauunternehmer hatten keine Zeit für ein kurzes Gespräch. „Ich muss dringend eine Aufstellung machen, damit meine Leute morgen wissen, wo sie arbeiten sollen“, bat ein Unternehmer um Verständnis für seine Absage.

„Könnte vier neue Leute brauchen“

Tatsächlich wissen viele Handwerker in diesen Tagen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Es gibt so viel zu tun. „Ich könnte vier neue Leute brauchen“, sagt Malermeister Dimitri Schulz. Die Arbeit sei da, aber es fehle an qualifizierten Kräften oder fähigem Nachwuchs, den man entsprechend ausbilden könnte. „Viele haben die ersten 19 Jahre ihres Lebens nur am Computer gesessen und gezockt, und die wollen dann ins Handwerk“, stellt der Malermeister immer wieder fest, dass es ein fehlendes Grundverständnis gibt.

„Wir haben früher draußen rumgebastelt und konnten einen Hammer halten – die Jugend von heute nicht mehr.“ Wenn Schulz erzählt, was er als Ausbilder erlebt, könnte man lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Viele wüssten nicht mehr, was ein Meißel sei, schildert der Meister. Einmal suchte jemand „das Lineal, wo Wasser drin ist“. Immerhin wusste er, wie man eine Wasserwaage beschreiben konnte. „Sie glauben nicht, was man da erlebt“, sagt Schulz mit Resignation in der Stimme.

Junge Menschen wollen lieber studieren

„Und diese Probleme haben wir alle“, spricht Schulz für das gesamte Handwerk. „Die meisten wollen studieren, fürs Handwerk bleibt keiner mehr.“ So verteilt sich die Arbeit auf wenige Schultern – und das Nachsehen haben die Kunden.

„Man pickt sich dann erst die Rosinen raus – oder erhöht die Preise“, sagt Schulz. Keines von beidem schmeckt ihm sonderlich. „Mein Großhändler hat nun zum dritten Mal die Preise erhöht – und jedes Mal um vier Prozent“, weiß Schulz. Styropor sei in einem Jahr um 40 Prozent teuer geworden. „Ich würde heute kein Haus mehr bauen“, sagt Schulz. „Die Preise sind explodiert. Es wird jetzt verrückt. Wo soll das hinführen?“

Trotz voller Auftragsbücher, die Schulz hat, haben seine Mitarbeiter eine 40-Stunden-Woche. Er selbst mache als Chef natürlich Überstunden ohne Ende, aber die Mannschaft weitestgehend nicht. „Wenn man ein Pferd bis zum Ende ausfährt, hält das selbst das stärkste Pony nicht aus“, sagt er als Begründung. Seine sechs Mitarbeiter müssten auch Phasen der Regeneration haben.

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