Ein eskalierter Streit - vor allem in der aktuellen Lage keine Seltenheit, weiß Reinhard Streibel vom Weißen Ring. © picture alliance/dpa
Opferhilfe

Lünen ist Schwerpunkt für Opferhilfe: Viel sexuelle und häusliche Gewalt

Die Corona-Krise verstärkt die Notsituation, in der sich viele Menschen befinden. Die Organisation Weißer Ring hilft Menschen in Not - und weist darauf hin, wie ernst die Situation ist.

Schon im ersten Lockdown wurde bekannt, dass die Corona-Krise Probleme mit häuslicher Gewalt verschärft. Viele solcher Fälle werden niemals zur Anzeige gebracht. Doch ein wichtiger Schritt kann es sein, sich Hilfe zu suchen, ohne sofort zur Polizei zu gehen. Eine solche Anlaufstelle für Opferhilfe ist der Weiße Ring. Die Organisation ist seit über 40 Jahren bekannt und finanziert sich durch Spenden und die Bußen von Gerichtsurteilen. So stehen bundesweit etwa 17 Millionen Euro für die Opferhilfe zur Verfügung.

Reinhard Streibel ist Leiter der Außenstelle für den Kreis Unna. Er bestätigt, dass die Pandemie auch zur Krise für viele Menschen wurde. „Die Anzahl der Opfer ist um gut 25 Prozent gestiegen“, sagt er. Die häufigste Art der Gewalt sei häuslich oder sexuell – und das unabhängig vom Status der Menschen. Im ersten Lockdown erfolgte dann ein Einbruch – „die Betroffenen hatten weniger Möglichkeiten, sich Hilfe zu suchen, da ihre Peiniger meist zu Hause waren und sie nicht kommunizieren konnten“, so Streibel. Nach dem Lockdown sei es dann wieder zu einer großen Welle gekommen.

Lünen Schwerpunkt für Opferhilfe

Die Stadt Lünen ist laut Streibel ein Schwerpunkt von Menschen, die sich an den Weißen Ring wenden. In der Stadt gebe es viele Fälle sexueller und häuslicher Gewalt, manchmal aber auch Schlägereien und Überfälle. Ein solcher Überfall ereilte eine ältere Dame, die im Erdgeschoss einer Altenwohnanlage lebt. „Sie befand sich in Vorbereitung auf ihren 90. Geburtstag. Ihr Schwiegersohn war anwesend, um ihr zu helfen, war aber kurz aus der Wohnung gegangen. Es klopfte an der Terrassentür und die Dame dachte, es sei der Schwiegersohn. Es war aber ein Krimineller, der sie überfallen und Bargeld und Schmuck gestohlen hat.“

Es war die Tochter der Dame, die sich an den Weißen Ring wandte – sie habe keinen Einfluss mehr auf ihre Mutter, die sich die Schuld für den Überfall gab. „Wir hatten mit der Dame ein zweistündiges Gespräch, in dem wir wie ein Mantra wiederholt sagten: ‚Sie sind nicht schuld, die Schuld liegt allein beim Täter!‘“ Zwei Wochen später rief die Tochter an und erklärte, dass ihre Mutter endlich akzeptieren konnte, dass es nicht ihre Schuld gewesen war.

Von den Lünerinnen und Lünern, die sich an den Weißen Ring wenden, bleibe laut Streibel nur ein kleiner Teil dabei, keine Anzeige zu machen. „Personen, die sich an Hilfsorganisationen wenden, gehen meistens auch den nächsten Schritt und wenden sich an die Polizei.“ Ein Großteil sei zu diesem Schritt bereit, eben weil man sich um den finanziellen Aspekt keine Sorgen machen müsse, wenn man zuvor die Hilfe der Beratungsstelle gesucht habe.

Hinterbliebener war Opfer

Neben Lünen ist auch Selm eine Stadt, aus der viele Fälle bekannt sind. „Es sind nicht so viele wie in Lünen, aber es gibt dennoch einige Fälle, was für eine Stadt dieser Größe schon recht heftig ist.“ Im Jahre 2019 habe es einen Mordfall gegeben. Eine Frau wurde von ihrem geschiedenen Mann getötet, der Sohn war das Opfer, das sich an den Weißen Ring wandte, weil er nicht wusste, wie er die Beerdigung seiner Mutter finanzieren sollte. Der Weiße Ring konnte letzten Endes eine hohe Summe aus dem Opferentschädigungsgesetz ziehen und den Sohn unterstützen. Der Fall sei erst im Jahre 2020 abgeschlossen worden.

Ein aktueller Fall aus Selm dreht sich um einen Mann, der zusammengeschlagen wurde. „Der Mann ist ein muskulöser Hüne und man konnte sich kaum vorstellen, dass ihm das passiert ist. Aber das ist eben das Wichtige: Man glaubt den Opfern.“ Und eine solche Situation könne eben auch einem Menschen passieren, der genau weiß, dass er sich wehren könnte. „Wir unterstützten ihn mit Beratung für eine Erwerbsminderungsrente und Anfrage für Opferentschädigung – man muss da Druck machen, um die Finanzen zu regeln.“

Insgesamt hat der Weiße Ring im Jahr 2020 für den Kreis Unna 30.000 Euro für Opferhilfe und Rechtsanwaltskosten ausgegeben. Unterstützt wird der Weiße Ring von der Frauenberatungsstelle Frauenforum Unna als wichtiger Kooperationspartner.

Auch finanzielle Unterstützung

Für betroffene Personen ist der Weiße Ring eine Anlauf- und Beratungsstelle, die sogar finanzielle Unterstützung leisten kann. „Wir helfen auch dabei, eine Anzeige zu erstellen, denn das Opferentschädigungsgesetz gewährt Hilfsleistungen nur, wenn eine Anzeige gemacht wurde“, erklärt Streibel. Und häufig ist der Weg zur Anzeige weit – viele Opfer gehen immer wieder zurück zu ihren Peinigern, bevor sie den Absprung schaffen. „Das sind typische Schicksale.“

In den meisten Fällen seien davon Frauen mittleren Alters und jüngere Mädchen betroffen. Zum Vergleich: Von 60 Fällen aus einem Jahr seien nur fünf männliche Opfer gewesen. Unter den Opfern sind auch viele, die nicht nachweisen können, dass sie etwa missbraucht wurden. „K.O.-Tropfen sind nur wenige Stunden nachweisbar. Dadurch verfliegt die Zeitspanne, in der man einen Beweis in der Hand hätte, zu schnell. Das ist ein Grund für die hohe Dunkelziffer an sexuellen Straftaten“, so Streibel.

Und vor allem Frauen mittleren Alters würden sich dafür schämen, wenn sie Opfer eines sexuellen Übergriffs seien. „Ein solcher Übergriff richtet bei den Frauen mittleren Alters meist mehr Schaden an als bei jüngeren Frauen, die sich einfach härter durchsetzen. Ältere Frauen haben Angst, dass die Polizei sie nicht ernst nimmt und fragt, ob Einvernehmen bestand oder ob Alkohol im Spiel war.“

Erstberatung statt direkter Anzeige

In solchen Fällen dränge man die Frauen nicht dazu, Anzeige zu erstatten, sondern stelle ihnen eine anwaltliche Erstberatung zur Verfügung. „Dadurch bietet sich den Frauen die Chance, über den Sachverhalt zu sprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Polizei direkt ermittelt.“ Es sei dann vor allem von der Beweislage abhängig, ob die Opfer den nächsten Schritt gehen können. In vielen Fällen stehe Aussage gegen Aussage.

Dass jüngere Frauen sich mehr durchsetzenn, könnte laut Streibel an der MetToo-Bewegung liegen, die aus Amerika kommend, auch auf Europa viel Einfluss genommen hat. Mit dem Hashtag #metoo bringen Frauen weltweit zum Ausdruck, wie sie sexuell belästigt oder angegriffen wurden, um das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Viel Dankbarkeit kommt zurück

Reinhard Streibel und sein Team leisten wertvolle Arbeit – doch wie hält man all das persönlich aus? „Ich bekomme so viel an positiver Rückmeldung und Dankbarkeit zurück. Einfach dafür, dass es jemanden gibt, der dem Opfer glaubt und zuhört.“ Er sei stolz, Teil dieser Arbeit sein zu können. Streibel und sein Team sind auch in der Öffentlichkeitsarbeit in Vereinen und anderen Organisationen tätig. Zurzeit wird das Team der Außenstelle mit neuen Mitarbeiterinnen verstärkt. Statt zu zweit ist das Team nun fünf Personen stark.

Und das sei laut Streibel auch notwendig, denn: „Aus der zweiten Lockdown-Zeit hat sich noch nicht konkret ergeben, wie hoch die Zahl der Fälle ist. Es vergeht jedoch zurzeit kein Tag, an dem nicht ein neuer Fall eingeht.“

Über die Autorin
Volontärin
Obwohl nicht in Dortmund geboren, bin ich doch eng mit dieser Perle des Ruhrpotts verbunden. Eine Stadt durch die Augen eines Journalisten kennenzulernen, das fasziniert mich. Seit Oktober 2017 arbeite ich für die Ruhrnachrichten und bin seit April 2020 Volontärin.
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Denise Felsch

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