Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sabine Quick-Hellmeier berät in der Gemeinschaftspraxis Leuchtturm an der Präsidentenstraße auch Familien, die es in dieser Zeit nicht einfach haben. Wir haben sie nach den Chancen gefragt, die die Krise für Familien bereithält. © Stefan Milk
Tipps für Familien

Lockdown als Chance? Wie Kinder in der Krise selbstständiger werden können

Die Krise hat für Kinder viele Nachteile, gar keine Frage. Doch sie können auch etwas lernen und daran wachsen. Wie die Eltern sie dabei unterstützen können, weiß eine Kinderpsychotherapeutin.

Natürlich wäre es besser, wenn Kinder wieder in die Schule oder in die Kita dürften. Wenn sie von ihren Lehrern beim Lernen unterstützt würden und endlich wieder Zeit mit ihren Freunden verbringen können. Und bald könnte zumindest für einige Kinder wieder etwas Normalität zurückkehren, wenn sie wieder zurück in den Präsenzunterricht dürfen.

Dass ihnen das gut tun wird, findet auch die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sabine Quick-Hellmeier, die in Bergkamen gemeinsam mit ihrer Kollegin Sabrina Heuser die Psychotherapeutische Praxis Leuchtturm führt. Sie unterstützt Familien in diesen schweren Zeiten und weiß, wie diese zurzeit zu kämpfen haben.

An dieser Stelle soll es aber ausnahmsweise nicht darum gehen, worunter Familien und Kinder jetzt leiden, sondern um die Frage, wie sie das Beste aus der Situation machen können und wie Eltern ihren Kindern dabei helfen können, sich in dieser Zeit weiterzuentwickeln. Freilich ist es schwer in dieser Krise irgendetwas Positives zu entdecken – vor allem, wenn der Stress mit Homeoffice, Homeschooling und Co. zu Hause gerade Überhand nimmt. Doch diese schwere Zeit eröffnet auch Möglichkeiten – und um die soll es gehen.

Kinder können im Homeschooling lernen, selbstständiger zu werden

Zunächst einmal müsse dafür zwischen zwei Arten von Kindern unterschieden werden, erklärt Quick-Hellmeier. Es gebe Kinder, die eher ängstlich sind und die es etwas schwerer haben, mit neuen Situationen umzugehen.

Und es gibt Kinder, die das selbstständige Arbeiten im Homeschooling besser managen, weil sie schon mehr auf eigenen Beinen stehen. „Eltern wissen, wie ihre Kinder sind und was sie erlebt haben“, sagt Quick-Hellmeier. Es gebe Kinder, die schon alleine zum Bäcker gehen und Brötchen holen, während das für schüchterne Kinder mit Stress verbunden ist.

Sabine Quick-Hellmeier erzählt, dass es für Therapiestunden im Kinder- und Jugendbereich noch ein paar freie Plätze gibt, ab Mai bereichert eine Auszubildende das Team. © Stefan Milk © Stefan Milk

Doch sowohl zurückhaltende Kinder als auch aufgeschlossenere können jetzt lernen, selbstständiger zu werden. „Ich bin ein Freund davon, Kindern früh beizubringen, sich selbstständig zu beschäftigen, schon im Kindergartenalter. Sie können auch ohne Mama und Papa etwas in der Welt verändern. Kinder, die das schon gut mitgenommen haben, können jetzt lernen, das weiter auszuformen. In angemessenen Schritten“, sagt Quick-Hellmeier. Dabei gilt stets die Devise, dass die Kinder dabei nicht zu viel Stress ausgesetzt werden.

Konkrete Tipps: So können Eltern ihre Kinder unterstützen

Für Eltern, die ihr Kind dabei unterstützen möchten, auf gesundem Wege selbstständiger zu werden, hat die 30-Jährige, die seit vier Jahren in Bergkamen therapiert, einige konkrete Tipps auf Lager:

So könnte das Kind zunächst die Aufgaben im Lieblingsfach selbstständig bearbeiten. Hat es das geschafft, steht Lob auf dem Programm. Das motiviert ungemein. Der erste Schritt ist geschafft. Als nächstes könne es dann zum Beispiel eine Mutprobe geben, die etwas spielerisch gestellt wird: „Schaffst du das jetzt auch in Mathe?“

Ein weiterer spielerischer Ansatz den Quick-Hellmeier vorschlägt: Man könnte das Kind fragen, wie die persönliche Superheldin oder der Superheld diese Situation bewältigen würde. Das Kind kann sich die Frage dann selbst beantworten und mit Mut gestärkt alleine loslegen.

Kurz gesagt rät Quick-Hellmeier Eltern, ihre Kinder jetzt vor Stress zu bewahren. Stück für Stück – vielleicht auch spielerisch – sollen sie Freiräume zu schaffen, damit der Nachwuchs lernt, Aufgaben eigenständig zu bewältigen und auch alleine Zeit zu verbringen.

Stress ist gefährlich – für Kinder und Erwachsene

Immer wieder betont die Psychotherapeutin dabei, wie wichtig es ist, das Stresslevel herunterzufahren – was übrigens nicht nur für Kinder sehr wichtig ist. Auch Erwachsenen schadet Stress: „Wir gehen davon aus, dass viele Erkrankungen durch Stress ausgelöst werden, auch körperliche“, sagt die Expertin, die nicht nur Kinder und Jugendliche betreut, sondern auch in einem Kompetenzzentrum für Gesundheit mit erwachsenen Patienten zu tun hat.

Sabine Quick-Hellmeier führt die Gemeinschaftspraxis gemeinsam mit der Verhaltenstherapeutin Sabrina Heuser (Foto). Auch sie hilft Menschen jetzt, die Krise zu überstehen. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

„Kommen wir über eine bestimmte Stressschwelle, dann können wir nicht mehr lernen“, so Quick-Hellmeier. Das gilt nicht nur für die Schule, sondern auch für den Arbeitsplatz: „Wird man vom Chef unter Druck gesetzt, springt der Überlebensinstinkt an, statt Verstand und höhere Denkfunktionen ist der Körper auf Flucht und Kampf eingestellt“, erklärt sie. Grund dafür sei die Evolution. Unsere Vorfahren waren gestresst, wenn sie von einem Säbelzahntiger verfolgt wurden, da musste nicht mehr groß nachgedacht werden.

Den Stress mit diesen Tipps runterfahren

Stress ist also nicht nur ungesund, sondern blockiert auch das Denken und die Leistungsfähigkeit – beides können jetzt weder Eltern noch Kinder gebrauchen. Um den Stress zu mindern, ist es einerseits wichtig, das selbständige Arbeiten im Homeschooling je nach Charakter des Kindes nur schrittweise zu fördern.

Ebenfalls rät die Expertin, im Alltag zwischendurch neue und andere Reize zu schaffen. Das kann zum Beispiel Bewegung sein. „Man muss nicht Joggen gehen, aber aktiv werden und denn Trott unterbrechen“, sagt Quick-Hellmeier. Das könne ein Spaziergang an der frischen Luft sein oder auch aktives Aufräumen. Hauptsache mal etwas anderes tun und `runterkommen.

Zudem empfiehlt Quick-Hellmeier Achtsamkeitsübungen. Das entspannt und fördert die Selbstwahrnehmung. Es gibt viele Möglichkeiten, die sich auch einfach umsetzen lassen. Ein paar Beispiele sind

  • Traumreisen
  • Atemübungen (gibt es bei YouTube)
  • Wasser-Kugeln, die im Wasser anwachsen, sie können mit allen Sinnen wahrgenommen werden
  • Sich gemeinsam eine Geschichte ausdenken
  • Eine Glitzerkugel schütteln und beobachten, wie die letzten Glitzer-Partikel auf dem Boden landen
  • Bücher mit Anleitungen, Quick-Hellmeier empfiehlt „Stillsitzen wie ein Frosch“

Eltern, die gerade gestresst im Homeoffice sind, werden sich vielleicht fragen, wann sie das mit den Kindern jetzt noch machen sollen. Aber auch hier sei daran erinnert, dass Kinder vieles selbstständig tun können und manchmal schon ein kleiner Anreiz ausreicht.

„Kinder sind Achtsamkeitsmeister, sie sind immer im Hier und Jetzt, bevor sie die Zeit entdecken und der Tag ritualisiert wird“, so Quick-Hellmeier. Das lässt sich nicht vermeiden und ist freilich auch wichtig, doch das achtsame Wahrnehmen des Momentes sollte weiter gefördert werden. Auch im Erwachsenenalter tut das gut.

Kinder- und Jugendtherapie

Beratungstermine in der Praxis Leuchtturm

  • Termine sind in der psychotherapeutischen Praxis Leuchtturm in Bergkamen generell sehr begehrt, doch im Kinder- und Jugendbereich gibt es aktuell noch Möglichkeiten für eine zeitnahe Erst-Beratung.
  • Familien können immer am ersten Donnerstag im Monat zwischen 13 und 14 Uhr in der Praxis anrufen, um einen ersten Beratungstermin zu vereinbaren. Dabei kann auch geklärt werden, ob eine Therapie überhaupt notwendig ist. Wer nicht durchkommt, wird zurückgerufen.
  • Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Therapiestunden, man braucht keine Überweisung
  • Kontakt zur Gemeinschaftspraxis Sabrina Heuser und Sabine Quick-Hellmeier:
    Präsidentenstr. 40a in Bergkamen,
    Tel.: 0157-54833032,
    www.psychotherapie-praxis-leuchtturm.de

Es schadet also nicht, wenn auch Eltern sich die Zeit nehmen und sich ab und an aus dem stressigen Alltag lösen, sich Ablenkung erlauben und für einen Moment aus dem Homeoffice-Trott herauskommen. Eine Übung von Quick-Hellmeier, die sich gut für Kinder und Eltern gemeinsam eignet: Ein rohes Ei auf die Spitze stellen. Das klappt nur, wenn man wirklich achtsam ist.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
Zur Autorenseite
Claudia Pott

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.