Lehrer in Lünen: Wie stehen sie zum Zeigen der Mohammed-Karikaturen?

dzTerrorismus

Weil er im Unterricht Karikaturen von Mohammed zeigte, wurde ein Lehrer bei Paris getötet. Wie gehen in Lünen Politik-Lehrer mit dem Thema Meinungsfreiheit um? Wir haben uns umgehört.

Lünen

, 04.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Meinungsvielfalt und die Trennung von Staat und Kirche gehören zum geistigen Fundament westlicher Gesellschaften. Immer wieder wird das durch Andersdenkende erschüttert: ganz aktuell durch den mutmaßlich islamistisch-terroristischen Anschlag in Wien. Ende Oktober gab es einen Messerangriff in einer Kirche in Nizza, bei dem ein Küster enthauptet wurde. Auf die gleiche grausame Art und Weise starb am 16. Oktober der Lehrer Samuel Paty, nachdem er Schülern im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte.

Auch Lüner Lehrer greifen das Thema Meinungsfreiheit immer wieder auf im Politik-, Geschichts-, und Religionsunterricht. Wie sie es behandeln und ob sich an ihrer Art zu unterrichten seit dem Tod von Samuel Paty etwas verändert hat, davon berichten drei Pädagogen, die an verschiedenen Lüner Schulen tätig sind.

Zuhause klare Feindbilder gelernt

„An unserer multikulturell geprägten Schule ist das Grundrecht der freien Meinungsäußerung und die Akzeptanz der Meinung anderer ein sehr sensibles Thema“, berichtet Andreas Heuser, Lehrer für Politik und Geschichte an der Profil-Schule Lünen in Brambauer. „Die Religionsfreiheit zu akzeptieren ist mitunter eine schwierige Sache“, sagt er. Meinungsfreiheit tauche immer wieder in verschiedenen Thermenreihen auf: In der siebten und achten Klasse mit der Französischen Revolution und dem damit verbundenen Grundrecht der freien Meinungsäußerung und der Säkularisierung, in der neunten Klasse mit dem Nationalsozialismus oder in der 10. Klasse, wenn die DDR mit ihren Arbeiteraufständen und der Stasi thematisiert wird. „Wir sprechen die Sachen schonungslos an,“ sagt Heuser, der seit zwölf Jahren an verschiedenen Schulen als Lehrkraft tätig ist, „aber man merkt es manchen Schülern an, dass sie von zu Hause eine klare Meinung zum Thema und Feindbilder haben. Und das ist in den letzten Jahren nicht weniger geworden.“

An der Städtische Gemeinschaftshauptschule im Stadtteil Brambauer haben etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. Seit 2015 auch immer mehr Muslime ins Land kommen, „prallen durchaus unterschiedliche Wertvorstellungen, zum Beispiel bei Geschlechterrollen, aufeinander“, sagt der 40-Jährige. Dem begegne er im Unterricht, indem er demokratische Wertvorstellungen vermittelt, auf das Grundgesetz verweist oder darauf, dass Chancen nichts mit dem Geschlecht zu tun haben.

Mohammed-Karikaturen hat er in seinem Unterricht noch nie gezeigt, „ich hätte aber auch keine Angst davor“, sagt Heuser, „das gehört auch dazu. Man muss zwar sehr feinfühlig mit religiösen Gefühlen umgehen, aber eine Demokratie muss sowas auch mal aushalten können. Wir als Schule machen auf keinen Fall keinen Rückzieher und stehen für demokratische Werte ein, auch wenn das im Alltag nicht immer einfach ist.“

Wichtig, Wertschätzung zu zeigen

Auch Matthias Noé, Lehrer für Sozialwissenschaften und Philosophie am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium geht nicht mit Angst in die Schule: „Der Mord an Samuel Paty berührt einen, denn ein Kollege hat etwas gemacht, was ich persönlich auch so oder ähnlich machen würde. Aber in Frankreich ist die Stimmung eine andere.“

Wenn er sich mit seinen Schülern mit Meinungsfreiheit beschäftigt, stellt er Fragen: Was ist eine Meinung? Wo ist die Grenze? Was ist beleidigend? Als Jan Böhmermann seine „Schmähkritik“ präsentierte, griff Noé das auf.

Mohammed-Karikaturen würde er den Schülern allerdings keine zeigen, sondern er würde sie beschreiben. „Ich bin der Ansicht, dass man da auch sensibel mit umgehen muss, was aber nicht heißt, dass man zum Beispiel Karikaturen nicht mehr zeigen darf oder es zu solchen Taten kommen darf. Nichts rechtfertigt einen Mord“, sagt der 42-Jährige. „Ich traue mir zu, Themen so zu behandeln, dass keiner persönlich verletzt wird. Ich spreche aber sehr frei und authentisch über meine Position. Und es ist sehr wichtig, Wertschätzung zu zeigen.“

Frankreich hat anderes „Fahrwasser“

„Es besteht immer die Gefahr Grenzen zu überschreiten und sich angreifbar zu machen“, sagt Katrin Riekermann, Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. „Aber ich bin in meinem gesamten Schulalltag noch nie von einem Schüler bedroht worden.“

Meinungsfreiheit sei immer Bestandteil ihres Unterrichts und werde immer im Hintergrund mitbehandelt, so die 50-Jährige, die seit 20 Jahren als Lehrerin tätig ist. „Im Zusammenhang mit dem Lübke-Mord habe ich den Schülern zum Beispiel die Frage gestellt: Wo fängt Meinungsfreiheit an und wo hört sie auf?“ Bei ihr endet die ganz klar, wenn zum Beispiel „unter Schülern der fünften Klasse schon Holocaust-Witze rumgeschickt werden. Bei Diskriminierung, Rassismus oder Geschichtsfälschung bin ich empfindlich.“

Als Lehrerin, die neben Gesellschafts- und Sozialwissenschaften auch katholische Religion unterrichtet, sagt Riekermann: „Wir haben Religionsfreiheit, und die gilt es auch zu schützen. Aber man sollte sie nicht mit Politik verbinden, sonst kommt es zu Unheil. Wenn wir über IS und Islam diskutieren muss es zwischen diesen beiden eine klare Trennung geben.“

Angst, den Schülern an diesen Stellen Grenzen zu setzen hat sie keine. „Hier gibt es ein anderes Fahrwasser als in Frankreich“, sagt auch sie.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt