Vom Legastheniker zum Professor: Wie eine Diagnose das Leben von Gerrit Cziehso veränderte

dzLüner bringt Roman heraus

Vier Jahre lang litt Gerrit Cziehso, wenn er Deutsch- und Englischarbeiten schreiben musste. Heute ist der 31-jährige Lüner Professor - was er vor allem einer Lehrerin zu verdanken hat.

Lünen

, 07.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass Gerrit Cziehso einmal seine Doktorarbeit komplett auf Englisch schreiben würde und mit 31 Jahren Assistenzprofessor am Lehrstuhl für Marketing und Medien an der Universität Münster ist, hätte der Lüner zu Schulzeiten nicht für möglich gehalten.

In der Grundschule war noch alles gut, als er dann jedoch aufs Gymnasium Altlünen wechselte, begann ein Leidensweg. „Ab der fünften Klasse hab ich immer eine Note schlechter bei Klassenarbeiten in Deutsch und Englisch abgeschnitten, weil ich die Rechtschreibung nicht beherrschte“, erinnert sich Cziehso.

Dann bekam er eine neue Deutschlehrerin, eine junge Pädagogin frisch von der Uni. „Sie hat im Studium mitbekommen, welche Anzeichen es für Lese-Rechtschreib-Schwäche gibt - und das bei mir erkannt.“

Sie lud seine Eltern zum Gespräch und riet ihnen, Gerrit testen zu lassen. „Das haben meine Eltern auch gemacht. Und tatsächlich wurde bei mir Legasthenie festgestellt.“

Mut gemacht und Eselsbrücken gebaut

Das hat mit Intelligenz nichts zu tun, die Betroffenen können sich neue Wörter einfach nicht im Kopf vorstellen. Das beschert auch Probleme beim Vokabellernen in Fremdsprachen. Die Psychologin, die den Test durchführte, machte den Eltern Mut - man könne die Legasthenie durchaus beheben.

Gerrit Cziehsos Familie war erleichtert, dass man ihrem Sohn nun helfen konnte. „Drei Mal die Woche haben sie mich nach der Schule nach Dortmund gebracht.“ Dort lernte er, sich Eselsbrücken zu bauen, um sich neue Begriffe besser zu merken. Eine Sprachtherapeutin empfahl ihm zudem, jeden Tag eine Seite zu schreiben - per Hand, weil sich das Gehirn dann Wörter besser einprägt.

Nur unbekannte Namen machen noch Probleme

Cziehso folgte diesem Rat, und so entstanden im Laufe der Zeit Kurzgeschichten. Auch das half dem jungen Lüner, die Legasthenie zu überwinden: „Heute fällt es im Alltag gar nicht mehr auf. Ich merke es nur noch an Infoständen, wenn ich mein Buch signieren muss und es Namen sind, die ich nicht kenne.“

Tatsächlich ist aus Gerrit Cziehsos Kurzgeschichten nun ein Roman entstanden. „Die Geschichten sollten nicht in einer Schublade verschwinden.“ So überlegte sich der Lüner eine Rahmenhandlung, in der es um einen Lottogewinner geht, in dessen Kopf sich „Gott“ einnistet.

Verlag wurde auf Autor aufmerksam

Zehn Jahre dauerte die Arbeit an seinem Roman. In dieser Zeit schrieb er seine Doktorarbeit, unterrichtete fünf Jahre an der Technischen Universität Dortmund und wechselte nun an die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Münster.

„Ich wollte das Buch, das ein Herzensprojekt von mir ist, unbedingt veröffentlichen, und entschied mich für einen Selfpublisher-Verlag.“ 500 Exemplare wurden gedruckt - und sind mittlerweile fast ausverkauft.

Deshalb wurde der Kamphausen-Verlag auf das Buch und den jungen Autor aufmerksam.

„Am 1. Oktober wird ,Notizen eines Gewinners‘ im Kamphausen-Verlag erscheinen. Und dazu auch noch ein Hörbuch“, freut sich Cziehso, der sich als Buchautor den Künstlernamen „Gerrit C. Paulson“ ausgesucht hat.

Erfolgreiches Projekt von Marketing-Studenten

Der Verlag wird das Buch bei seinen Ständen auf der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse vorstellen. „Ich denke, wir werden auch in Frankfurt dabei sein und mein Buch vorstellen“, so Cziehso. „Wir“, das sind der Autor und fünf seiner Studenten, die aus dem Marketing fürs Buch ein selbstständiges Projekt gemacht haben. Sie kümmern sich um Medien-Präsenz, Infostände bei Buchhandlungen oder auch Lesungen.

„Das Unterrichten ist genau mein Ding. In den fünf Jahren an der TU Dortmund habe ich so viel von den Studierenden zurückbekommen.“ Sie waren offenbar so begeistert, dass Cziehso mehrmals den Lehrpreis der Fakultät gewonnen hat.

Pendeln zwischen Dortmund, Münster und Lünen

In Lünen will er sein Buch beim Moonlight-Shopping am Samstag, 31. August, in der Lippe-Buchhandlung vorstellen. Wahrscheinlich an einem Infostand mit einigen der Studenten aus dem Projekt. Auch wenn Cziehso mittlerweile des Berufs wegen in Dortmund und Münster wohnt, ist er noch oft in Lünen. Denn seine Eltern und seine Schwester mit Familie wohnen ebenso hier wie viele seiner Freunde.

Momentan arbeitet Cziehso an seinem zweiten Roman, der auch im Kamphausen-Verlag erscheinen wird, der sich auf Bücher mit philosophischem Hintergrund spezialisiert hat.

„Jeder Satz ist so gemeint, wie ich es wollte“

So wie es auch „Notizen eines Gewinners“ ist, in dem es um Fragen nach Schicksal, dem Leben nach dem Tod und dem Sinn des Lebens geht. Unterhaltsam verpackt. „Mein zweites Buch ist keine Fortsetzung des ersten Romans, sondern eine komplett andere Geschichte.“ Der 31-Jährige hat sich viel mit philosophischen Themen beschäftigt und versucht diese nun literarisch den Lesern nahe zu bringen.

„Mal sehen, wann es fertig wird. Sicher wird es nicht noch mal zehn Jahre wie beim ersten Buch dauern, aber ich bin sehr perfektionistisch veranlagt. Jeder Satz ist dann auch so gemeint, wie ich es wollte. Weil ich etwas erzählen will, das mir am Herzen liegt. Ich denke, in einem bis zwei Jahren müsste der zweite Roman fertig sein.“

Gerrit C. Paulson: Notizen eines Gewinners, 192 S., tao.de, 17,99 Euro, ISBN 978-3-96240-404-8. Das Buch ist in den Lüner Buchhandlungen erhältlich.
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