Zwei Jobs, trotzdem arm: Über 4500 Lünern geht es heute so

dzArbeit

2350 Euro brutto im Monat oder 13,90 Euro pro Stunde: Hier liegt die Grenze, unterhalb derer man in Westdeutschland als arm gilt. Auch in Lünen und Selm sind viele Menschen davon betroffen.

Lünen

, 15.10.2020, 16:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

40 Stunden Arbeit pro Woche und trotzdem bleibt es klamm im Portemonnaie: Aktuell arbeiten im Kreis Unna 25 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Insgesamt rund 22.200 Menschen erzielen trotz voller Stundenzahl ein Einkommen unterhalb der amtlichen Niedriglohnschwelle von derzeit 2350 Euro brutto im Monat; der Wert gilt für Westdeutschland. Umgerechnet auf den Stundenlohn sind das 13,90 Euro Verdienst pro Stunde. In Lünen sind es mit 4696 Menschen 28,9 Prozent der Arbeitnehmer, die im unteren Entgeltbereich arbeiten. In Selm mit 1056 sogar 30,2 Prozent.

37 Stunden, 1300 Euro

Yasemin Kaya ist eine von ihnen. Trotz einer 37-Stunden-Woche und zwei Jobs kommt die 32-Jährige auf einen Monatslohn von lediglich 1300 Euro Netto. Die Lünerin arbeitet unter der Woche in Teilzeit als Hauswirtschafts- und Betreuungskraft für die Caritas. Am Wochenende ist sie zusätzlich an zwei Tagen insgesamt zwölf Stunden bei einer Tankstelle beschäftigt. Trotz des geringen Verdienstes ist Yasemin Kaya zufrieden mit ihrer Situation. „Natürlich könnte es mehr sein“, sagt sie, „aber ich will meinem achtjährigen Sohn ein Vorbild sein. Nichts-Tun ist keine Option. Und ich wollte unabhängig von den Ämtern sein. Das ist eine reine Tortur.“

Kurze Zeit einmal, etwa sechs Monate, bekam sie Hartz IV. Das möchte sie „nie wieder!“ Dann, mit der Teilzeitstelle bei der Caritas, musste sie aufstocken, weil das Geld nicht zum Leben reichte. „Mit dem Nebenjob bei der Tankstelle bin ich jetzt völlig unabhängig“, sagt die Alleinerziehende. „Ich muss keine Anträge mehr stellen und nicht mein ganzes Leben offen legen. Und am Monatsende bleibt sogar noch etwas übrig.“ In ihrem Ausbildungsberuf als Bäckerin möchte sie nicht mehr arbeiten. „Aber ich überlege eine zweite Ausbildung zu machen. Schließlich bin ich erst 32.“

Fehlende Tarifverträge

Auf die Situation der Geringverdiener hat auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hingewiesen. „Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend“, sagt Gabriele Henter, Bezirksvorsitzende der IG BAU Bochum-Dortmund. In der Region zählten unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt werde.

Neben Tätigkeiten als Aushilfs- und ungelernte Kraft sei auch die schwindende Tarifbindung Grund dafür. „Je mehr Firmen aus Tarifverträgen aussteigen, desto schlechtere Karten haben die Beschäftigten. Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes“, warnt Gabriele Henter. Diese werde durch die Corona-Pandemie teils verschärft: Beschäftigte im Handwerk könnten nur selten Homeoffice machen. Wegen hoher Mieten in den Städten müssten sie zudem oft weite Pendelwege in Kauf nehmen.

Problem: Fehlende Tarifbindung

Die Gewerkschafterin ruft deswegen die Unternehmen im Kreis dazu auf, sich zu Mitbestimmung und Tarifautonomie zu bekennen: „Die Sozialpartnerschaft ist ein Erfolgsmodell, das den Beschäftigten – und den Betrieben – über Jahrzehnte wachsenden Wohlstand beschert hat. Sie darf nicht unter die Räder kommen.“ Nach Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung profitieren davon auch die Firmen. In tarifgebundenen Unternehmen steige die Produktivität, Mitarbeiter seien motivierter.

„Aber auch die Politik ist am Zug. Sie sollte mehr für die Tarifbindung tun“, erklärt Henter und nennt das Beispiel des Maler- und Lackiererhandwerks: Dort haben Gesellen Anspruch auf einen tariflichen Mindestlohn von 13,50 Euro pro Stunde. Diese Lohnuntergrenze wurde von der Politik für die ganze Branche zur Pflicht gemacht. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn liegt aktuell bei 9,35 Euro pro Stunde.

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