Apothekerin Basma Najmeh hat die traditionsreiche Adler-Apotheke an der Lange Straße übernommen. © Quiring-Lategahn
Wechsel in der City

Junge Chefin übernimmt die älteste Apotheke Lünens: „Traum erfüllt“

Eine 32-Jährige führt jetzt die älteste Apotheke Lünens. Für Basma Najmeh hat sich damit ein Traum erfüllt. Den hatte sie nach ihrer Flucht aus Syrien in der ersten Nacht in Deutschland.

Die Adler-Apotheke an der Lange Straße 26 gilt als ältestes Lüner Unternehmen. Ihre Geschichte reicht über 300 Jahre zurück. Der Arzt und Apotheker Dr. Johann Philipp Maul hat sie 1690 gegründet, damals noch in der Bäckerstraße. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war sie die einzige Apotheke in der Stadt.

1892 bauten Carl und Frieda Thiemann das heutige Gebäude an der Lange Straße. Vorher stand dort das Gasthaus „Zum Kronprinzen von Preußen“. Es hieß so, weil der Kronprinz dort auf der Durchreise frühstückte. Genau an der Stelle befindet sich noch heute die Adler-Apotheke. Ein Hauch von Nostalgie ist spürbar. Alte Holzschränke an der Rückwand haben Ausziehfächer mit Büchsen, in denen einst Teeblätter aufbewahrt wurden. Auf den Regalen stehen Porzellangefäße, die inzwischen Schmuckstücke sind.

So sah die Adler-Apotheke an der Lange Straße 26 vor 1940 aus.
So sah die Adler-Apotheke an der Lange Straße 26 vor 1940 aus. © Archiv Thiemann © Archiv Thiemann

Basma Najmeh gefällt das. Die junge Apothekerin will modernisieren, aber altes erhalten. Seit Mai ist die 32-Jährige neue Chefin der traditionsreichen Adler-Apotheke. Sie hat sie von Dorothea Bokranz übernommen. Mehr als 30 Jahre hatte die Apothekerin die Lünerinnen und Lüner beraten und mit Medikamenten versorgt. Dann folgte der Abschied in den Ruhestand. Vorher allerdings hatte sie Basma Najmeh ein Angebot gemacht: die Übernahme der Adler-Apotheke. Für die aus Syrien stammende Nachfolgerin ging damit der Traum von einer eigenen Apotheke in Erfüllung. Den träumte sie nach ihrer Flucht in der ersten Nacht in Deutschland.

Bevor die Adler-Apotheke 1892 neu gebaut wurde, stand an gleicher Stelle dort das Gasthaus
Bevor die Adler-Apotheke 1892 neu gebaut wurde, stand an gleicher Stelle dort das Gasthaus „Zum Kronprinzen“ (M.). © Archiv Thiemann © Archiv Thiemann

Apotheke in Syrien im Krieg zerstört

In Syrien hatte Basma Najmeh Pharmazie studiert und auch eine eigene Apotheke geführt. Die wurde im Krieg zerstört. 2016 kam sie nach Deutschland. Ihr Studium wurde anerkannt, vor drei Jahren bekam sie ihre Approbation. Basma Najmeh lernte Deutsch und arbeitete in verschiedenen Bundesländern als Vertretung in Apotheken. Über die Apothekenkammer wurde sie auf Lünen aufmerksam. Es folgten Nacht- und Notdienste in der Adler-Apotheke. Der wegweisende Kontakt war geknüpft.

So läuft es selten. Nachfolger für Apotheken zu finden, sei momentan eher schwierig, sagt Volker Brüning, Sprecher der Apotheken im Nordkreis. Er selbst hat eine Apotheke in Selm und drei in Lünen. Ein Grund für die Situation sei, dass nach dem Studium nicht genug Pharmazeuten in die Apotheken gingen. Viele wechselten in die Industrie oder in Krankenhausapotheken. Hinzu käme ein Frauenanteil von 85 Prozent, von denen viele nicht in die Selbständigkeit wollten. Bundesweit würden jährlich 300 Apotheken schließen. Auch in Lünen mit 20 Apotheken hat sich beispielsweise für die Elefanten-Apotheke an der Bäckerstraße kein Nachfolger gefunden.

Anders ist das bei der Adler-Apotheke. „Ich hatte mehrere Angebote und habe mich aus dem Bauch heraus für Lünen entschieden“, sagt Basma Najmeh. Eine Entscheidung, mit der sie sich wohlfühlt. Vier pharmazeutisch-technische Assistenten stehen ihr zur Seite. Sie möchte bald einen weiteren Apotheker oder eine Apothekerin einstellen. Die junge Chefin interessiert sich für Homöopathie und hat eine Weiterbildung begonnen. In Corona-Zeiten sei das allerdings schwierig. Aus ihrer Heimat Syrien ist ihr Homöopathie nicht bekannt.

Die Adler-Apotheke an der Lange Straße 26.
Die Adler-Apotheke an der Lange Straße 26. © Stachelhaus © Stachelhaus

Lieferservice übernimmt auch die Chefin

Mit der Einrichtung eines Schnelltestzentrums hat die Nachfolgerin bereits Neuerungen umgesetzt. Nach und nach will sie auch Kompressionsstrümpfe anbieten und mehr Medikamente für Kinder auf Lager haben. Sie plant zudem, die Öffnungszeiten zu erweitern. Doch momentan ist ihr erstmal wichtig, einen guten Kontakt zu ihren Kunden aufzubauen. Die Adler-Apotheke hat treue Stammkunden, aber durch die City-Lage auch solche, die mal eben vorbeischauen.

Wenn Medikamente nicht vorrätig sein sollten, werden sie nach Hause geliefert. Nach Feierabend übernimmt das die Chefin oft sogar selbst.

Information

Geschichte der Adler-Apotheke

Am 1. März 1690 gründete Johann Philipp Maul die erste Apotheke Lünens. Sie erlebte eine wechselvolle Geschichte. 1882 kaufte Carl Thiemann die Apotheke, die sich damals noch an der Bäckerstraße befand. Weil das Gebäude in schlechtem Zustand war, plante Carl Thiemann den Neubau an der Lange Straße 26.

1892 zog die Apotheke um. Carl Thiemann starb 1913, Sohn Hermann übernahm die Leitung der Apotheke. Ihm war 1912 der Victor-Meyer-Preis der Universität Heidelberg für seine als hervorragende Leistung bewertete Dissertation verliehen worden.

Hermann Thiemann gründete 1928 die „Chemisch-pharmazeutische Fabrik Dr. H. Thiemann Lünen“, die sich zu einem bedeutenden Unternehmen in Lünen entwickelte.

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Lünen ist eine Stadt mit unterschiedlichen Facetten. Nah dran zu sein an den lokalen Themen, ist eine spannende Aufgabe. Obwohl ich schon lange in Lünen arbeite, gibt es immer noch viel zu entdecken.
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Magdalene Quiring-Lategahn

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