Die Kontaktsperre wirkt sich auch auf die Arbeit des Lüner Jugendamtes aus. Persönliche Kontakte werden in der Corona-Krise weitestgehend vermieden. Online-Angebote sollen helfen.

Lünen

, 14.04.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auch das Jugendamt in Lünen hat mit den Auswirkungen der Kontaktsperre wegen des Coronavirus zu tun. Wir haben mit Leiter Thomas Stroscher über häusliche Gewalt und Online-Angebote für Jugendliche gesprochen.

Herr Stroscher, Jugendämter schlagen bundesweit Alarm, weil sie Angst haben, dass wegen der Kontaktsperre zum Beispiel die häusliche Gewalt zunimmt. Wie sehen Sie das?
Sicherlich gibt es neben der alltäglichen Gefahr der häuslichen Gewalt in manchen Familien gerade in den Zeiten, wo Menschen eng und durchgehend beieinander leben, die Gefahr, dass so etwas wie ein Lagerkoller droht und kritische Situationen in den Familien entstehen können.

Thomas Stroscher ist der Leiter des Bereichs Jugend.Hilfen und Förderung der Stadt Lünen.

Thomas Stroscher ist der Leiter der Abteilung „Jugend.Hilfen und Förderung“ der Stadt Lünen. © Stadt Lünen

Wie geht das Lüner Jugendamt damit um?
Wir sind klassisch über die normalen Kanäle erreichbar, um in kritischen Situationen unterstützen zu können. Darüber hinaus haben wir als besonderes Beratungsangebot eine Hotline über die städtische Service-Nummer eingerichtet. Ein weiteres Angebot ist zum Beispiel der virtuelle Jugendtreff, der Ende März über die Streetworker eingerichtet wurde.

Was steckt hinter diesem Treff?
Hier wollen wir gerade jungen Menschen die Möglichkeit bieten, sich zumindest virtuell außerhalb der Familien zu treffen und bieten ihnen dort auch Kontakte zu qualifizieren Ansprechpartnern. Wichtig ist, dass die Menschen, egal ob als Eltern, Familien oder Jugendliche, uns als Unterstützung verstehen und sich mit ihren Anliegen an uns wenden. Das gilt auch für Menschen, die merken, dass es bei anderen Familien in ihrem Umfeld Unterstützungsbedarf gibt. Wir haben sozialpädagogische Fachkräfte, die zunächst mit einem offenem Ohr, der niederschwelligen Beratung, aber auch bei der Vermittlung und Installation von verschiedensten Hilfen unterstützen können.

Wie wird das jüngst eingerichtete Online-Angebot der Streetworker angenommen?
Zunächst eher zögerlich, aber es ist ja auch eine völlig neue Form des Angebots. Am ersten Tag wurde es nur von einer Person genutzt, am zweiten Tag schon von über zehn. Inzwischen greifen immer mehr junge Menschen auf diese Plattform zu.

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Und was passiert da?

In der Regel wird ganz jugendtypisch mal reingeschaut, ob und was da los ist. Bei Interesse bleiben die Jugendlichen dann auch längere Zeit. Wir selbst lernen bei dieser neuen Angebotsform auch täglich dazu und versuchen, uns den Bedürfnissen der Jugendlichen anzupassen. In Spitzenzeiten kommen wir mittlerweile sogar quantitativ an die Grenzen unserer virtuellen Portale, sodass wir derzeit zum Beispiel auch neue Chaträume für mehr User einrichten wollen. Darüber hinaus nutzen mehrere Jugendliche die Chance zu Einzelchats mit den Mitarbeitern. Wir denken, dass das Angebot eine niederschwellige Kontaktgelegenheit für junge Menschen in einer angespannten Gesamtsituation ist und Potenzial für die Zukunft bietet.

Welche Maßnahmen hat das Jugendamt ergriffen, um seine Mitarbeiter und seine Klientel vor einer Infektion zu schützen - wenn der persönlicher Kontakt notwendig ist?
Grundsätzlich versuchen wir, dort, wo es möglich ist, das direkte persönliche Aufeinandertreffen auszusetzen. Unterstützungsmaßnahmen werden deshalb auch übers Telefon oder Video-Chats durchgeführt. Da, wo persönlicher Umgang unumgänglich ist, werden sowohl von uns als auch seitens der Leistungserbringer der Jugendhilfe die entsprechenden Vorgaben zum Schutz vor einer Infektion eingehalten. Dazu gehört, Abstand zu halten, die Hände zu waschen, eine Schutzmaske zu tragen.

Wie geht ihre Abteilung in der Corana-Krise mit Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung um?
Wir gehen allen Hinweisen - wie auch in normalen Zeiten - nach einem festen Schema nach. Mögliche Gefährdungssituationen für Kinder bedürfen immer der Überprüfung. Dazu gehört in der Regel der persönliche Kontakt im Rahmen eines Hausbesuchs. Wir sind hier in besonderer Weise den Schutzinteressen der Kinder verpflichtet. Dazu gehört natürlich auch der gesundheitliche Schutz der Kinder und ihrer Familien, so dass wir die besondere Situation durch Corona, natürlich auch hier berücksichtigen.

Gibt es seit Inkrafttreten der Kontaktsperre Mitte März einen Anstieg an Meldungen wegen des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung?
Nein.

Wie viele Jugendliche oder Familien betreut das Lüner Jugendamt eigentlich?
Grundsätzlich ist das Jugendamt Lünen natürlich für alle Familien und Kinder und Jugendlichen in Lünen zuständig. Die Zuständigkeit erstreckt sich auf die klassischen Hilfen zur Erziehung im ambulanten und stationären Bereich gemäß Sozialgesetzbuch (SGB VIII), die Leistungen der frühen Hilfen, Erziehungstrainings und Besuchsdienste sowie Familien-Hebammen, die Halte-Stellen, die verschiedensten Angebote der Jugendförderung, der Familien- und Jugendgerichtshilfe und vielen weiteren Angeboten auf. Somit lässt sich die Frage nicht zahlenmäßig genau beantworten. Manche Kontakte sind kurz, manche lang, einige intensiv und manche nur oberflächlich. Allein im Rahmen der sogenannten Hilfen zu Erziehung haben wir monatlich in der Regel über 700 Hilfen.

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