Unser Autor Michael Dörlemann verbrachte als Kind seinen ersten Urlaub an der Nordsee und erfuhr einiges über diese Reise erst viele Jahre später. © Montage Klose
Urlaubs-Serie

Intime Details und endlose Strände: Meine erste Reise ans Meer

In den 60er Jahren war vieles anders als in der Zeit des Massentourismus. Und der erste Urlaub des Lebens bleibt ohnehin unvergesslich – vor allem, wenn man Jahrzehnte später entscheidende Details erfährt.

An den ersten Urlaub meines Lebens kann ich mich wahrscheinlich nur deshalb erinnern, weil er so etwas Ungewöhnliches war. Damals fuhr niemand aus der Verwandtschaft in den Urlaub. Das höchste der Gefühle waren Ausflüge zum Hermannsdenkmal oder zu den Externsteinen.

Dann wurde frühmorgens unser Käfer und der Ford 12m von Onkel Peter mit geschmierten Broten, Kartoffelsalat, hart gekochten Eiern und uns Kindern beladen – Cousinen, Cousins und mir als damals noch einzigem Einzelkind – und es ging frühmorgens los in den unbekannten Teutoburger Wald.

Dem Jungen tut Seeluft gut

Dass es zum ersten echten Urlaub meines Lebens an der See kam, hatte ich den Ärzten zu verdanken. Ich war damals etwas kränklich und die versammelte Ärzteschaft aus Hausarzt und Kinderarzt in Olfen war zu dem Schluss gekommen, dass dem Jungen Seeluft gut tun würde.

Ich muss damals knapp vier Jahre alt gewesen sein, als mein Vater und mein Onkel meine Mutter, meine hochschwangere Tante, meine Cousine und mich an die Nordsee brachten.

Nach einer schier endlosen Fahrt über münsterländische und niedersächsische Landstraßen – eine Autobahn gab es noch nicht – kamen wir schließlich in Schillig an. Ein Ort, von dem ich viele Jahre dachte, er hieße „Schilling“ wie Fräulein Schilling, unsere Lehrerin in der dritten und vierten Klasse.

Ich muss dort mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Cousine im Juni/Juli 1964 gewesen sein. Dazu, wie ich das heute noch so relativ genau berechnen kann, später mehr.

Mein Vater und mein Onkel fuhren übrigens gleich wieder zurück und tauchten erst am Wochenende wieder auf. Beide mussten arbeiten. Vielleicht war auch ein zwei- oder dreiwöchiger Urlaub für die ganze Familie finanziell noch nicht drin.

Sand, Watt und Kotelett-Knochen unter dem Tisch

Ich kann mich noch an einen schier endlosen Sandstrand erinnern und an matschiges Watt, in dem ich nach Muscheln gesucht habe. Dass das Meer gerne mal verschwand, hat mich damals, glaube ich jedenfalls, noch nicht gestört. Ich konnte ja noch nicht schwimmen.

Ich kann mich an sonnige Sommertage erinnern, in denen ich im Sand gespielt habe. Daran dass wir mittags zu viert zu einem flachen Holzhaus auf der Düne gelaufen sind, wo es Kartoffelsalat und Kotelett gab, von dem ich den Knochen immer wie ein Hund unter dem Tisch abgenagt habe.

Irgendwann kamen mein Vater und mein Onkel, um uns abzuholen. Mein erster und für lange Zeit letzter Urlaub war zu Ende.

Bilder von der Reise an die Nordsee existieren nicht. Das Foto zeigt den Protagonisten der Geschichte mit einer anderen Tante etwa drei Monate vor der Reise bei Gartenarbeiten. © privat © privat

Es hat fast genau 44 Jahre gedauert, bis ich wieder in Schillig war – nachdem mich Google Maps irgendwann über den richtigen Namen des Ortes aufgeklärt hatte. Meine Frau und ich waren für ein paar Tage zusammen am Meer in Ostfriesland.

Wir waren beide etwas enttäuscht, dass es dort keine so endlosen Strände wie in Holland gab, wo wir meist für ein paar Tage am Meer waren.

Das war wohl der Grund, warum ich auf die Idee mit dem Ausflug nach Schillig kam, denn in meiner Kindheitserinnerung tauchte wieder ein unendlich langer und breiter Sandstrand auf.

Die ganze Wahrheit nach 44 Jahren

Um es kurz zu machen: Ich erkannte nichts wieder. Es gab einen längeren Strand als an anderen Orten, aber aus der Perspektive eines Vierjährigen war er viel beeindruckender als mit den Augen eines 48-Jährigen. Das einsame Restaurant auf der Düne in der Holzbaracke gab es nicht mehr, dafür aber einen großen Campingplatz vor und Hotels und Appartementanlagen hinter der Düne.

„Ruf doch mal deine Tante an und erzähl ihr, wo wir sind“, sagte meine Frau, die wohl gemerkt hatte, dass ich etwas bedröppelt aussah. Meine Tante nahm sofort ab und ich konnte ihre Freude an der Erinnerung spüren. „Ach, in Schillig bist Du“, sagte sie und machte eine Pause, in der sie offenbar in ihren Erinnerungen kramte.

„Da ist doch damals dein Bruder entstanden.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, drückte das Handy ans Ohr und sah, wie der Seewind mit den Vorzelten auf dem Campingplatz spielte.

Meine Tante war nicht zu bremsen. „Wir sind doch extra mit dir an den Strand gegangen, damit deine Eltern mal ihre Ruhe hatten.“

Es gibt Dinge, die will man gar nicht so genau wissen.

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
Geboren 1960 im Münsterland. Nach dem Raumplanungsstudium gleich in den Journalismus. Mag Laufen, Lesen, Fußball und den BVB ganz besonders. An den Bergkamenern liebt er ihre Offenheit. Die Stadt ist spannend, weil sie sich im Strukturwandel ganz neu erfinden muss und sich viel mehr ändert als in anderen Städten.
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Michael Dörlemann

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