Die Angeklagte aus Lünen konnte nach dem Urteil aufatmen. © Werner von Braunschweig
Urteil am Landgericht

Insulin-Drama um behinderten Sohn: Landgericht hat Lünerin verurteilt

Das Dortmunder Landgericht hat die 60-jährige Lünerin, die ihrem behinderten Sohn eine Überdosis Insulin gespritzt hat, verurteilt. Am Ende konnte die Angeklagte erleichtert aufatmen.

Die Angeklagte hatte die Tat im Prozess gestanden und war dabei immer wieder in Tränen ausgebrochen. Jahrelang hatte sie ihren 31-jährigen Sohn wegen seiner schweren geistigen und körperlichen Behinderungen gepflegt. Am Tattag habe sie dann wohl geglaubt, er solle endlich seinen Frieden finden.

100 Einheiten gespritzt

Am Morgen, am Mittag und noch einmal am Nachmittag gab sie dem Mann deshalb insgesamt 100 Einheiten Insulin. Dazu benutzte sie ihren eigenen Pen. Sie leidet nämlich schon seit längerer Zeit an Diabetes.

Zum Glück merkte die heute 60-Jährige damals aber schnell, dass sie einen schweren Fehler gemacht hatte. Nachdem ein weiterer Sohn den Krankenwagen gerufen und der 31-Jährige in bedrohlichem Zustand in die Klinik eingeliefert worden war, spielte die Mutter mit offenen Karten. „Er braucht nur Glukose. Ich habe ihm Insulin gegeben“, sagte sie den Ärzten.

Im Krankenhaus sofort alles gesagt

Womöglich rettete die Frau ihrem Kind damit das Leben. Denn den Medizinern gelang es, den Zustand schnell zu stabilisieren. Am Krankenbett soll der 31-Jährige schließlich die Entschuldigung seiner Mutter akzeptiert und ihre Hand gedrückt haben.

Mit den offenen Worten an die Ärzte erreichte die Frau nachträglich aber noch etwas. Die Staatsanwaltschaft hatte die Tat zunächst als versuchten Totschlag gewertet. Weil die Lünerin aber von sich aus Hilfe besorgt hatte, war sie im juristischen Sinn von dem Versuch freiwillig wieder zurückgetreten.

Rücktritt vom Versuch

So blieb am Ende des Prozesses aus Sicht aller Beteiligten nur eine gefährliche Körperverletzung übrig. Die Richter hielten schließlich ein Jahr und zehn Monate Haft dafür für angemessen und ausreichend.

Natürlich konnte die Strafe auch zur Bewährung ausgesetzt werden. Denn niemand erwartet, dass die 60-Jährige sich in ihrem Leben noch einmal etwas zuschulden kommen lässt.

Sohn starb Ende 2020 an Herzinfarkt

Und im Grunde ist die Frau auch ohne das Urteil vom Dienstag genug bestraft. Seit dem Insulin-Drama durfte sie ihren Sohn nicht mehr betreuen. Der Mann kam in eine betreute Einrichtung, wo er Ende 2020 an den Folgen eines Herzinfarktes verstarb.

Bis heute macht sich die Frau deshalb schwere Vorwürfe. Denn sie glaubt, dass ihr behinderter Sohn seit der erzwungenen Trennung nicht mehr die volle Liebe und Pflege bekommen hat, die er benötigte.

Einsicht kam zu spät

„Wenn ich gewusst hätte, dass es soweit kommt, hätte ich das doch nie getan“, sagte die Angeklagte im Prozess und weinte dabei bittere Tränen. Diese Erkenntnis kam allerdings leider zu spät.

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