Horrordates, Sexbeichten: Darüber diskutieren junge Lüner in der App „Jodel“

dzAnonyme Gespräche

Auch in Lünen ist Jodel angekommen. Die App ist besonders bei jungen Leuten sehr beliebt. Diskutiert wird in der App über alle mögliche Themen. Das Besondere dabei: Alle Nutzer sind anonym.

von David Döring und Nadine Gode

Lünen

, 28.04.2019, 05:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich öffne mir ein kühles Paulaner“, kommentiert einer der Nutzer der Social-Media-App Jodel unter einem Post. Na klar, ein Paulaner. Ein kaltes Weißbier. Da will wohl irgendwer online zur Schau stellen, dass es ihm gerade so richtig gut geht. Nicht ganz. In der App Jodel hat sich eine eigene Sprachkultur etabliert. Von einem „Paulaner“ ist dort die Rede, wenn jemand einer Lüge bezichtigt wird. Wer in der App nach „Kik“ fragt, der meint nicht den Textil-Discounter, sondern will den Benutzernamen von einem anderen Nutzer für den gleichnamigen Messenger auf dem Handy erfahren. Und bei Bus- und Bahnfahrern handelt es sich um „Mannis“.

Anonymität als alternative Gesprächsgrundlage

Das ist nicht das einzige Kuriosum der App. Die Nutzer sind komplett anonymisiert. Es ist nach der Installation der App keine Anmeldung nötig. Dadurch können keine direkten Verbindungen zu anderen Nutzern hergestellt werden. Es gibt einen Ersteller eines Themas, der Original Jodler, kurz OJ, und dahinter wird jedem, der unter dem Thema kommentiert, eine Nummer zugeteilt. „Wir bieten Nutzer-zu-Nutzer Anonymität, es ist also keine Historie eines Nutzers sichtbar“, erklärt Valentin Oswald, Pressesprecher des Unternehmens, das als Start-Up in Berlin begann. Oswald begründet diesen Schritt so: „Wir möchten eine realistischere Konversationsgrundlage abbilden und damit einen freieren Austausch fördern. In echt kennt man ja auch nicht die gesamte Geschichte einer Person, mit der man sich in einem Café unterhält.“

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Neben der Möglichkeit, einfach so in der App zu posten, gibt es noch Channel, in denen sich Jodler über bestimmte Themen austauschen. Diese Channel behandeln Themen wie Fitness, Arbeit, Politik oder auch Horrorgeschichten von Dates.

Auch in Lünen gibt es natürlich Jodler. Man findet (vermeintlich) Lustiges, Essens- und Landschaftsbilder oder Szenen aus dem Studentenleben. Die meisten Lüner tummeln sich am liebsten in den folgenden fünf Channels:

  • @Dating: Im Datingchannel sucht man entweder mit einem kurzen Porträt über sich selbst jemanden zum Kennenlernen oder man bemitleidet sich gegenseitig dafür, Single und allein zu sein.

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Aus dem Channel @Dating © Nadine Gode

  • @Selfies: Hier lässt man die Maske der Anonymität fallen. Gepostet werden entweder Selfies aus Alltagssituationen oder auch lustig geschnittene Grimassen, die schwer erkennen lassen, wer auf dem Foto tatsächlich ist.

  • @Horrordatestorys: Wer im Dating-Channel erfolgreich war, landet hin und wieder im zweiten Schritt hier. Es werden peinliche und lustige Geschichten über Dates ausgetauscht.

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Aus dem Channel: @Horrordatestorys © Nadine Gode

  • @Körperselfie: Das Outfit für die nächste Party, den Weg zur Uni oder das Arbeitsoutfit. Wer zeigen will, was er trägt oder auch, was man besser nicht trägt, ist hier richtig. Aber auch den #Fitnessmotivation mit Bildern von Sportbegeisterten findet man hier.

  • @Sexbeichte: Eigene sexuelle Interessen oder Erfahrungen, die man vielleicht nicht unbedingt im eigenen Freundeskreis erzählen möchte, werden hier ausgetauscht und fleißig kommentiert.

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Beliebtester Jodel des Tages in Lünen. © Nadine Gode

App verhindert Amokläufe

Außer dem Standort werden dabei keine weiteren Daten erfasst und es wird keine Historie erstellt. Der Standort kann aber auch schon reichen, um Rückschluss auf den Absender eines Postings zu bekommen. So geschehen im November 2017, als ein Nutzer in Trier einen Amoklauf an der Universität Trier ankündigte. Die Betreiber der App gaben damals die Standortdaten an die Polizei heraus, die den Verdächtigen festnahm. Ein ähnlicher Fall passierte rund ein Jahr zuvor bereits in Süddeutschland. Auch dort kündigte ein Jodler einen Amoklauf an und wurde von der Polizei festgenommen.

Jodel geht viral

Mittlerweile hat Jodel Millionen von Nutzern. Allein in Deutschland sind es laut Jodel „Nutzerzahlen im siebenstelligen Bereich.“ Doch nicht nur in Deutschland wird gejodelt. Auch in der Österreich und der Schweiz, genau so wie in mehreren skandinavischen Ländern. Mittlerweile schafft es die App auch über die europäischen Grenzen hinaus – in Saudi-Arabien war Jodel im vergangenen Jahr die meist genutzte App. Bislang finanziert sich die App, die kostenfrei auf das Smartphone heruntergeladen werden kann, über Investoren. Seit vergangenem Jahr wird aber auch mit unterschiedlichen Werbemöglichkeiten experimentiert.

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