Hebammen-Mangel: Schwangere machen sich oft schon ab der 6. Woche auf die Suche

dzGeburtshilfe

Es gibt zu wenig Hebammen. Schwangere müssen oft lange suchen, um jemanden für die Vor- und Nachsorge zu finden. Das Problem ist auch im Kreißsaal präsent: Bewerbungen kommen nicht mehr.

Lünen

, 27.04.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für Anna Heller, Hebamme am St.-Marien-Hospital, ist jede Geburt ein besonderer Moment. Einer, bei dem auch „Tränchen glitzern“. Ihr Beruf habe viel mit Berufung zu tun, „das lebt man.“ Doch zunehmend herrscht Hebammen-Mangel.

Kliniken werben Hebammen ab

Monika Eickelmann, Stationsleiterin Geburtshilfe am St.-Marien-Hospital, könnte drei Vollzeitkräfte einstellen. Aber sie bekommt noch nicht einmal Bewerbungen.

Dass überall gesucht wird, hat Anna Heller jüngst bei einer Fortbildung in Freiburg erlebt. „Ich bekam zwei Angebote.“ Kliniken würden gezielt Hebammen abwerben und mit Geld oder Zusatzvereinbarungen locken.

Anna Heller fährt täglich eine Stunde aus dem Sauerland zur Arbeit nach Lünen. Sie schätzt das Team und den Zusammenhalt. Die elf Hebammen, die neben ihrem Dienst in der Klinik auch selbstständig tätig sind, haben vielfach ihre Arbeitszeit aufgestockt. Nur so lassen sich die 1500 angefallenen Überstunden in der Gynäkologie auffangen. Zwei Hebammen sind in Elternzeit und zwei gerade selbst Mutter geworden. Jede springt für die andere ein, „das ist etwas Besonderes“, sagt Monika Eickelmann.

Schichtdienst und Rufbereitschaft

Schichtdienst, Rufbereitschaft, schlechte Bezahlung und Haftpflichtversicherung - es sind die Rahmenbedingungen, die „junge Leute dreimal überlegen lassen, ob sie das tun wollen“, sagt Anna Heller. Bei angestellten Hebammen trägt die Versicherung zwar die Klinik, doch sobald sie als Selbstständige noch Kurse geben, fallen 900 Euro im Jahr an. „Da muss sich etwas ändern“, fordert Monika Eickelmann.

Information

Gutachten zur Unterversorgung mit Hebammen

Bundesweit wird ein Hebammen-Mangel beklagt. Bislang gebe es dazu keine verlässlichen Daten, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium. Daher sei dazu ein Gutachten in Auftrag gegben worden, das im Spätsommer vorliegen soll.

Ändern wird sich etwas Anfang 2020. Dann muss Deutschland eine EU-Richtlinie von 2005 umsetzen, wonach die Ausbildung zur Hebamme an die Hochschule verlagert wird. „Es ist höchste Eisenbahn“, sagt Barbara Blomeier vom Landesverband der Hebammen NRW. Sie begrüßt, dass das Bundesgesundheitsministerium dazu einen Referentenentwurf eingebracht hat. Deutschland sei das einzige EU-Land, in dem die Hebammen-Ausbildung noch nicht akademisch sei.

Ausbildung soll akademisch werden

Zurzeit ist eine zehnjährige Schulbildung Voraussetzung für die Hebammenausbildung an einer Fachschule. Künftig sind nach der EU-Richtlinie zwölf Jahre Schulbildung notwendig. Daran soll sich, so der Referentenentwurf, ein Hochschul-Studium anschließen. Der medizinische Fortschritt habe die Anforderungen an Hebammen „unglaublich verändert“, so Blomeier. Durch die Akademisierung stünden ihnen neue Möglichkeiten offen: Promotion, Arbeiten im Ausland, aber auch Klinik-Management oder Forschung. Zudem verspricht sich Blomeier dadurch ein „anderes gemeinsames Arbeiten mit der Ärzteschaft.“ Nicht zuletzt gehe es darum, dem Hebammen-Beruf eine andere Attraktivität zu geben.

Umsetzung noch unklar

Doch es hapere an der Umsetzung. Sie erwarte vom NRW-Gesundheitsminister die Einrichtung einer Steuerungsgruppe mit Vertretern der Hochschulen, der Hebammenschule, des Hebammenverbandes und der beteiligten Ministerien. Es gebe verschiedene Konzepte von Hochschulen und auch Lehrende an Hebammenschulen mit akademischem Grad. Sie müssten Möglichkeiten der Weiterbildung bekommen, um an einer Hochschule lehren zu können.

Anna Heller ist als Praxisanleiterin Fachfrau für den Wissenstransfer zwischen theoretischer Ausbildung und Praxis. Auch sie findet die Akademisierung wichtig, um dem Beruf einen anderen Stellenwert zu geben.

Mathilda kam als drittes Kind zur Welt

Am 24. April ist die kleine Mathilda geboren, das 283. Baby im St.-Marien-Hospital in diesem Jahr. Mama Mandy Rabikowski hatte keine Probleme, eine Hebamme für die Vor- und Nachsorge zu finden. Durch ihre beiden anderen Kinder Mila (5 ) und Mika (3) gab es schon Kontakt. Von Freundinnen weiß sie allerdings, dass sie viel telefonieren mussten. Auch Anna Heller hat gehört, dass Frauen schon in der 6. bis 8. Schwangerschaftswoche angefragt hätten.

Das Bundesgesundheitsministerium teilt dazu auf Anfrage mit: „Im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das zum 1. Mai in Kraft treten soll, ist bereits die Hebammen-Datenbank geregelt“. Um Frauen bei der Suche nach einer Hebamme zu unterstützen und alle verfügbaren Ressourcen der zugelassenen Hebammen ausschöpfen zu können, müsse der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) eine Hebammen-Datenbank führen. Sie solle auch aufzeigen, was die Hebamme anbietet, hießt es aus dem Ministerium.

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